Deutsche Mischlinge werden volljährig / "Nur beim Bierzapfen wirklich glücklich"

Im Fußball die "schwarze Perle"...

Von unserem Redaktionsmitglied Reinhold Dörrzapf Hamburg, 9. Juli Sie sind Kinder der Liebe, der Not und der farbigen Soldaten aus den französischen und amerikanischen Besatzungsarmeen, geboren in den Jahren nach dem letzten Krieg. In jener aus allen Fugen geratenen Zeit kamen 10 000 dieser Kinder zur Welt, deutsch und kaffeebraun.

Knapp 4Q00 wurden von Ausländern adoptiert, die anderen wuchsen in der Bundesrepublik auf, bei ihren deutschen Müttern und in Heimen. Ein großer Teil ist inzwischen volljährig geworden und mehr oder minder in der Gesellschaft integriert. Die Anpassung in der Schule brachte keine Schwierigkeiten, im Berufsleben klappte es zuweilen nicht so gut, bei der Partnerwahl haben sie die größten Schwierigkeiten.

Am leichtesten wird ihre Hautfarbe im Sport akzeptiert. Das geflügelte Wort, daß dermaleinst unsere Mischlinge ebenso viele Olympiasiege erringen werden wie die amerikanischen Neger für die USA, bleibt zwar Illusion, doch gibt es immerhin schon fünf deutsche Mischlinge, die es im Fußball zu einigem Ruhm gebracht haben. Ihre Namen sind Erwin Kos-tedde (22), Hans Klaus

Schmitt (20), David Scheu (21), Werner Waddey (22) und Willi Rodekurth (20). In anderen Spprtarten stehen sie noch im .zweiten Glied, wie beispielsweise der Leichtathlet Randolph Ochsmanm (Viernheim), deutscher Jugendmeister im Weitsprung.

,Das kleine Hascherl

Die Erfahrungen der fünf Fußballspieler umfaßt die breite Skala der Möglichkeiten und Schwierigkeiten, die ein Mensch mit brauner Haut in einem Land haben kann, in dem sonst nur Weiße leben. Da gilbt es auim Beispiel in München einen Mann, "Jimmy" Schmidt, der nie unter seinen "besonderen Kennzeichen" ziu leiden hatte, der ? wenn es wirklich einmal Ärger gab ? sich immer darauf verlassen konnte, daß ihm die Leute den Schutz für den Schwachen gewährten, und da gibt es als extremes Gegenbeispiel in Nordrhein-Westfalen einen Spieler, Erwin Kostedde, der trotz rührender mütterlicher Fürsorge darunter leiden mußte, daß er von seinen weißen Geschwistern wegen seiner Hautfarbe gehänselt wurde. Der eine hat einen klaren Blick für das, was ihm guttut, der andere verzweifelt an seinen Kindheitserlebnissen.

Der Münchner, Hans-Klaus Schmitt, kam zu einiger Publizität, als er vor einem halben Jahr im Spiel seines TSV 1860 München gegen Kaiserslautern nach einer gefährlichen Eückgabe von Torwart Petar Radenkovic am Hals ge-> packt und zu Boden gestoßen wurde. Damals verlangte die Volksseele harte Bestrafung ihres Lokalmatadors Petar

Radenikovic. ..

Der Münchner Sportjournalist Gunter Wolifbauer: "Wenn der Radi damals beispielsweise den Peter Grosser geschüttelt hätte, dann' hätten die Leute gelacht. Aber den Schmitt, das kleine Hascherl, den haben sie gern gehabt, der war ja so heb. Das haben sich die Münchner nicht .gefallen lassen". Schmitt nahm damals in der Öffentlichkeit Radenkovic in Schutz und bat um Verständinris für dessen jugoslawisches Temperamenit. Aber dunkle Haut macht empfindsam: "Ich war hinterher mit den Nerven henuiwter und nahm innerhalb von zwei Wochen zefon Pfund ab. Das Ganze hat mich so 'geschwächt, daß ich wieder aus der ersten Mannschaft genommen werden (mußte." Jetat ist er

darüber hinweg und strebt seine Rückkehr in die Liga-Elf an.

In bayrischer Mundart

Schmitt ist draußen in Ramersdorf aufgewachsen, dort wo die Giesinger Mietskasernen aufhören und die oberbayerischen Balkonhäuser anfangen. Dort erhielt er seinen Spitznamen "Jimmy", das einzig amerikanische, was ihn mit dem Mann verbindet, der sein Vater ist, der irgendwo in Arizona, Alabama oder Louisiana lebt und von der Existenz seines Münchner Kindls keine Ahnung hat.

Jimmy wurde Mitglied von Schwarz- Weiß München und erlernte den Buchdrucker-Beruf. Er ist ein Münchner, der die spezielle Ramersdorfer Dialekt-Färbung spricht, etwas gegen die "Preißn" hat, sonst ein netter Kerl ist und im übrigen einen erstklassigen Aufbau- Verteidiger spielt. Sein Glück wurde vollkommen, als ihn der große Max Merkel entdeckte und ihn zu seinen "Löwen" brachte: "Hab ich vielleicht Freid g'hafot, daß es pfeirgrad die Sechzger waren. Es ist ganz komisch, ich hab da nämlich an Spezi ig* habt, der hat mi immer zu den Amateurspielen von Bayern rnitignommen, und i hab die Buam a recht guat leiden kenna, aber als Verein hab i mit den Bayern nix anfaraga kenna. I hab immer mehr für 1860 überg'habt." So hört es sich an, wenn ein kaffeebrauner Bayer über Vereins- Patriotismus spricht.

