Hamburger Turnerschaft 1816 hat Jubiläum

Eineinhalb Jahrhundert im Dienste des Sports

Geburtstag bei der Hamburger Turnerschaft von 1816. Auf den Tag genau besteht der älteste deutsche Tum- und Sportverein heute 150 jähre. Ein stolzes Jubiläum. Gewiß: in seinen Reihen gibt es keinen Uwe Seeler, keinen weltberühmten Achter oder Europapokal-Gewinner. Der Millionen am Bildschirm hypnotisierende Star ist ihm fremd, der Erfolg dennoch auf seiner Seite. Ein Erfolg, der un-

Lokalpatriotismus schließt Toleranz nicht aus. Hanseaten aus Überzeugung werden es deshalb den Berlinern kaum verübeln, daß Hamburgs erster Turner von der Spree zur Elbe kam. Wilhelm Benecke hieß er, war Sproß einer hochangesehenen Bankiersfamilie und leidenschaftlicher Anhänger des Mannes, der als ..Turnvater Jahn" in die Geschichte eingegangen ist.

Besagter Wilhelm Benecke also, 18 Jahre jung, als er anno 1815 nach Hamburg kam, setzte hier fort, was er unter Friedrich Ludwig Jahn in der Berliner Hasenheide getrieben hatte. Er bastelte sich Barren und Reck, suchte und fand schnell einen Freundeskreis, der sich mit ihm begeistert der Turnerei hingab. Und als ein Jahr später Gotthard Nicolai, ein in Altona ansässiger Unteroffizier des dänischen Heeres, auf dem Cordsenschen Platz die erste "Hamburgische Turnanstalt" eröffnet, schließt sich der Kreis um Wilhelm Benecke sofort an.

Man schrieb den 2. September 1816. Der erste deutsche Turnverein war gegründet. Die von Nicolai handschriftlich angefertigten Teilnahmebedingungen gelten als Gründungsdokument der Hamburger Turnerschaft von 1816. Zu sehen ist diese Urkunde ? ebenso wie die aus dem Jahre 1840 stammende erste Fahne der Turnerschaft ? im Museum für Hamburgische Geschichte. Die Urkunde war in den Grundstein der während des zweiten Weltkrieges vernichteten Turnhalle an der Großen Allee eingemauert und wurde 1956 bei Aufräumungsarbeiten unversehrt gefunden.

Von 50 bis 200 000

Etwa 50 waren es, die 1816 dem ersten deutschen Turnverein angehörten. Rund 200 000 sind heute in Hamburger Sportgemeinschaften organisiert. Man ist leicht geneigt, diese Zahlen so einfach hinzusagen. Doch welch imposante Entwicklung verbirgt sich hinter ihnen. Welch zäher Kampf mußte von den Pionieren der Leibesertüchtigung gefuhrt werden, ehe der Sport die Rolle einnahm, die ihm unsere Gesellschaftsordnung eingeräumt hat! Heute ist Sportunterricht an den Schulen obligatorisch, die Unterstützung durch den Staat eine Selbstverständlichkeit. Kein Mensch verliert darüber noch ein Wort. Der Sport ist nicht mehr hemdsärmelig, sondern gesellschaftsfähig. Und trotz aller skeptischen Prognosen: noch nie hatte er eine so günstige Ausgangsbasis wie heute. Denn Sport ist Allgemeingut geworden. Dank seiner Würdigung durch alle Publikationsmittel, dank der verdienstvollen Arbeit der Sportverbande, dank der anspornenden Leistungen seiner Spitzenkönner, vor allem aber dank der Arbeit der unzähligen ehrenamtlichen Mitarbeiter. Eine Entwicklung, über die jeder nur glücklich sein kann.

