Frankreichs Unterwasserforscher Cousteau hilftU-Boot-Bergung aus größeren Tiefen ist äußerst schwierig

Die "tauchende Untertasse" sucht nach der "Minerve"

Von unserem Pariser Korrespondenten Erik Verg Paris, 30. Januar Bis morgen nachmittag reicht, nach Ansicht französischer Marinefachleute, theoretisch die Sauerstoffreserve an Bord des französischen U- Bootes "Minerve". Das Boot ist, wie berichtet, seit Sonnabend im Mittelmeer südlich von Toulon verschollen. Gestern abend hat man mit Hilfe von Unterwassersuchgeräten einen Metallrumpf am Meeresgrund geortet.

Die Stelle liegt in der Nähe der Insel Porquerolles. Eine Gegend, in die die "Minerve" nach ihren letzten Kurs- und Positionsmeldungen nicht hätte geraten können. Es sei denn, sie sei empfindlich vom Kurs abgekommen.

Der französische Unterwasserforscher, Kommandant Cousteau, will mit seinem Tauchboot "Denise" heute festzustellen versuchen, was für ein Metallrumpf es ist, den man entdeckt hat. Jacques Cousteau ist der Leiter des Forschungsschiffes "Calypso", das mit einem kleinen Tauchschiff für zwei Mann Besatzung ausgerüstet ist. Diese "tauchende Untertasse", auch "Denise" genannt, kann nur eine begrenzte Tiefe erreichen. Außerdem aber besitzt die französische Marine das Tauchschiff "Archimede", das bis auf 9000 Meter hinabkommt, Es ist für drei Mann Besatzung eingerichtet, kann zwölf Stunden unter Wasser fahren und 20 Kilometer im Umkreis absuchen.

Sollte es sich tatsächlich um die "Minerve" handeln, so sind alle Bergungsmaßnahmen schon soweit vorbereitet, um sofort anlaufen zu können; denn äußerste Eile ist geboten.

Die Hoffnung ist aber nur noch sehr gering, Überlebende zu finden. Warum ist es so schwierig, ein gesunkenes U- Boot zu finden und die Besatzung zu retten?

- Zwar ist es heute relativ leicht, ein getauchtes U-Boot zu orten, das sich in Fahrt durch seine Motoren- und Schraubengeräusche und anderes verrät. Wesentlich schwerer ist es, ein Boot zu finden, das bewegungslos auf Grund liegt, und sei es in relativ geringer Tiefe. Man versucht, es von U-Bootjägern und Hubschraubern aus, die mit Echoloten ausgerüstet sind. Außerdem gibt es Unterwasser-Hörgeräte, mit denen man Geräusche auf ziemlich große Entfernungen vernehmen kann.

- Funken kann ein U-Boot nur über Wasser oder wenn die Antennen über Wasser ragen. Die Reichweite der Unterwasser-Telephoniie (über Ultraschall) ist begrenzt. Es ist nicht bekannt, wie die "Minerve" ausgerüstet ist.

- Die "Minerve" hatte u. a. 50 Rauchund Funksignalbojen an Bord, die sie ? wie jedes U-Boot ? in Gefahr an die Oberfläche steigen läßt, wo sich dann weithin sichtbare Rauchwolken bilden. Da die "Minerve" keine dieser Rauchbomben benutzt hat, besteht die Befürchtung, daß die Besatzung dazu nicht mehr in der Lage war, weil das Boot zu schnell absackte und der Druckkörper zu Bruch ging. (Auch die israelische "Dakar" hat keine Notsignale ausgesarudt.)

Die Selbstrettungsmöglichkeiten einer LT-Boot-Besatzung sind aus größeren Tiefen sehr schwierig. Sie setzen intakte Ausstiegsluken und Tauchretter voraus.

In geringen Tiefen gibt es für die Retter von außen die Möglichkeit, Trossen unter das Boot zu legen und es zu heben. Oder man senkt eine Taucherglocke auf den Rumpf des U-Bootes, durchbohrt die Hülle und kann die Mannschaft auf diese Weise retten. Es gibt Taucherglocken, die auf die Luken der U-Boote passen.

Für die Bergung in etwas größerer Tiefe haben die Amerikaner eine Art Saugnapf erfunden, der sich an den Rumpf des U-Bootes festklammert und das Aussteigen von 24 Mann ermöglicht. Die Amerikaner haben gestern Luftzufuhrrohre per Flugzeug nach Toulon geschafft, die bis zu 200 m Tiefe an einem U-Boot angebracht werden können und es eine Weile mit Sauerstoff versorgen können.

Doch alle diese Möglichkeiten sind ausgeschlossen, wenn die "Minerve" tiefer als 300, höchstens 500, abgesunken ist, wo es so gut wie sicher ist, daß das Boot weitgehend zusammengedrückt wurde. Im Manövergebiet der "Minerve" betrug die Meerestiefe 2500 m.

Drei Theorien für die Ursachen des Unglücks der "Minerve" (wie ebenso der israelischen "Dakar") erscheinen wahrscheinlich.

© Versagen der Taucheinrichtungen

(Wasseraufnahme zum Tauchen, Wasserausdrücken zum Wiederauftauchen) ;

© Eine Motorenpanne, die nicht behoben werden konnte. (Die "Minerve" fuhr über Wasser mit Dieselmotoren, unter Wasser mit Elektromotoren) ; ® Versagen des Tiefensteuers.

Für nicht ausgeschlossen hält man aber auch, daß der Untergang der beiden U-Boote mit dem sizilianischen Erdbeben in Verbindung steht. Erdbeben verursachen oft Flutwellen, di" Unterwasserlawinen von ungeheurer Wucht gleichen. Eine solche an der Oberfläche kaum sichtbare Flutwelle kann die U-Boote möglicherweise einfach umgeworfen und in die Tiefe gedrückt haben.

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