Ab morgen werden Stauungen vor Elmshorn befürchtet

Proteste gegen Tempo 80 auf der Bundesstraße 5

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Eigener Bericht H. K. Elmshorn/Itzehoe, 21. Dezember Von morgen an steht den Fahrern von 7140 Personenwagen und 5920 Lastwagen, die nach einer Zählung innerhalb von 24 Stunden über die Bundesstraße 5 zwischen Pinneberg und Elmshorn rollen, eine harte Nervenprobe bevor. Die Pinneberger Kreisverwaltung hat, ohne vorherige Anhörung von Verkehrs- und Wirtschaftsverbänden, über die zehn Kilometer lange Strecke von Oha bis Elmshorn die Beschränkung "Tempo 80" verhängt.

"Dadurch werden keine Unfälle verhütet, sondern im Gegenteil sogar provoziert", behaupten Verkehrsexperten. Die Kreisverwaltung wird sich auf zahlreiche Einsprüche und einen Entrüstungssturm der Kraftfahrer gefaßt machen müssen.

Lediglich Vertrefter einiger Gerichte wurden zu der Bereisung der Strecke eingeladen, auf der sich in dreißig Monaten etwa dreibSundertVerkehrsunfälle ereignet haben, bei denen achtzehnMenschen ums Leben kamen. Nach einer Erklärung des Pinneberger Kreisverwaltungsdirektors

Scholz-Görlach sei man sich einig geworden, ?daß es bei

Kraftfahrern Verwirrung schafft, wenn die Geschwindigkeitsbegrenzung nur für einige Streckenabschnitte eingeführt wird". Deshalb werden nun zehn Kilometer Straße in voller Länge "lahmgelegt".

Sofort nach der Bekanntgabe der ab morgen geltenden Geschwindigkeitsbegrenzung, derentwegen heute Verkehrsschilder zum Anschaffungspreis von insgesamt 5000 Mark aufgestellt werden, erklärte in Kiel der Geschäftsführer der Abteilung Verkehr der Industrie- und Handelskammer, Herbert Plambeck, zugleich in seiner Funktion als ADAC- Gauverkehrsreferent von Schleswig- Holstein: "Wir lehnen Tempo 80 ab und sehen keine Berechtigung zu einer solchen Maßnahme. Wenn Beschränkungen wegen der zahlreichen Unfälle eingeführt werden, dann muß mindestens Tempo 100 möglich sein ? vorausgesetzt, daß dieser Zustand nicht verewigt, sondern die Straße verkehrsgerecht ausgebaut wird."

Plambeck kritisierte, daß die mit Fragen des Verkehrs betrauten Verbände und Einrichtungen ? zu denen die Industrie- und Handelskammer und der ADAC gehören ? angesichts der einschneidenden Maßnahme nicht zu einer Aussprache aufgefordert worden sind. "Statt dessen läßt man es nun auf unseren Einspruch ankommen. Die Behörden kSnnten sich viel Arbeit ersparen, wenn sie kompetente Vertreter beizeiten anhörten, anstatt es auf Gegenschritte ankommen zu lassen."

Der Leiter eines großen Industriebetriebes sagte in Itzehoe: "Unter solchen Umständen haben wir uns einen handfesten Standortnachteil eingehandelt und müßten bereuen, daß wir mit unserem Betrieb in Itzehoe geblieben sind, falls diese Maßnahme nicht revidiert wird."

Die Elmshorner Filiale der Industrieund Handelskammer, örtliche ADAC- Klubs und Geschäftsleute aus vielen Orten der Westküste nahmen ebenfalls spontan gegen die Geschwindigkeitsbeschränkung auf 80 Kilometer Stellung. Ein Hauptargument: "Jetzt wird diese Strecke erst recht verstopft. Wenn man rücksichtslosen Uberholern Grenzen setzen will, reicht doch eine Beschränkung auf Tempo 100 aus."

Der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Verkehr der FDP-Bundestagsfraktion, der in Itzehoe wohnende Versicherungskaufmann Otto Eisenmann, betonte: "Die Unfälle sind kein Beweis gegen schlechtes Fahren, sondern gegen eine schlechte Straße. Man kann die meistbefahrene Straße des norddeutschen Raumes nicht mit Geschwindigkeitsbeschränkungen unfallfrei machen, sondern muß sie beschleunigt vierspurig ausbauen. Das fordere ich seit vielen Jahren. Der Fahrzeugstau, der sich in dem zehn Kilometer langen Schlauch sammeln wird, ist eine Gefahrenquelle ersten Ranges. Einmal wird es in den Kolonnen laufend zu Auffahrunfällen kommen, zum anderen werden die Kraftfahrer, deren Nerven durch das Kolonnenf ahren äußerst strapaziert sind, nach Verlassen der beschränkten Strecke auszubrechen versuchen. Die Unfälle, die sich dann dabei ereignen, machen die merkwürdige Unfallverhütung' mit ,Tempo 80' mindestens wieder wett."

Eisenmann hob hervor, daß er kein Wort gegen die Beschränkung sagen würde, wenn im Endergebnis auch nur ein Unfall zu verhüten wäre. Da jedoch davon überhaupt keine Rede sein könne, müsse er mit Nachdruck auf die Schäden hinweisen, die der Wirtschaft entstünden. Schwache Fahrer und langsame Wagen würden die Durchschnittsgeschwindigkeit noch weiter herabdrücken. Wegen des sich ebenfalls stauenden Gegenverkehrs sei ein Überholen nicht möglich.

Von der erhöhten Auffahrgefahr und der Nervenbelastung für die Kraftfahrer abgesehen, so meinen Verkehrsfachleute, wird sich durch die Beschränkung zwischen Oha und Elmshorn die Fahrzeit von Hamburg an die Westküste Ufa mindestens eine Viertelstunde erhöhen. Dadurch geht der Gewinn an Zeit und Kraft wieder verloren, der durch die im nächsten Jahr befahrbare Umgehungsstraße Itzehoe mit der 1160 Meter langen Hochbrücke über die Stör erzielt wird. Die Umgehungsstraße samt Brücke kostet 34 Millionen Mark.

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