Militärische Züge

Die Entwicklung begann im Frühling des vergangenen Jahrhunderts unter einem Vorzeichen, das der Turnerei manchmal heute noch ? ungerechtfertigterweise ? anlastet. Es trug damals nämlich ausgesprochen militärische Züge. Doch dies nicht von ungefähr. Europa erzitterte unter dem Marschtritt der Napoleonischen Armeen. Ganze Völker duckten sich vor dem Kaiser der Franzosen. Doch unter der Oberfläche gärte es überall. Freiheitsdurstige Manner trachteten mit allen Fasern ihrer Herzen danach, das korsische Joch abzuschütteln. Einer dieser Männer war Friedrich Ludwig Jahn. Er wurde der Turnvater" nicht nur des Turnens willen er betrieb die Leibesertüchtigung nicht als Selbstzweck. Junge Menschen wehrtüchtig zu machen, war vielmehr sein Ziel. Ein Ziel, aus dem er übrigens nie ein Hehl machte. Um es zu erreichen, bediente er sich der Gymnastik, die einige Jahre zuvor von dem Thüringer Pädagogen Gutsmuths für die Schulen entwickelt worden war. Friedrich Ludwig Jahn machte diese Gymnastik volkstümlich. Nicht allein, um junge Körper widerstandsfähiger und geschmeidiger zu machen, sondern auch als Erziehungsmittel zu Mut und Selbstvertrauen.

Turnen als vormilitärische Ausbildung also! Muß dieser Gedanke einen bitteren Beigeschmack erwecken? Eigentlich nur bei den Übelwollenden. Ganz sicher nicht bei dem, der die damalige politische Situation in Rechnung stellt.

Lob von Blücher

Die Militärs aber erkannten sehr schnell die Bedeutung des Sports für ihre Zwecke. Marschall Blücher, Anfang des 19. Jahrhunderts unbestritten Deutschlands populärster Mann, ließ es sich anläßlich eines Hamburg-Besuchs 1816 nicht nehmen, die gerade geborene Turnerschaft zu besichtigen. Und aus dem Munde des "Marschall Vorwärts" empfingen die Sportler löbliche Anerkennung. Kein Wunder, denn das damalige Turnprogramm enthielt Übungen, die in ihrer Mehrheit zweifelsfrei der Selbstverteidigung dienten. Turnen, Schwimmen, Laufen, Werfen, Springen, Voltigieren, Fechten, Ringen, Hauen (als Vorläufer des Boxens) und ? man vernehme es staunend ? Tanzen.

Vaterländische Geanken standen an der Wiege des Vereinssports Pate. Vaterländische Gedanken glaubt man auch heute noch in der Turnbewegung entdecken zu können. So vermerkt es die Erinnerungsschrift des Jubiläums-Vereins, daß er und die Hamburger Liedertafel von 1823 es waren, die Hoffmann von Fallersleben 1841 in Streifs Hotel eine Huldigung darbrachten, ?bei der das Lied .Deutschland, Deutschland über al-

Die Riege M der Hamburger Turnerschaft von 1816. Fotografiert 1903.

les J zum erstenmal öffentlich gesungen wurde". Und wenn man so will, dann kann man vaterländische Gedanken auch beim Durchblättern vergilbter Familienalben ahnen. Da sind sie für die Nachfahren im Bild festgehalten. In forciert strammer Haltung, peinlich genau aufgestellt, eisern die Mienen. Zucht und Ordnung atmen sie, diese Bilder. Zucht und Ordnung, die man heute noch spürt, wenn Turner ihre Übungen bestreiten.

Muß man sich dessen schämen? Keinesfalls. Wer um die Gründe weiß, die die Turnbewegung ins Leben riefen, wird Verständnis für die Pflege dieser Tradition aufbringen. Denn Tradition ist nur dann ein Hindernis, wenn man vor ihr in Ehrfurcht versinkt, wenn man über sie Gegenwart und Zukunft vergißt. Auch der Skeptischste kann dies den Turnern nicht nachsagen. Sie betrachten ihre Arbeit heute nicht mehr als Politikum, sondern sehen in ihr ausschließlich das erzieherische Moment.

