- Irrtum des Piloten Haarscharf an einer Katastrophe vorbei 137 Menschen an Bord

Düsenriese landete auf Finkenwerder

Hamburg, l.Juni Der gefährliche Irrtum und das fliegerische Husarenstück des 56jährigen spanischen Flugkapitäns Rodolfo Bay sind heute Tagesgespräch in Hamburg. Bay fand mit seinem über 100 Tonnen schweren Düsengiganten am hellichten Tag den Fuhlsbütteler Flughafen nicht Er landete statt dessen auf der viel zu kurzen Betonpiste der Hamburger. Flugzeugbau GmbH auf Finkenwerder. Keiner der 128 Fluggäste und der neun Besatzungsangehörigen an Bord kam zu Schaden. Genau 135 Minuten dauerte das Gastspiel, das der silbergraue Riesenvogel vom Typ "Coronado 990" auf Finkenwerder gab. Um 13.51 Uhr hatte er aufgesetzt, und um 16.06 Uhr entschwebte er mit Donnergetöse wieder ? aller-

dings ohne Touristen. Niemals zuvor war eine derartig große Maschine auf Finkenwerder gelandet. Höchstwahrscheinlich wird es auch niemals wieder geschehen.

Die schwärzesten Stunden in der SBjährigen Flugpraxis des Flugkapitäns Bay begannen genaugenommen bereits gestern vormittag um 11 Uhr. Die spanische Chartergesellschaft Spantax, deren Präsident Bay ist, wollte im Fuhlsbütteler Flughafen vor Journalisten demonstrieren, wie pünktlich und wie sicher heute Chartermaschinen fliegen. Genau das sollte die vierstrahlige "Coronado", die mit deutschen Urlaubern aus Mallorca erwartet wurde, beweisen. Mit diesem Test wollte die Spantax Vorwürfen begegnen, die ihr wiederholt gemacht worden waren.

Aber die "Coronado" mit den 128 Eigene Berichte

braungebrannten Urlaubern kam nicht. Weder um elf noch um zwölf oder um 13 Uhr. Die Journalisten wurden ungeduldig, und die Veranstalter des mißglückten Tests bekamen kalte Füße. Zwischendurch ließ man belegte Brote und Sekt auffahren. Schließlich wurde mitgeteilt, die Maschine habe in Zürich außerplanmäßig zwischenlanden müssen.

Gegen 13.45 Uhr hatte der Tower in Fuhlsbüttel endlich Verbindung mit der Es berichten: Egbert A. Hoff mann, Horst Schüler, Hans-Henning Kroll, Folker Fröbe Fotos: Gisela Floto, Horst Münch, Carl

Schütze, Hamburger Aero-Lloyd "Coronado". Beim Überfliegen des Funkfeuers Schätzendorf (Lüneburger Heide) erhielt sie Landeerlaubnis. Vier Minuten später hätte sie in Fuhlsbüttel aufsetzen sollen.

Aber sie setzte -nicht auf. Weder vier Minuten später noch zehn Minuten oder zwölf Minuten später. Die Spannung der Flugleitung wuchs von Sekunde zu Sekunde. Was war geschehen? Ein Absturz mit 137 Menschen? Großalarm wurde vorbereitet.

Nach einer Viertelstunde bangen Wartens ein mysteriöser Telefonanruf im Tower: "Die ,Coronado' ist soeben auf Finkenwerder gelandet!" Wieso auf Finkenwerder? Die Spannung wurde unerträglich.

Um 14.35 Uhr teilte die Spantax den immer noch wartenden Journalisten lakonisch mit: "Die Pressekonferenz fällt aus. Unsere Maschine hat soeben eine technische Landung auf Finkenwerder gemacht." Dazu kein Kommentar.

Flugkapitän Bay hätte nur auf seine Instrumente zu sehen brauchen und wäre um 13.51 Uhr so sicher in Fuhlsbüttel gelandet wie unzählige Düsenmaschinen vor ihm. Warum er das nicht tat, bleibt sein Geheimnis.

Beim Überfliegen der südlichen Randgebiete Hamburgs sah er die Landebahn der Hamburger Flugzeugbau auf Finkenwerder ? und hielt sie für das "Luftkreuz des Nordens" in Fuhlsbüttel! Er verzichtete auf seine Instrumente und entschloß sich zur Landung. Die riesige Maschine setzte sicher auf der Betonpiste auf, die mit 1360 Meter Länge normalerweise viel zu kurz für ein vollbeladenes Flugzeug dieses Typs ist. Aber das Unglaubliche gelang: die "Coronado" kam noch vor Ende der Betonpiste zum Stehen.

