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Helga Pilarczyk "Die fliegende Sängerin"

In der ganzen Welt feiert man die Sopranistin der Hamburger Staatsoper Helga Pilarczyk. Ihr Terminkalender ist dem eines Managers ebenbürtig. Um so größer die Freude, wenn die Künstlerin nach Hause kommt, um nichts weiter zu sein als Mutter und Hausfrau.

Der Klavierauszug der "Frau ohne Schatten" (Die Strauss-Oper hat am 20. April in der Hamburgischen Staatsoper Premiere) auf dem schwarzen Flügel in dem idyllisch weißen Haus in der Groß Flottbeker Hammerichstraße ist geschlossen. Denn erstens ist Wochenende, und zweitens kuscheln sich Isabella (4) und Nicolas (2) an die berühmte Mama und wollen ganz etwas anderes hören als die Partie der Farbersfrau. Helga Pilarczyk, im eleganten, interessant schwarz-weiß gemusterten Kleid kennt ihre kleinen Quälgeister. Und schon gleiten die Finger über die Tasten: ?Hänschen klein, ging allem . . . Die Piepsstimmen der Kleinen ergeben mit dem in der ganzen Welt begehrten Sopran der Frau Mama ein reizendes Trio, für das Liebhaber sicher Höchstpreise bezahlen würden.

Das Wohnzimmer, in dem die kleine Szene spielt, ist voller Harmonie. Der ernste schwarze Flügel, die heiteren weißen Bücherborde, das Feuerwerk, das der Täbris-Teppich ausstrahlt, das zarte Blau eines China-Teppichs, Blumen, weiche Polstermöbel, dazu das Kunterbunt des Spielzeugs ? das ergibt in der Summe so eine richtige heimische Atmosphäre. Man glaubt es Frau Pilarczyk aufs Wort, wenn sie sagt: "Das schönste für mich ist immer das Nachhausekommen!"

Es ist gar nicht so einfach, eine weit berühmte Sängerin und zugleich eine gute Mutter, Gattin und Hausfrau zu sein. Einer, der es wissen muß, daß Helga Pilarczyk "perfekt" in allen vier Disziplinen ist: Ehemann Dr. Stephan Vertes. Er bestätigt es schmunzelnd.

Da kennt man also Frau Pilarczyk als männerverderbende Lulu, als kesse Jenny in "Mahagonny", als Marie in Wozzeck als Salome. die nach dem Kopf des Johannes trachtet ? und nichts bleibt von aller Dämonie übrig, wenn abends der Vorhang gefallen ist. Übrig bleibt eine Mutter, die rasch nach Hause fahrt, um ihren schlafenden Kleinen die Kopfchen zu streicheln.

Helga Pilarczyk zeigte mir ihren Fahrplan". Ein schlankes, blaues Heft mit ihrem Terminkalender, der eher einer aufgeregten Fieberkurve gleicht- Das vergangene Jahr, das waren 365 "tolle Tage".

Es begann mit einer Mandeloperation. Dann ging der Wirbel los. Gastspiele m Philadelphia und New York. "Auf einen Sprung" nach Hamburg zum "Goldenen Bock" in der Staatsoper. Über Zürich zurück nach New York. Drei Tage spater schon wieder an der Alster Auen. Nach weiteren drei Tagen: Kurs New York. So ging das pausenlos weiter. Pendelverkehr zwischen Hamburg und Amerika. Am 15. April großes Aufatmen: drei Wochen Ferien in Braunlage. Wenn eine "fliegende Sängerin" ausspannt, verzichtet sie auf Fernziele.

Schlicht krank geworden

Der Terminkalender registriert: Gastspiele in Düsseldorf, Antwerpen, Wiener Festspiele. Der Jahresendspurt wird noch einmal heiß. 14. 10.: Seattle. 20 10.: Hamburg. 11. 11.: Chikago. 20.11.:Stockholm (Gastspiel der Hamburgischen Staatsoper). 30. 11.: Chikago. 3. 12.: Hamburg. 5. 12.: Düsseldorf.

Dann bin ich schlicht krank geworden" sagt Frau Pilarczyk und klappt ihren Fahrplan zu. ?Beim .Umsteigen nach Amerika neckte man mich schon immer: .Haben Sie Ihre Wochenkarte auch nicht vergessen?' Das Resultat: Der Arzt hat mir fürs erste die Amerika- Flüge verboten. Normalerweise braucht der Körper mindestens 5 Tage, um sich physisch umzustellen. Wenn man sich nach dem Atlantik-Flug aber gleich in Proben und Aufführungen stürzen muß, dann ist das auf die Dauer Wahnsinn.

Ob sie Angst vor dem Fliegen hat? Und wie! Aber mit Oropax und Tabletten habe ich es geschafft, über dem Atlantik zu schlafen."

Wenn die Frau Kammersängerin nun in Hamburg ist, wie schaut da der Tagesplan aus? Jeder Tag beginnt mit einer Stunde Gesangstechnik. "Ich bin von Natur aus faul und lasse mich nur allzugern von den Kindern ablenken." Nicolas, der seine oft so ferne Mama ohnehin mehr als Spielkamerad akzeptiert, schleppt seine kleinen Autos herbei. Isabella, die ihre Mama schlicht und selbstverständlich "Helga" nennt, rollt den Puppenwagen zum Flügel. Da muß auch ein Weltstar kapitulieren.

