- Hamburgs Kriminalpolizei sucht seit zwanzig Jahren ? Jetzt endgültig verjährt

Der Trümmermörder kann noch mitten unter uns leben

Von unserem Redaktionsmitglied Jürgen W. Wohldorf Vor zwanzig Jahren jagte eine Serie grausamer Verbrechen den Hamburgern Entsetzen ein: Der Trümmermörder ging um. Innerhalb von drei Wochen erdrosselte er vier Menschen. Dann brach die Reihe der Mordtaten ab. Kein Fall in der Hamburger Kriminalgeschichte ist so voller ungeklärter Rätsel. Bis heute ist es weder gelungen die Anonymität der Opfer zu entschleiern noch den Täter zu stellen. In diesen Tagen nun verjähren die "Trümmer-Morde". Die Akten werden geokinccon r"pr Mörder kann immer noch unter uns sein.

20. Januar 1947: An diesem frostklaren Montag fanden Kinder auf dem Trümmergelände eines Industriebetriebes an der Baustraße (heute Hinrichsenstraße) in der Nähe des Bahnhofs Landwehr eine nackte Leiche. Es handelte sich um eine schlanke, gepflegte Frau mit blondem, halblangem Haar, blauen Augen und gesunden Zähnen. Etwa 18 bis 22 Jahre alt. Einziges besonderes

Merkmal: eine Blinddarmnarbe. Die Beamten der Mordkommission fanden keinen Hinweis, der zur Identifizierung der Ermordeten hätte beitragen können.

Die Hand des Mörders aber hatte eine fast unsichtbare Spur hinterlassen: eine millimeterbreite Linie am Hals der Getöteten. Sie deutete darauf hin, daß die Frau mit einer Schnur erdrosselt worden war.

Der Mord geschah in einer Zeit, in der die Polizei den Bürgern riet, zum Schutz der eigenen Sicherheit auf der Mitte der Straße zu gehen, um nicht aus Trümmern oder Kellerlöchern angesprungen zu werden. Einer Zeit, in der das Leben des anderen weniger galt als ein paar Zigaretten. Und so registrierten die Beamten einen Mord, dessen Motiv Habgier gewesen zu sein schien.

Aber noch bevor die ersten Aufrufe an die Bevölkerung zur Identifizierung der Toten gedruckt waren, alarmierte eine zweite Meldung Hamburg. Auf einem Ruinengrundstück an der Lappenbergsallee in Eimsbüttel entdeckten Passanten am 26. Januar die Leiche eines etwa 65- bis 70jährigen Mannes. Mit den gleichen Merkmalen wie bei dem Mädchenmord in der Baustraße: unbekleidet, erdrosselt, ohne Anhaltspunkt über die Persönlichkeit des Toten.

Der alte Mann war schlank, 1,60 Meter groß. Er hatte graues Haar, einen langen Schnurrbart, blaue Augen, eine leicht gebogene Nase, gepflegte Hände, gesunde Zähne. Ein in der Nähe gefundener schwarzbrauner Bambusstock mit gebogener Krücke war vermutlich sein Eigentum.

Im Abstand von wenigen Tagen entdeckte die Polizei: ein etwa sechs- bis achtjähriges Mädchen im Fahrstuhlschacht eines zerstörten Hauses an der Billstraße, eine etwa 30 Jahre alte junge Frau in den Trümmern der Anckelmannstraße, nicht weit vom Bahnhof Berliner Tor. Die gleiche Tatausf ührung. Die gleichen Umstände.

Panischer Schecken erfaßte die Hamburger. Ein unheimlicher Mörder ging um: Er tauchte auf, schlug zu und hinterließ nicht die geringste Spur.

Alle Mittel wurden eingesetzt, um die vier Ermordeten aus dem Dunkel der Anonymität zu heben. Die Bilder der Ermordeten liefen durch die Presse, der Rundfunk gab seine Suchmeldungen. 50 000 Plakate gingen von Hamburg aus in die damaligen vier Besatzungszonen. Auf jedem Bahnhof, an jeder Litfaßsäule die Frage: "Wer kennt die hier abgebildeten Personen?" Selbst in der sowjetischen Zone klebten die Fahndungsplakate.

