Ältester Weser-Raddampfer wird stillgelegt

"Kronprinz Wilhelm" fraß zuviel Kohlen

Von unserem Korrespondenten H. R. Stäche Hameln (Weser), 8. Juni Das "Schnauferl auf der Weser", so wurde der 90 Jahre alte "Kronprinz Wilhelm" genannt. Als Deutschlands ältester Raddampfer und Fahrgastschiff der weißen Flotte auf der Weser befuhr er noch bis vor einigen Wochen mit ein paar hundert Fahrgästen an Bord die Weser zwischen Hameln und Hann. Münden. Nun soll er versteigert werden.

"Es hat uns sehr leid getan. Aber wir mußten den alten Herrn stillegen. Er hätte gut und gern noch seinen 100. Geburtstag als Linienschiff feiern können, aber er fraß uns ganz einfach zuviel Kohlen", heißt es bei der Personenschiffahrts-Gesellschaft Oberweser in Hameln. Die Geseilschaft will den tüchtigen "Kronprinzen" an den Meistbietenden verkaufen. Unter den bisher bekanntgewordenen Interessenten befinden sich das Schiffahrtsmuseum Bremerhaven, die Stadt Hann. MUnden und eine Interessentengruppe aus Hameln.

Die Hameler möchten den "Kronprinzen" für die Rattenfängerstadt erwerben, um ihn hier als Hotelschiff zu stationieren. Die Gesellschaft will sich am 10. Juni entscheiden, wem sie den Zuschlag erteilt.

Zugleich mit dem "Kronprinzen" mustert dessen 70 Jahre alter Kapitän Fritz Kumleh ab. Entlang der Weser war der alte Mann und sein Schiff seit 55 Jahren der Inbegriff alter ehrlicher Schifffahrtstradition. Die Geschichte der beiden begann 1913. Kumleh war 16 Jahre alt, als er an Bord kam. Das Schiff hatte schon 35 Jahre auf den Spanten. Es war auf einer Werft in Blasewitz bei Dresden gebaut worden. Seither befahren die beiden den Strom. 55 Jahre hindurch, fast Tag für Tag, 135 km mit 26 Stationen von Hameln bis Hann. Münden und zurück. Stromaufwärts schipperten sie mit nicht mehr als acht Kilometer in der Stunde dahin. Drei Zentner Kohlen fraß dabei die alte

Zwei-Zylinder-Hochdruck-Dampfmaschine stündlich. Mit ihren beiden beweglichen Zylindern soll sie die einzige noch in Betrieb befindliche Schiffsma-

schine dieser Art auf der Welt sein. Eine zweite steht schon seit Jahrzehnten im Deutschen Museum in München.

In einer Flotte von acht modernen Schraubenschiffen war der "Kronprinz"

der traditionsreichste Dampfer auf der Weser überhaupt. In den 90er Jahren fuhren von Münden, wo sie sich sammelten, noch Auswanderer aus Hessen, Tübingen, Baden und Württemberg auf ihm zu den Amerika-Schiffen nach Bremen. Mit seinen Schaufelrädern kam der "Kronprinz" auch bei Niedrigwasser immer noch am besten über die vielen damals noch im Strom vorhandenen Untiefen.

Die Fahrt von einer Station zur nächsten kostete vor einem halben Jahrhundert einen Groschen. Auf dem "Kronprinz" fuhren die Bauersfrauen zum Markt, die jungen Leute zum Tanz, die Beamten zur Inspektion. Als die ersten Erholungsreisenden kamen, standen die Hausdiener der Hotels und Gasthöfe mit ihren Schildermützen und grünen Schürzen an jeder Anlegebrücke.

Seitdem die Eder-Talsperre im Sommer für die Schiffahrt soviel abgibt, daß man ungefährdet der Endstation zuschippern kann, meint Käpt'n Kumleh, sei die Schiffahrt hier nicht mehr gefährlich. "Der .Kronprinz' schaffte die Strecke aber auch in der trockensten Zeit, und wenn er nur noch fünf Zentimeter unter dem Kiel hatte. Im allertrockensten Jahr 1921 bekamen wir den Sommer über dabei 13 Löcher in den Boden. Der Koch war immer am Laufen, um die Risse mit Speckseiten abzudichten. Glücklicherweise waren sie so dick, daß sie die ganze Saison über hielten. Unser Reeder nannte uns damals nur noch ,Die Speckfahrer'."

Als bekannt wurde, daß der "Kronprinz" seine Fahrten einstellen würde, kamen die Omas und Opas aus den Weserdörfern an Bord, um mit ihm noch einmal eine letzte Weserfahrt zu unternehmen. Und um den ihnen davongefahrenen Oldtimer einzuholen, so berichtet Kumleh, sei ihm noch eine ganze Gesellschaft von Hann. Münden mit Taxis nachgefahren, 110 km bis zum Münchhausener Städtchen Bodenwerder, wo sie dann endlich an Bord gehen konnten.*

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