Blick nach vorn

Die Tradition achten, aber afür die Gegenwart und Zukunft arbeiten! In der Hamburger Turnerschaft selbst hört man es zwar nicht gern, der Chronist jedoch hat einfach die Pflicht, dies festzuhalten: Gerade dieser Verein zeichnet sich seit jeher durch eine nach vorn gerichtete Führung aus. Das war schon 1816 bei der Gründung der Fall, das ist bis heute so geblieben.

In Deutschland gibt es zahlreiche "publikumsnahe" Sportvereine, deren Veranstaltungen von vielen tausend Leuten besucht werden. Trotzdem arbeiten ihre Kassierer mit roten Zahlen. Die Hamburger Turnerschaft verfügt kaum über nennenswerte Eintrittsgelder. Trotzdem ist sie finanziell kerngesund. Trotzdem nennt sie zwei Turnhallen (zwei weitere sind im Bau), eine Tennisanlage mit drei Plätzen und ein Freizeitgelände mit Badeteich vereinseigen.

Mäzenatentum? Staatliche Hilfe?

Von einem unbekannten Zeichner stammt dieses Bild: Der Besuch Marschall Blüchers 1816 bei den Hamburger Turnern. Auf der heutigen Sternschanze überreichten sie dem "Marschall Vorwärts" ein gerade herausgegebenes Buch über

Falsch!

Nur nüchterne kühle Vereinspolitik. Nur die klare Abgrenzung des Möglichen Vom Wunschdenken. Nur die Erkenntnis, daß ein Verein nach ähnlich wirtschaftlichen Prinzipien geführt werden muß, wie ein Industriebetrieb.

Kostenlose Anleitung"

Hans Reip, 1. Vorsitzender der Hamburger Turnerschaft von 1816, hat schnörkelfreie Vorstellungen von dem, was getan und wie es getan werden muß. Seine Auffassung über die Führung eines modernen Sportvereins könnte als "Anleitung zum kostenlosen Gebrauch" dienen.

Hier einige seiner Grundsätze: "Das Beitrag zahlende Mitglied muß die finanzielle Basis des Vereins bilden. Der Beitrag ist in seiner Höhe dem Angebot des Vereins anzupassen." Von dieser Voraussetzung geht man bei der Hamburger Turnerschaft aus. Und es wird nicht der Hinweis vergessen, daß das oft angestimmte Klagelied von den viel zu hohen Ausgaben unangebracht sei. Denn: "Im Grunde sind die Ausgaben gar nicht so hoch, weil meistens Staat, Städte und Gemeinden die Sportplätze, Turnhallen und Schwimmbäder finanzieren, sie dann aber den Gemeinschaften kostenlos zur Verfügung stellen. Die Einnahmen können also fast ausschließlich der Ausdehnung des Vereins dienen."

Die Frauen gewinnen

Offerierung eines reichen Angebots! So lautet der zweite bei der Hamburger Turnerschaft gepflegte Grundsatz. Dazu Hans Reip:

-Die Vereine müssen in erster Linie danach trachten, die Frauen zu gewinnen. Mehr noch: Sie müssen ein wirksamer Magnet für die Familie sein. Der Grund dafür ist geradezu simpel. Junge

die "Deutsche Turnkunst". Der Zeichner hot in sein Bild eine Turnerfahne hineinkomponiert, die es 1816 noch nicht gab. Erst 1840 schenkte Frau Marie-Luise Kessler dem schon 24 Jahre existierenden Hamburger Verein die erste Fahne.