Der Flugsicherungswart im Kontrollturm von Finkenwerder glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als der Düsengigant wie ein heulender Schatten am Kontrollturm vorbei einschwebte und über die Piste jagte. Das kann nicht gutgehen, durchzuckte es ihn. Aber es ging gut. Zu keiner Minute hatte er Funkkontakt mit der Spantax-Maschine gehabt. Das konnte er auch gar nicht,

weil die Werk-Frequenz Flugkapitän Bay nicht bekannt war.

Wie ein Lauffeuer sprach sich die völlig unprogrammäßige Landung auf dem Werkgelände herum. Minuten, später ruhte überall die Arbeit. Hun-' derte von Angestellten und Arbeitern erschienen, um Augenzeuge der nächsten Ereignisse zu sein. Es war ein reiner Zufall, daß im Augenblick der Landung keine Bundesewehrmaschinen auf der Startbahn waren. Normalerweise herrscht auf Finkenwerder ein reger Flugbetrieb. Bei allem Pech hatte Bay also sagenhaftes Glück!

In aller Eile wurden eine Treppe herangerollt, und die 128 Passagiere hatten endlich Hamburger Boden unter sich. Die meisten erfaßten erst jetzt, daß sie nicht in Fuhlsbüttel waren. Einigen war es allerdings, wie sie dem Hamburger Abendblatt erzählten, "komisch vorgekommen", daß sie "so dicht über die Elbe" hinweggeflogen waren.

Was nun geschah, rollte mit der Präzision eines Uhrwerks ab:

- Die Urlauber wurden in die Kantine der Flugzeugbau gebracht.

- Auf dem Fuhlsbüttler Flughafen startete ein Lufttaxi mit Paß- und Zollbeamten ? Kurs Finkenwerder.

- Mehrere Jasper-Busse wurden nach Finkenwerder geschickt, um die Urlauber zum ZOB zu bringen.

In keiner Minute herrschte Unruhe oder gar Panik. Schon eine halbe Stunde nach der unplanmäßigen Landung war das Gepäck ausgeladen, und die Abfertigung durch den Zoll begann. Es schien so, als sei ein eingespieltes Team bei der Arbeit, und Flugtouristen seien übliche Gäste auf Finkenwerder. Die ersten Busse verließen das Gelände der Flugzeugbau noch vor lö'^Uhr zur Innenstadt. Einige Mallorca-Heimkehrer erlebten aber doch noch mit, wie "ihre" Maschine um 16.06 Uhr wieder startete.

Ein zweites Mal bewies Kapitän Bay Ruhe, Kaltblütigkeit und fliegerisches Können. Er wußte, daß er nur 1360 Meter Startbahn hatte. Aber schon nach wenig mehr als 800 Meter hob sich der Vogel mit heulenden Düsenaggregaten ab. Staunender Kommentar unter den vielen Zuschauern: "Donnerwetter, der versteht was vom Fliegen!"

Vier Minuten später setzte die "Coronado" wieder auf. Diesmal wirklich in Fuhlsbüttel.

Vor den Journalisten, die immer noch warteten, beschönigte oder verheimlichte Kapitän Bay nichts. In englischer Sprache sagte er kurz: ?Es war mein Fehler. Ich habe die Flugplätze verwechselt. Ich bin bisher noch niemals in Hamburg gewesen. Es stimmt, ich habe keine Instrumentenlandung gemacht. Als einzige

Entschuldigung seines Irrtums meinte er, die Landebahnen in Fuhlsbüttel und auf Finkenwerder hätten dieselbe Richtung. '

Das spektakuläre Gastspiel Flugkapitän Bays in Hamburg war nur kurz. Schon gegen 17 Uhr startete er wieder mit seiner "Coronado". Auch diesmal hatte er etwa 100 Urlauber an Bord ? allerdings Passagiere, die ihre Ferien auf Mallorca noch vor sich haben. Den Flug wollte Bay in zwei Stunden schaffen, ohne Zwischenlandung. Und er schaffte es. Und er landete auch auf dem richtigen Flugplatz.