Sind neue Partien einzustudieren, sieht es allerdings anders aus. Vormittags wird mit dem Korrepetitor in der Staatsoper gearbeitet. Schnell zum Mittagessen nach Hause. Nachmittags wieder "Training" in der Oper. Dann wird eisern gelernt wie jetzt bei der Einstudierung der "Frau ohne Schatten". Frau Pilarczyk hat sie vier Jahre lang nicht gesungen. Für die Wiener Festwochen studiert sie die Jesabel in der "Schwarzen Spinne" des österreichischen Zwölftöne-Erfinders und Schönberg-Lehrers Josef Matthias Hauer. Im Juli wartet das Zweite Fernsehen mit Aufnahmen in Prag für "Die Sache Makropoulos" von Janaeek. (Die Schweden brachten die Oper vergangenes Jahr in Hamburg.)

Für Freunde, für Geselligkeit bleibt wenig Zeit. "Alle halbe Jahre einmal." Dann macht es Frau Pilarczyk besonderen Spaß, für ihre Gäste zu kochen. "Ich tue das leidenschaftlich gern." Ein Wiener Patenonkel lobte verzückt den Topfenstrudel. Und Ehemann Stephan freut sich, ganz heimatlich ungarisch- österreichisch "bekocht" zu werden. Kommt Hilde Güden auf Gastspiel nach Hamburg, dann entwickelt sich zwischen den beiden Kammersängerinnen nicht etwa ein Gespräch über Musik. Man tauscht Kochrezepte aus! Hilde Güden ist besonders begeistert von Frau Helgas "ungarischer Gänseleber". Man kann sie nur zur Nachahmung empfehlen.

Gänseschmalz wird ausgelassen, Knoblauchsalz, Pfeffer und Paprika hinzugetan. Einmal aufkochen. Dann die Gänseleber schmoren, bis sie gar ist. Plastikformen stehen bereit. Gänseleberstücke hinein in die Formen, mit dem Paprika-Gänseschmalz aufgefüllt. Das Ganze kommt in die Tiefkühltruhe ? sofern man hat.

Frau Pilarczyk sammelt mit der gleichen Hingabe Kochbücher (sogar ein chinesisches ist dabei) wie kleine kunstvolle Dosen. Eine schenkte ihr Jean Louis Barrault, als sie in seiner Pariser Inszenierung die Marie in "Wozzeck" sang.

Der Gatte als ..Manager

-? II-

Einen Manager braucht Frau Pilarczyk nicht. Für die "Verwaltung" ist Gatte Dr. Vertes zuständig. Das Koordinieren der Gastspieltermine, das Aushandeln der materiellen Bedingungen, Absagen, wenn der Kalender total ausgebucht ist, Besorgen von Fahrkarten und Hotelzimmern ? das alles wird im eigenen "Betrieb" erledigt. An vier Wochenenden gibt es kein richtiges Weekend. Dann ist die Steuererklärung fällig. Dr. Vertes, der eigentlich Diplomat hatte werden wollen, hat beste Vorkenntnisse für sein "Manager"-Amt. Bevor er 1957 nach Deutschland kam, war er Leiter der Auslandsabteilung der Staatlichen Konzertdirektion in Budapest Seit Jahren ist er nun Prokurist bei Steinway.

Wie Frau Pilarczyk von ihrem polnischen Namen (Großvater war noch polnischer Staatsbürger) zu ihrem ungarischen Namen kam? "Ich lernte meinen Mann kennen, als ich für ein Holland- Festival in Bartoks .Herzog Blaubarts Burg' singen sollte. Um den ungarischen Text zu lernen, machte mich meine Kollegin Maria von Ilosvay mit Dr. Vertes bekannt." Frau Pilarczyk macht eine Handbewegung über die Köpfe ihrer Lieben: "Daraus ist dann diese Familie geworden."

Helga Pilarczyk ist ein Anschauungsbeispiel dafür, wie der "Marktwert" einer Künstlerin heute von ihrer Gastspiel-Begehrtheit abhängig ist. Als junge Anfängerin kam sie 1948 von Braunschweig nach Hamburg ? und studierte an der Musikhochschule bei Werner Schröter Klavier! Hochschulchef Klussmann entdeckte ihre Stimme. Den ersten Vertrag mit der Staatsoper schloß sie mit einer Gage von 700 DM ab. Im zweiten Jahr bekam sie 900 DM. "Ich sang immerhin schon die .Salome' und in Schönbergs .Erwartung' ? und erwartete für die 3. Spielzeit eine entsprechende Erhöhung der Gage. Aber Günther Rennert, damals Chef der Oper, sagte seelenruhig: .Wenn Sie woanders getragt sind, dann bekommen Sie mehr!'"

Helga Pilarczyk war bald gefragt. Zürich. München, Berlin boten gute Verträge an. Rennert verblüfft: "Das zahle ich Ihnen in Hamburg auch. Sie haben schnell gelernt."

Nicolas und Isabella finden, daß ihre Mami nun wieder für sie dazusein hat. In der Wohndiele wird "Mensch ärgere dich nicht" gespielt. Nicolas ist mit seinen Autos beschäftigt, und Pudel Nickel will auch dabeisein. Schließlich hat auch er etwas mit Oper zu tun. Er heißt Nickel, weil er Helga Pilarczyk geschenkt wurde, als sie vor 12 Jahren in Braunschweig den Studenten Nikolaus in "Hoffmanns Erzählungen" sang.

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