Die Gage vertrunken

In Hessen und Bayern hat sich die Bevölkerung an die Existenz farbiger Mitbürger gewöhnt. Dort gab es viele amerikanische Negersoldaten, die Kinder hinterließen ? im braven Münster dagegen nur wenige.

So fühlte sich dort Erwin Kostedde sogar von seinen weißen Geschwistern ausgestoßen. Die Liebe seiner Mutter brachte ihn noch einigermaßen heil durch die Kindheit. Als er schließlich von Münster zur großen Karrlere nach Duisburg geholt wurde, war seine Psyche zwar schon angeschlagen, doch galt er trotz seiner Empfindlichkeit; im Umgang mit Menschen als zuverlässig.

In Duisburg, beim MSV, wurde er schnell ein gefeierter Star, eine Berühmtheit, die Autogramme geben mußte. Er hatte bald eine Freundin, eine Friseuse, und er wollte sie heiraten. Doch dann kam der Vater hinter diese Verbindung und verbot seiner Tochter den Umgang mit ihm: "Ein Mischling kommt mir nicht in die Familie."

Erwin Kostedde wurde wieder, und diesmal endgültig, klar, daß er nicht so leben konnte, wie andere leben dürfen, daß er ein anderer war, anders als eine Braut, anders als seine Geschwister. Im Fußball war er die "schwarze Perle", im Leben nur schwarz, keine Perle. Sein Glück suchte und fand er künftig nur jenseits von 1,5 Promille. Er und seine Kumpanen vertranken sein Geld und die Wohnungseinrichtung, die ihm der MSV Duisburg getauft hatte.

Die Zeit zwischen Polizeistunde und Training verbrachte Kostedde auf einer Couch, das einzige Möbelstück, das zum Schluß noch in seiner Wohnung stand. Der Verein holte seine Mutter aus Münster, doch auch sie konnte die Lebensweise ihres Sohnes nicht mehr ändern. Kostedde kam nicht mehr zum Training, später mußte er wegen eines Trunkenheitsdeliktes ins Gefängnis. Als er vom MSV in diesem Frühjahr fristlos entlassen wurde, meinte Kostedde: "Ich werde Bierzapfer, dann bin ich wirklich glücklich." Doch auch ein Bierzapfer kann nicht viel mehr trinken als er bezahlen kann.

Dankbar für Liebe

So wollte er zunächst ein Lizenzspieier-Angebot von Alemannia Aachen annehmen. Die Aachener steckten ihn in den kleinen Ort Kohllscbeid, um Erwin zur Besinnung kommen zu lassen, ihn von Konkurrenz-Vereinen und Saufkumpanen fernzuhalten. Kürzlich wurde er in Kahlscheid von Aufkäufern des belgischen Vereins Standard Lüttich aufgespürt und mit über die Grenze genommen. Standard bezahlte dem MSV Duisburg 120 000 DM Ablöse für einen Mann, der ein großer Stürmer wäre, wenn er mit seinem Schicksal fertig werden könnte. Der Duisburger Psychologe Dr. Brüning: ?Erwin braucht eine Frau, bei der er sich geborgen fühlt.

Empfindlich sind sie alle, und dankbar für jede Liebe, die ihnen 'entgegengebracht wird. Werner Waddey, Stürmer bei Borussia Mönchengladbach, sichert mit seinem Geld seiner Mutter ein gutes Auskommen. In Viersen hat er sich von seinen Gagen eine schöne Wohnung eingerichtet, in der er imit ihr ein zurückgezogenes Leben führt. Im Augenblick kommt Waddey bei Borussia nicht mehr richtig zum Zuge, aber er hat sich als kaufmännischer Angestellter bereits eine zweite Existenz aufgebaut. Sein Chef hält viel von ihm.

Er spielt zum Vergnügen

Wie Waddey so gehörten auch der Karlsruher David Scheu und der Offenbacher Willi Rodekurtlh au jener DFB- Jugendelf, die als erste deutsche Nationalvertretung Mischlinge aufgeboten hatte.

Scheu erfreut sich heute eines Stammplatzes bei Karlsruher SC. Willi Rodekurth hat in diesen Wochen mit den Offenfoacher Kickers den Aufstieg in die Bunidesliga geschafft.

Während Rodekurth verbissen um eine große Karriere kämpft, ist Scheu ein Mann, der Fußball nicht des Erfolges wegen spielt, der um alles in der Welt Karlsruhe nicht verlassen will.

Rodekurtihs sportlicher Ehrgeiz und seine Energie sind enorm, aber sein Privatleben beschränkt sich auf seine Familie. Von allem anderen schließt er sich lieber aus.

Für Scheu ist Fußball kein Mittel zur Erringung persönlicher Anerkennung. Er spielt zum Vergnügen und verschmäht lukrative Angebote zahlungswilliger Klubs. Im Augenblick steckt seine braune Haut in einer deutschen Luftwaffen-Uniform.

Sport, Industrie und Militär akzeptieren den dunklen Teimt dieser Männer. Doch viele, die auf dem FußbaiWiplatz Burschen wie Kostedde, Rodekurtlh oder Waddey um jubeln, werden hart, wenn eben diese Burschen ihre Schwiegersöhne oder Wohnunigsnaichbarn werden wollen.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.