,Fliegen kann der...'

"Fliegen kann er, der Bursche. Nur mit dem Navigieren haut es nicht so richtig hin!" So ein Werkmeister im ölverschmierten Overall gestern .auf dem kleinen Werk-Flugplatz der "Hamburger Flugzeugbau GmbH" auf Finken werder. Sekunden vorher hatte der vierstrahlige Düsengigant "Coronada 990" der spanischen Chartergesellschaft "Spantax" steil von 'der Startbahn abgehoben, um Minuten später im benachbarten Fuhlsbüttel zu landen. Von der 1360 Meter langen Betonpiste auf Finkenwerder benötigte der Pilot nur wenig mehr als 800 Meter für den Start. Eine fliegerische Meisterleistung ? ebenso wie die Landung der mit 128 Passagieren besetzten Maschine kurze Zeit vorher. Theoretisch nämlich ist die Bahn für einen solchen Riesenvogel mindestens 5.00 Meter zu kurz.

Trotz dieses Husarenstücks dürfte der spanische Pilot Rodolfo Bay den gestrigen 31. Mai als einen der schwärzesten Tage in seiner fliegerischen Laufbahn registrieren. Wollte er doch seine 128 Gäste, die braungebrannt vom Urlaub auf Mallorca zurückkehrten, nicht nach Finkenwerder bringen, sondern nach Fuhlsbüttel. Er hatte die Flugplätze verwechselt. Und bemerkte den Irrtum erst, als sein silberglänzender Jet einsam und verlassen zwischen den blaugrünen Transall-Maschdnen der Bundeswehr stand, die auf Finkenwerder gebaut werden. Bestaunt von tausenden Werksangehörigen der "Hamburger Flugzeugbau", die sich nicht genug über den außergewöhnlichen Gast aus dem Süden wundern konnten.

Was die ganze Angelegenheit jedoch besonders pikant macht? In Fuhlsbüttel warteten unterdessen zahlreiche Journalisten auf die Ankunft der Maschine. Die Spanier hatten zu einer Pressekonferenz gebeten, um just mit diesem Flug die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit ihrer Chartergesellschaft zu demonstrieren. Was angezweifelt worden war.

Ein Eigentor also. Geschossen von einem Flugzeugführer, der viele Jahre fliegerische Erfahrung sammeln konnte, rund 34 000 Flugkilometer hinter sich hat und ? last not least ? Präsident der Chartergesellschaft ist. Immer hin war er selbstkritisch genug, in Fuhlsbüttel klipp und klar zuzugeben: "Es war mein Fehler gewesen."

Für die 128 Passagiere aber, die mit dem N-U-R-Reiseunternehmen des Versandhauses Neckermann in den Urlaub gefahren waren, war es der abenteuerliche Abschluß sonniger Ferien. Die meisten hatten die Flugplatzverwechslung erst bemerkt, als sie von den Werksaftgehörigen der "Flugzeugbau" empfangen wurden.

Eine Passagierin: "Ich hatte mich allerdings gewundert, daß wir so unmittelbar an der Elbe schon 'runtergingen."

Ein anderer Fluggast: "Ich bin schon viel in der Luft gereist, aber die Landung war wirklich Klasse." Einig waren sich alle im Lob über die schnelle Abfertigung auf Finkenwerder. Vom Zoll über Ausbuchung, Überreichung eines Imbisses und Busabfahrt in die Stadt klappte alles wie am Schnürchen.

Während dieser Zeit liefen die vier Aggregate der "Coronado 990" ununterbrochen. Der Flugkapitän hatte dies angeordnet, um mit einem Minimum an Treibstoff den risikoreichen Start zu wagen.

Punkt 16.06 Uhr war es soweit. Die Triebwerke heulten auf, durch das Spalier ungezählter Arbeiter und Angestellter ? "der ganze Wirbel hat uns einige tausend Mark Arbeitsverlust eingebracht", meinte ein Flugzeugbau-Mann ? startete die von Passagieren und Gepäck befreite Maschine. Unmittelbar darauf landete sie in Fuhlsbüttel, dessen Kontrollturmbesatzung sie anderthalb Stunden vorher im letzten Furmspruch versprochen hatte: "Wir landen in vier Minuten."

Nun: Gelandet war sie, wenn auch nicht dort, wo man sie erwartete.

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