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Hundert Jahre Hamburger Kunsthalle - Beispiel hanseatischen

Hundert Jahre Hamburger Kunsthalle. Am 30. August 1869 öffnete sie ihre Pforten. Das Jubiläum wird am kommenden Freitag gefeiert, würdig und mit berechtigtem Stolz, Gründung und Wachstum der Kunsthalle sind der Initiative und dem Mäzenatentum Hamburger Bürger zu verdanken. In einem Stadtstaat, der nicht auf fürstliche Sammlungen zurückgreifen konnte, war dies die Chance, ein Provinzmuseum zum angesehenen Museum einer Weltstadt zu entwickeln.

Bagger brachten es an den Tag, was Hamburgs Bürger zum Bau der Kunsthalle und damit "zur Bereicherung unserer Stadt um eine hohe Zierde" beigetragen haben: Als Ende 1963 der Boden für die Anlage des neuen Hauses des Kunstvereins, des Kunsthauses und der Tiefgarage davor ausgehoben wurde, kam der***Grundstein zum Vorschein, der am 22. Dezember 1863 zum Altbau der Kunsthalle mit der Front zum Ferdinandstor gelegt worden war.

Ein glücklicher Zufall. Zu verdanken ist er wohl einer Inkorrektheit. Eigentlich müßte die Zinkkapsel mit den Dokumenten noch heute im Grundmauerwerk der Kunsthalle ruhen. Eine kleine Verschiebung des Bauprojektes auf der arrondierten damaligen "Alsterhöhe" hat verursacht, daß der Beweis einer Opferwilligkeit für die Schönen Künste, die die Hanseaten damals spontan und beispielhaft aufgebracht haben, wieder ans Licht befördert werden konnte.

Die in gestochen klarer Schrift abgefaßte Liste der Spender ("Subscribenten"), die mit dem Vorsteher des Kunstvercins, Dr. Abendroth, beginnt (6000 Mark) und mit Dr. B. G. Zimmermann (24 Mark) schließt, verzeichnet in summa 201 493 Mark. Rund 600 Spender sind aufgeführt. Hinter dem Namen N. Hudtwalcker steht der Betrag von 12 000 Mark. Viele Fünf- und Zehnmarkbeträge sieht man vermerkt. Im Protokoll werden auch diese "ins kleine gehenden Zeichnungen" freudig begrüßt.

Von der Aktivität der Bürger beeindruckt, beschlossen Senat und Bürgerschaft, 100 000 Mark aus dem Staatssäckel zuzuschießen (der Bau war auf 300 000 Mark veranschlagt). Noble Geste. Aber man kann noch heute ein wenig darüber schmunzeln, wenn man in einem Rathaus-Protokoll vom Oktober 1862 liest, "der Grundstein müsse spätestens Ende des Jahres 1863 gelegt sein" ? weil nämlich die Subvention noch vor Etat-Schluß h*naus mußte. Deshalb zwei Tage vor Weihnachten die Grundstein- Icgurg. Stolz wurde sie trotz unwirtlichen Well ni - gcfeicp-t.

Aber auch dazumal schon kalkulierte man zu niedrig. Als am 30. August 1869 die Kunslhaü*? dem hamburgischen Staat "als dr-s.xii freies Eigenthum und behufs Verwendung für Zwecke der bildenden Künste" festlich übergeben wurde, hatten die Kosten für Bau und Inneneinrichtung sich verdoppele (618 000 Mark). Gedeckt wurden sie mit 316 000 aus freiwilligen Spenden, 250 000 aus Senatsmilteln und 52 000 aus Zinsen von Vermächtnissen.

So also erfüllte sich, was 1850 vom "Kunstverein in Hamburg" mit der ersten "öffentlichen Gemälde-Ausstellung" angebahnt worden war ? mit der Schau gestifteter Gemälde in den heute nicht mehr bestehenden "Börsen-Arkaden" am Adolphsplatz. Sie fand enorme Resonanz, und regte zu weiteren Schetv kungen an. Diese Reaktion verdichtete sich zum Verlangen nach einem hamburgischen Kunstmuseum. Acht Jahre darauf wurde aus privater Initiative kunstsinniger Bürger das "Comite für den Bau eines öffentlichen Museums" sollten

gebildet. Spendenaufrufe Erfolg sichern.

Da heißt es unter der Datierung von November 1862 anreizend selbstbewußt u.a.: "Der Kunsthalle wird es nach ihrer Vollendung nicht an reichen Kunstschätzen fehlen, in ihren Räumen werden sich die besten Mittel zur Erweckung und Nährung eines edleren Kunstsinnes in allen Schichten der Bevölkerung vereinigt finden. Hamburg wird durch den Bau seiner Kunsthalle zeigen, daß es nicht gesonnen ist, hinter anderen Städten dos deutschen Vaterlandes * in der Förderung der höheren Interessen sedner Bürger zurückzubleiben."

Ebenso anspornende Begeisterung spürt man in der von H. Volgemann gedichteten "Kranzrede" zur Richtfeier der Kunsthalle (12. Oktober 1865):

"Hamburg wohl oft den Vorwurf hören muß, / Daß es, als weltberühmte Handelsstätte / Vorliebe nur für flüchtigen Genuß / Und Sinn einzig für Zahlen hätte! Doch wenn sein Wesen uns genau bekannt, / Kann manches Thun und Streben dafür haften, / Daß es im Kaufmanns-Gewerbestand / Mit Eifer ehrt auch Kunst und Wissenschaften. / So möge denn dies Haus Jahr aus, Jahr ein, / Wenn aufgestellt darin die Künstlergabsn,/ Ein Blüthenpark und ein© Pflanzschur sein / Für alles nur, was groß ist und erhaben!"