Turnerinnen der HT 1816. Das Bild entstand etwa um die Jahrhundertwende. Menschen wollen sich kennenlernen. Sie suchen im Verein den Partner. Verheiratete Menschen aber sind interessiert daran, ihre Freizeit gemeinsam zu verbringen. Wie sieht es heute noch aus? Oftmals betrachtet die Frau den Verein als Familienschreck, weil sie mit ihm den Mann teilen muß. Deshalb liegt der Schlüssel für eine erfolgreiche Vereinspolitik darin, die Frau zu gewinnen. Sie soll mit dem Mann zusammen Sport treiben. Hier scheint mir eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben für die Vereine zu liegen. Eine große, aber gar nicht einmal so schwer zu lösende Aufgabe. Es kommt nur auf das Angebot an. Die Klubs könnten den Tanzsport aufnehmen, sie könnten Ehepaar-Gymnastik treiben. Mit einem Satz: Sie müssen die Frau ansprechen. Bis vor kurzem war es noch so, daß in den Vereinen unter neun Mitgliedern nur eine Frau war. In den letzten Jahren haben die Frauen auf sechs zu eins aufgeholt. Durch die Verwirklichung der modernen Ideen steht das Verhältnis in Hamburg sogar nur zwei zu eins für die Männer, in meinem Verein schon seit vielen Jahren eins zu eins."

Eine Existenzfrage

Weitere Probleme belasten die Sportvereine heute schwer. Vor allen Dingen fehlen ehrenamtliche Mitarbeiter. Sie sind fast noch rarer als Geld. Auch bei der Hamburger Turnerschaft weiß man, daß die Nachfolgeschaft geradezu eine Existenzfrage für jeden Verein ist. Dieser Engpaß an ehrenamtlichen Mitarbeitern war zwar schon immer zu verzeichnen, ist jedoch in Zeiten materiellen Denkens größer denn je. Zu lösen ist das Problem eigentlich nur durch Selbsthilfe.

Bei der Hamburger Turnerschaft geht man auch hier nicht ausgetretene Pfade. Ab 1. Januar 1967 wird eine bisher noch nie geübte Form der Vereinsführung ins Leben gerufen. Bei der Turnerschaft bereitet man die Bildung eines "Schattenkabinetts" vor. Jedes Vorstandsmitglied erhält einen jungen Menschen zur Seite, mit dem er zusammenarbeitet. "Lehrkabinett" nennt es Hans Reip. Es wird völlige Gleichberechtigung bei allen Diskussionen haben und soll so in die demokratische Form der Vereinsführung hineinwachsen.

"Ich bin überzeugt, daß man auch heute noch junge Menschen für die Vereinsarbeit gewinnen kann," meint Hans Reip zuversichtlich. "Alle, die ich bisher gefragt habe, ob sie mitmachen wollen, sagten begeistert zu. Es kommt uns vor allen Dingen darauf an, die Jugend und die Älteren zusammenzubringen. Nicht nebeneinander sollen sie arbeiten, sondern miteinander. Dann lernen wir es auch, gegenseitig Verständnis aufzubringen. Was schadet es, wenn wir Älteren uns von jungen Menschen einmal sagen lassen, warum sie beispielsweise so für die Beatmusik schwärmen? Genauso wird es umgekehrt die Jugend sicher lernen, die Dinge zu respektieren, die ältere Menschen bewegen."

Gemeinsame Interessen

Ein Sportverein nur? Mehr als das, möchte man sagen. Eine Gemeinschaft, in der Menschen verschiedenster Generationen gemeinsamen Interessen nachgehen und unter unauffälliger Regie lernen, miteinander zu leben.

Rund dreieinhalbtausend Mitglieder hat die Hamburger Turnerschaft im 150. Jahr ihres Bestehens. Ein Verein nur von 450 in Hamburg, ein Verein von 35 000 in Deutschland. Der älteste zwar, aber Stolz über die Tradition rangiert eindeutig hinter dem Bewußtsein um die Aufgaben der Gegenwart und Zukunft.

"Wir wollen nur ein kleiner Dynamo sein in der großen Maschinerie des Sports," meint Hans Reip. "Wenn man das anerkennt, dann wäre das eines der schönsten Geschenke zu unserem Jubiläum." HORST SCHÜLER

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