"Traumland goldener Westen" und noch fünf neue Filme zum Wochenende

Größte Schau der Welt: Amerika

Ein Buchtitel (von Thielicke) sagt: "In Amerika ist alles anders." Allerdings! Wie man dies große Land ? die Staaten ? auch sieht, "so oder so", es ist immer noch und immer wieder anders, als man es sich vorzustellen angewöhnt hat, und wer drei Tage lang in New York gewesen ist, war noch lange nicht in Amerika. Die französische Farbkamera Franqois Reichenbachs war sechs Monate drüben, um die tausend Gesichter des Vaterlandes der 177 Millionen in Kreuzundquerfahrten auf die empfindliche Emulsion zu bannen. Das Ergebnis dieser rasenden Reportage ist das brillanteste Kaleidoskop amerikanischer Wirklichkeit (wenn auch nicht der ganzen Wahrheit), das man uns bisher vorweisen konnte. Es zeigt das unvorstellbare Variete amerikanischer Lebensmöglichkeiten, und das ist ? bei Gott! ? die größte Show der Welt

Die größte Show. Nicht die schönste, nicht einmal die schmeichelhafteste, aber sicherlich die aufschlußreichste. So aufschlußreich, daß wir uns kaum zu fragen wagen, ob wir in diesem ebenso großartigen wie vollmechanisierten Lande leben möchten ? unter lauter lauten, fröhlichen, bunten, menschlichen Ameisen, die die Highways, Vergnügungsparks, Supermarkets, die Football- und Rodeo-Arenen, die Babypflege- und Striptease-Kurse, die Geisterstädte und Faschingszüge, die Meeresstrände, die Sektenmeetings und die Zuchthäuser überfluten, als ob Gott den Menschen befohlen hätte: seid fruchtbar und mehret euch zur Masse . . .

Gewiß ist dies nur e i n Aspekt Amerikas, aber ein entscheidender. Buch und Regie Franz M. Längs waren offensichtlich darauf aus, diesen Eindruck mit allem Nachdruck hervorzuheben, um die Ansichtskartenvorstellung wenigstens in einigen Punkten zu revidieren, die in dem Bilde von "Traumland Goldener Westen" zusammengeflossen ist. Der hervorragend photographierte und

lebendig pointierte Film gibt eine Fülle neuer Ansichten von Amerika und zerstört eine Menge alter. (Uraufführung im Esplanade) WMH

"Auf den Schienen zur Hölle": Charly, der smarte Versicherungsinspektor, treibt ein gefährliches Spiel. Schon sehr bald wird offenbar, daß er seinen Freund Joe von der Polizei bei der gemeinsamen Fahndung nach Zugräubern ? Beute eine halbe Million ? hintergeht. Charly hat allerbeste Gründe dafür. Er ist mit einem guten Anteil am Überfall beteiligt. Ein neues Leben will er sich mit Dollars erkaufen, der Narr. Aber Joes Scharfsinn tastet sich immer weiter vor und hält stur die Richtung. Bis dann die Colts die gerechte Lösung bringen. ? Dieser amerikanische Kriminalfilm hat Hand und Fuß. Spannend zugeschnitten, psychologisch fast nahtlos, nur in der Moral etwas penetrant. Mark Stevens und der zerknitterte King Calder zeigen jene Routine, die wohltuend wirkt. (Atlantik, Millerntor, Bali) jh "Das kunstseidene Mädchen": Irmgard Keun hat damals ? zwanziger Jahre ? mit ihrem vibrierend witzigen Romanfeuilleton den richtigen Typ gegriffen: das halbseidene Mädchen, das es mit jedem versucht und mit keinem Glück hat. Damals war das eine Art Existenz, prickelndes Zwischenfach mit wechselnden Engagements. Aber heute wird dieses Fach nicht mehr besetzt. Heute ist man entweder brav ? was man so brav nennt ? oder Nitribitt. Für Zwischentöne und Nuancen fehlt das Flair der großen Berliner Jahre, und das kann auch Julien Duvivier mit der Masina nicht wieder hervorholen; im Museum der Zeit hat selbst die Berufsjungfrau Staub angesetzt.

Der deutsch-französisch-italienische Film ist also ein internationales Mißverständnis, und sogar ein ganz reizendes, wenn man die Augen davor verschließt, daß so viel Wasser im Strom der Zeiten vergeudet worden ist. Zumindest hätte man nicht so tun dürfen, als ob das Kunstseidene, garniert mit Atomblick, heute noch ein Artikel sei. Dieser Fehler ist unverzeihlich; man hätte uns lieber historisch kommen sollen. Dann hätten wir manches so reizend gefunden, wie es dargeboten wird. Dieses traurig-komische Mädchen zum Beispiel, die Masina, die bei ihrem melancholischen Bummel durch die zahllosen Männer niemals so ganz den Mut zum Weitermachen verliert (es sind, korrekt gezählt: Knuth, Fröbe, Meyen, Borchert, Bessler, Hendriks, Schröder, Platte, Messemer und Hansen ? ohne die Angeschossenen: eine ganz achtbare Strecke.) Aber ? nicht wahr? ? wer nimmt uns dieses Jägerlatein heute noch ab? Das hätte man aber vorher bedenken sollen. (Ufa-Palast) WMH

"Paß für die Hölle": Auf den gefälschten Paß, der dem geflohenen Gangster (Jean Gaven) per Post nachgeschickt wird, kann er nicht mehr warten. Aber, die Höllenfahrt ist. ihm sicher, nachdem er selbst schon einige ihm unbequeme Leute kaltlächelnd ins Jenseits befördert hat. Auch der Zuschauer bleibt kalt, soweit es sich um den gejagten Mörder handelt. In seinem Zufluchtsort, einem französischen Fischerdörfchen, gibt es jedoch viel nettere Leute, wenn auch als Schauspieler hierzulande völlig unbekannt. Man merke sich allenfalls die mit Figur und Stimme prunkende Claudine Dupuis. (In zwölf Theatern) st

"Ohne Gnade ist die Nacht": Juwelenraub auf mexikanisch. Das ist eine wenig erbauliche Sache, weil auch der Film gegenüber dem Publikum keine Gnade walten läßt. Unappetitliches Zuhältermilieu, wie der kleine Fritz es sich vorstellt, wird ermüdend breit ausgewalzt. Dazu ein unverständliches Mischmasch von Raub, Mord, mexikanischer Sanges kunst und Pathos wie aus den Anfängen der Stummfilmzeit. Durch ein hergesuchtes Melodrama wird, um die mexikanische Moritat wohl abzurunden, noch ein Happy-End auf die strapazierte Leinwand geworfen. (Radiant Reeperbahn) hjm "Mein Schatz, komm mit ans blaue Meer": In 21 Tagen per Wohnwagen von München via Salzburg? Como nach Venedig und zurück, wer möchte das nicht gern mal riskieren, besonders mit drei so scharmanten jungen Damen wie Christine Görner, Renate Ewert und Monika Dahlberg. Wenn dann am Ende noch 10 000 DM als klingender Lohn für das amüsante Wagnis winken, kann man diesem tollen Wirbel voller Heiterkeit, Schelmerei, Abenteuerlust, Musik und Liebe bis zum glücklichen Ende kaum widerstehen. (In 21 Theatern) gä

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