Bodenuntersuchungen beendet / Kühnes Projekt: Ober neunzehn Kilometer lang

Bau der Fehmarnbeltbrücke möglich

Hamburg, 27. August

Der Meeresboden im Fehmarnbelt eignet sich hervorragend für die Fundamentierung von Brückenpfeilern. Das haben die umfangreichen Bodenuntersuchungen ergeben, die jetzt abgeschlossen wurden. Demnach gibt es beim Bau einer kombinierten Straßen-Eisenbahn-Brücke zwischen Puttgarden und Rödbyhavn keine technischen Schwierigkeiten.

Die kühne Konstruktion, die Deutschland mit Dänemark verbinden soll, würde mit 19,3 Kilometer Europas längste Brücke sein.

Vier Monate lag das Forschungsschiff "Eider" im Fehmarnbelt. Seine Aufgaben: Untersuchung der bisher unbekannten geologischen Struktur des Meeresbodens und Erforschung der starken Strömungen, die eine Folge der jeweiligen Windrichtung sind. Bei zahlreichen Bohrungen drang man bis zu

vierzig Meter tief in den Seeboden ein. Auch die tiefste Stelle des Belts, etwas über neunundzwanzig Meter, wurde genau vermessen. Sie liegt nicht in der Mitte des Meeresarmes, sondern rund sechs Kilometer von der Küste Fehmarns entfernt. Die Bohrergebnisse werden jetzt zur Auswertung staatlichen Institutionen übergeben, unter anderem der Bundesanstalt für Wasserbau in Karlsruhe.

Initiator und Auftraggeber für die Vorarbeiten dieses sensationellen Bauvorhabens ist der "Fehmarn-Lolland e. V., eine ?europäische Studiengesellschaft zur Vorbereitung einer standfesten Verbindung über den Fehmarnbelt im Zuge der Vogelfluglinie", wie es in den Satzungen heißt, die sich der Verein bei seiner Gründung vor vierzehn Monaten gegeben hatte. Namhafte Industrieunternehmen der Bundesrepublik. Frankreichs. Hollands und Schwedens zeichneten als Mitglieder, darunter Firmen mit reichen Erfahrungen beim Bau langer Brücken.

Der "Fehmarn-Lolland"-Verein vertritt die Auffassung, daß die leistungsfähige Fährverbindung Puttgarden? Rödbyhavn, die erst vor drei Monaten eingeweiht worden ist, nur als Übergangslösung gewertet werden kann. Früher oder später müsse eine noch leistungsfähigere Brücke die Fährschiffe ersetzen, und zwar als ein Beitrag zur verkehrswirtschaftlichen Integration Europas.

Diese Riesenbrücke ist nur denkbar zusammen mit einer stationären Verbindung über den Oeresund, entweder ? von Kopenhagen über die Insel Saltholm nach Malmö (Schweden), insgesamt zwölf Kilometer, oder

- zwischen Helsingör und Hälsingborg (Schweden), insgesamt fünf Kilometer. In jüngster Zeit wird auf dieser Trasse auch ein Tunnelprojekt untersucht.

Der Verein legt bereits konkrete Bauzeichnungen von der Fehmarnbeltbrücke vor. Danach sind in der Mitte für den sehr lebhaften Schiffahrtsbetrieb ? über 80 000 Schiffe jährlich ? zwei Hauptöffnungen mit jeweils einer Breite von 825 Metern (!) vorgesehen. Die autobahnähnlichen Fahrbahnen mit dem Eisenbahngleis in der Mitte liegen fünfundfünfzig Meter über der Wasseroberfläche ? hoch genug für die größten Frachter. Außerdem erwägt man auf dänischer und deutscher Seite je eine 216 Meter breite Öffnung für die Kleinschiffahrt. Möglicherweise lassen sich die Zufahrten zur Brücke beiderseits als lange Dämme ins Meer schütten. Auch dazu können die Forscher auf der "Eider" einiges sagen.

Die Kosten der Beltbrücke werden mit etwa 1,3 Milliarden Mark angegeben. Der Verein schlägt zur Finanzierung Brückengelder vor, die etwa den jetzigen Fährkosten entsprechen. Selbst im günstigsten Fall könnte die Brücke nicht vor 1972 fertig sein. Mindestens zwei bis drei Jahre würden allein für umfangreiche Vorbereitungen nötig sein.

In Bonn steht man diesem Mammutprojekt zunächst noch sehr reserviert gegenüber. Auch die Bundesbahn ist, wie sich denken läßt, keinesfalls begeistert von den Plänen, zumal in Kürze auf der Fährroute Puttgarden? Rödbyhavn ein viertes Schiff, ein dänischer Neubau mit dem Namen "Knudshoved", verkehren soll. Damit wird die Kapazität der Linie, die bereits in diesem Sommer alle Erwartungen weit in den Schatten gestellt hat, erheblich erhöht.

Auf weite Sicht gesehen und im Interesse eines eng zusammengeschlossenen Europas scheint die Beltbrücke jedoch eine Notwendigkeit zu sein. Auch England und Frankreich werden sich in absehbarer Zeit durch eine Brücke oder einen Tunnel näherrücken.

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