Von der Börse zur Alsterhöhe: der Weg "zum Bau einer würdigen Kunsthalle" hat eine reale und eine symbolische Komponente. August Abendroth drückte es bei seiner hoffnungsvoll in die Zukunft gerichteten Rede zur Grundsteinlegung aus: ?Hamburg, der größte und reichste Handelsplatz, nich; nur Deutschlands, sondern des ganzen Continents, war leider bisher verhältnismäßig arm an Werken der bildenden Künste. Während Städte wie Nürnberg, Cöln, Augsburg, Lübeck, Leipzig, Regensburg sich des Schmuckes herrlicher Kirchen, Rathäuser, Museen und anderer öffentlicher Gebäude erfreuen, in Privat und öffentlichen Sammlungen

werthvolle Schätz der Malerei und Plastik besaßen, waren solche Kunstwerke bei uns nur wenige und sehr vereinzelt vorhanden ..."

Der Staat honorierte die Initiative der Bürger, die freiwillige "Aufgabe, auf die Bildung und Veredelung der Bevölkerung hinzuwirken". Er stellte die Alsterhöhe, einst eine Bastion der Befestigungsanlage, als Bauplatz zur Verfügung und gab die "Finanzspritzen".

Schon im Jahr der Grundsteinlegung wtirden der Kunsthalle "werthvolle Schätze" zugeeignet. Der Kunsthändler Georg Ernst Harzen, leidenschaftlicher Sammler und großer Kenner, vermachte ihr eine Reihe vortrefflicher Gemälde (u.a. Isenbrants "Flucht nach Ägypten", Millets "Heroische Landschaft". Arbeiten von Jordaens, Steen und Ruisdal). Noch wichtiger aber ist, daß er seine hervorragende Sammlung von Zeichnungen und graphischen Blättern italienischer, niederländischer und deutscher Meister stiftete. Damit legte er den Grundstock für das Kupferstich-Kabinett und verhalf ihm sofort zu hohem Rang.

Harzens Vermächtnis ? nach heutigen Kunsthandelspreisen auf über 20 Millionein Mark einzuschätzen ? regte seinen Kompagnon Joh. Matthias Commeteir an : Auch er stiftete ? vorzügliche Ergänzung ? seine Grafik-Sammlung. Nicolaus Hudtwalcker, der bei der Bauspende schon tief in die Tasche gegriffen hatte, übertrug der Kunsthalle seine Sammlung von Bildern des 19. Jahrhunderts. Zuvor hatte Richard Hülsenbeck das bedeutende Gemälde "Die Hülsenbeckschen Kinder" von Ph. O. Runge geschenkt. Fräulein Susette Sillem steuerte einiges bei, darunter den "Zigeunertanz" des umstrittenen Feuerbach.

1869 konnten auch diese Stücke einziehen in den nach dem Entwurf der Berliner Architekten Hermann von der Hude und G. Th. Schirrmacher errichteten Bau. (Über Martin Hallers originellen Plan einer Kunsthalle in der Mitte der beiden Alsterbecken hat das Hamburger Abendblatt vor einigen Tagen ausführlich berichtet.) Für die Entscheidung über den Architektenwettbewerb waren namhafteste Museumssachverständige, Baumeister und Künstler gewonnen worden. Unter ihnen befand sich auch Gottfried Semper, der aus Hamburg gebürtige Erbauer der Dresdner Gemäldegalerie und spätere Schöpfer der Museen an der Hofburg in W}en. Semper lebte damals in Zürich. Er hatte wegen seiner Beteiligung an den revolutionären Unruhen von 1848/49 emigrieren müssen und wurde von den sächsischen Behörden steckbrieflich gesucht. Von Hamburg aus wurde ihm per Post am 23. März 1863 versichert: "Daß Sie unter allen Umständen von der hiesigen Polizey nicht beunruhigt werden, versteht sich von selbst." Sieben Wochen darauf setzte die Königlich-sächsische Polizeidirektion mit der Anzeige "Erledigung" im Dresdner Anzeiger den Steckbrief außer Kraft.

Die Einweihung gab den Anstoß zu neuen Stiftungen. Die wichtigste war die des Senators E. Johns, der in der letzten Phase den Vorsitz des Gründungskomitees innegehabt hatte; zu seiner Sammlung gehörte das "Fruchtstilleben" des heute hoch geschätzten Isaak Soreau. Reiche Früchte 'brachte das Geldvermächtnis Carl Heines, der neben Dr. Abendroth, N. Hudtwalcker, G. F. Vorwerk, Adolph Sillem und dem Maler Martin Gensler einer der Hauptakteure für die Museumsgründung gewesen war. Aus dessen Zinsen konnten bis zur Inflation nach dem ersten Weltkrieg mehr als 50 bedeutende Gemälde erworben werden, darunter der "Englandfahrer- Altiar" des Meisters Francke und der ehemalige Hauptaltar der Petrikirche von Meister Bertram; sie krönen noch heute die Gemäldegalerie. Bis 1888 waren die Zinsen der Vermächtnisse C. Heines (für Gemälde) und E. G. Harzens (für Handzeichinungen und Grafik) die einzigen Ankaufsmittel der Kunsthalle; staatliche Zuschü99e gab es dafür nicht. In der nächsten Folge:

Der Kronprinz kommt. Die Demokraten und der Direktor.

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