Die Familie Solvay will verhindern, daß der kleinen Hinano Tiatia das Riesenvermögen ihres Pflegevaters zufällt

Streit um eine Erbschaft von 300 Millionen DM

P. Paris, 12. November Als der französische Waschmittelkönig Maurice Solvay vor wenigen Monaten starb, ahnte seine Witwe nicht, daB sie bald im Mittelpunkt eines Erbschaftsstreites stehen würde. Er wird jetzt mit aller Erbitterung geführt. Verständlich, denn es geht immerhin um ein Vermögen, das auf rund 300 Millionen DM beziffert wird. Die Solvays gehören in den reichsten Familien Frankreichs. Bei dem Streit geht es vor allem darum, daß ein Teil der Familie Solvay verhindern will, daß diese Riesensumme einmal zum größten Teil einem vierjährigen Mädchen anfällt Die kleine Hinano Tiatia (das bedeutet "Kleine Blume von Tahiti") stand unter der Vormundschaft von Maurice Solvay und steht jetzt unter der seiner Witwe. Das Ehepaar hatte Hinano vor fast zwei Jahren an Stelle einer Tochter angenommen.

Der Bettler war Millionär

Die Nachricht von Hinanos umstrittenem Erbe wäre allein sensationell genug. Sie bekommt aber ihren besonderen Reiz durch die große, kaum bekannte Liebesgeschichte, die hinter dem ganzen Geschehen steht.

Hinanos jetzige "Mutter" ist die ehemalige französische Schauspielerin Josette Day. Paris lag ihr einstmals als Partnerin von Jean Marais zu Füßen. Man liebte sie als die schöne Heldin des unvergeßlichen Cocteau-Filmes "La Belle et la Bete", der in Deutschland unter dem Titel "Es war einmal" lief.

Josette Day schenkte ihre Liebe einem Mann, der abgerissen und krank während der Besetzung Frankreichs zu ihr gekommen war. Als er sie verließ, wußte Josette nicht, daß sie einen der reichsten Männer der Welt gepflegt hatte.

Sie glaubte nicht an ein Wiedersehen. Aber Maurice Solvay kam zurück, um sie zu heiraten. Zehn Jahre lang fehlte ihrem Glück nichts weiter als ein eigenes Kind.

Es war am 17. Februar 1959, als eine Nachricht in wenigen Stunden die Runde zwischen Cannes und London machte. Die "Shemara", eine der elegantesten Jachten der Welt, Eigentum von Lord und Lady Docker, war vor der australischen Küste in einen Zyklon geraten. Man nahm an, sie sei gesunken. Mit der Jacht schienen Maurice Solvay, der die "Shemara" gechartert hatte, und seine Frau Josette verloren. Beide und mit ihnen sechs Gäste waren aber schon auf dem Weg nach Tahiti, als vier Tage später die Meldung kam: "An Bord alles wohlauf."

Begegnung auf dem Markt

Auf Tahiti, in der Südsee, begann das zweite Märchen im Leben von Josette Day. Sie, die unter ihren kinderlosen Ehe v am meisten litt, fand ausgerechnet in Tahiti ihre kleine Tochter, die heute im Mittelpunkt eines riesigen Erbschaftsstreites steht.

"Es klingt wie ein Groschenroman. Aber warum soll es keine Liebe auf den ersten Blick zwischen einer Frau und einem Kind geben?" fragte der Schriftsteller Paul Guimard, der auf der "Shemara" zu Gast war, als er von Hinanos Adoption berichtete. "Josette ging mit Janine Sylvain, der Frau unseres Photographen, auf den Wochenmarkt, um zu sehen und einzukaufen. Als Janine bemerkte, wie hingerissen Josette die bezaubernden Kinder betrachtete, sagte sie: ,Nimm dir doch eines mit. Die Eltern machen keine Schwierigkeiten. Sie tauschen ihre Kinder auch untereinander aus, und da alle Leute hier außerordentlich kinderlieb sind, findet man nichts dabei.' Janine mußte es wissen. Sie war in Tahiti aufgewachsen."

Josette Day sah die kleine Hinano. Und sie liebte das Kind auf den eisten

Blick. Was niemand zu hoffen gewagt hatte, geschah ? auch Maurice Solvay schloß Hinano von Anfang an ln sein Herz.

Alle juristischen Fragen wurden geklärt. Solvay konnte das Kind vorerst noch nicht adoptieren. Hinano kam bei seinen relativ jungen neuen "Eltern" nur unter legale Vormundschaft. Maurice Solvay versprach Hinanos Mutter, die noch zwölf Söhne und Töchter ihr eigen nennt, das kleine Mädchen wie seine eigene Tochter zu halten. Der Millionär erfüllte damit einen Herzenswunsch seiner Frau, die ihm während des Krieges sein Leben gerettet hat.

Er war damals abgerissen, verschmutzt und als Bettler zu Josette gekommen. Freunde hatten dem verwundeten Widerstandskämpfer die Adresse der Schauspielerin gegeben. Sie versteckte ihn, sie gab ihm zu essen. Sie pflegte ihn. Bald nachdem die Alliierten in Paris eingezogen waren, war der schweigsame Mann verschwunden. Josette Day kannte weder seinen Namen, noch seine Adresse. Sie hatten beide das Gesetz der Untergrundbewegung befolgt ? keine Fragen, keine Erklärungen. Es dauerte fast ein Jahr, bis Maurice zurückkam, um sich zu bedanken. Und um Josette zu heiraten. Als er im Frühling dieses Jahres starb, wußte er, daß seine Frau nicht allein bleiben würde. Sie hat Hinano.

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