Alle deutschen Standesämter wurden um die Durchsicht ihrer Sterbebeurkundungen gebeten. Diese Anfrage ging von der Überlegung aus, daß der unheimliche Mörder ein Erbschleicher sein könnte, der einen ganzen Familienverband auslöschte, um sich in den Besitz des Erbes zu bringen. Zur damaligen Zeit fand nicht immer eine ärztliche Leichenschau statt. Deshalb sollte durch die Anfragen überprüft werden, ob die gemeldeten Todesfälle wirklich "echt" waren. Den Standesämtern wurden genaue Personenbeschreibungen der vier Ermordeten übermittelt.

Im Verlauf der Ermittlungen befragte man über 1000 Personen. Eines der Opfer trug eine Zahnprothese ? genaue Abbildungen wurden an die Berufsvereinigungen der Zahnärzte und Dentisten verschickt: "Wer erinnert sich an die Anfertigung einer solchen Prothese?"

Besonders intensiv aber lief die Fahndung in Hamburg. Sämtliche Ausgabestellen für Lebensmittelkarten wurden nach Personen durchkämmt, die ihre Karten aus irgendwelchen Gründen nicht abgeholt hatten. Denn wer damals leben wollte, brauchte seine Marken und Abschnitte.

Da die Vermutung nicht von der Hand zu weisen war, daß es sich bei den Ermordeten um Durchreisende handelte, durchsuchte die Polizei die Wartesäle der Bahnhöfe. Andere Kommandos taten Streifendienst in den Bunkern und Gaststätten.

Die Belohnung von 5000 Reichsmark und 1000 Zigaretten (!) wurde schließlich auf 10 000 Reichsmark erhöht. Alles aber war vergeblich. Die Ermordeten schienen niemandem anzugehören. Nicht einmal das kleine Mädchen wurde irgendwo als vermißt gemeldet.

Die Hamburger Kriminalpolizei hat den besten Ruf, aber an den Trümmermorden scheiterten alle kriminalistischen Bemühungen. Die Fälle konnten bisher nicht geklärt werden.

Heute, zwanzig Jahre danach, fragte das Harrobunger Abendblatt den Chef der "Inspektion Tötungsdelikte", Kriminalrat Hans Lühr (56 Jahre), der damals als Meisterpolizist in der Mordkommission an der Ermittlung mitwirkte: "Ist die Akte jetzt, da sie verjährt, endgültig geschlossen?" Lühr: "Das kann man nicht sargen. Sie wird immer im Blickpunkt bleiben. Sie lebt weiter, weil es bisher keine Klärung gab."

Frage: "Glauben Sie an eine zufällige Aufklärung noch jetzt, nach all den Jahren?"

Lühr: "Alles, was vom Zufall abhängt, ist schlecht. Wir haben aber schon erlebt, daß Vermißtenanzeigen erst nach langen Jahren erstattet wurden. Angelpunkt der Aufklärung ist und bleibt die Identifizierung."

Kriminalrat Lühr ist überzeugt davon, daß die Trümmermorde von einem einzigen Täter begangen wurden. Alles spricht dafür, daß die Fundorte nicht die Tatorte waren. Vermutlich wurden die Leichen mit einem Auto zu den Ruinengrundstücken gebracht.

Kriminalrat Lühr ? er gilt als einer der fähigsten Mordspezialisten der Bundesrepublik ? sagte weiter: ?Ich glaube immer mehr, daß es sich bei den Ermordeten um eine Familie handelte und daß der Mörder das fünfte Glied dieser Kette

ist."

Alles Wägen, alles Vermuten, alle Untersuchungen haben das Dunkel um die Herkunft dieser vier Menschen nicht erhellt, noch den Mörder überführt. Was nach zwanzig Jahren blieb, ist ein Bündel vergilbten Papiers in grünen Aktendeckeln.

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