Gemäldediebstahl In der Hamburger Kunsthalle / Die Aufsicht soll verstärkt werden

Alter Meister" bleibt verschwunden

Die Hamburger Kunsthalle ist alarmiert. Die Aufsicht wird verstärkt. Am Sonnabend ist aus der Abteilung "Alte Meister" das Bild "Reiter an der Düne" des holländischen Malers Philips Wouwerman gestohlen worden. Das Gemälde hat einen Wert von 5b 000 Mark. Heute mittag waren die Täter noch nicht ermittelt. "Die Kulturbehörde ist nach dem Kriege von der Finanzbehörde sehr kurz gehalten worden", erklärte Kultursenator Dr. Hans Härder Biermann-Ratjen heute vormittag dem Hamburger Abendblatt. Und weiter: "Ein Wärter für vier große Säle oder ein Wärter für acht kleine Kabinette ? das ist zur Zeit die Aufsicht in der Kunsthalie ? genfigen einfach nicht!"

Der Kultursenator verwies mit Nachdruck auf das Beispiel Amerikas: In den USA gibt es in jedem Raum einer Kunstgalerie, in der sich wertvolle Gemälde befinden, eine Aufsicht.

Auch diesen Zustand bedauert Dr. Biermann-Ratjen: Der Staat ist nicht versichert! Keine Versicherung wäre bereit, zu einer tragbaren Prämie für das Staatsvermögen aufzukommen. Deshalb muß die Stadt Hamburg jeden Schaden selbst ersetzen. Der Kultursenator: "Die Kunsthalle hat immerhin Werte von mindestens einer Milliarde Mark."

So wurde der Diebstahl entdeckt: Als der Aufseher Hannes * Schröder um 13 Uhr seiften Vorgänger ablöste und durch die Räume ging, hing das Gemälde noch an der Wand. Knapp 40 Minuten später alarmierte ein unbekannt gebliebener Besucher die Aufsicht Kurt Schmiedehaus an der Garderobe: "Oben hängt ein leerer Rahmen an der Wand!"

Der aufsichtführende Beamte Rohwedder, von Schmiedehaus durch Zuruf informiert, sprang mit einem Satz über den Tresen der Garderobe und%**~ * *.

lief nach oben. Eine Minute später stürzte er atemlos wieder nach unten, ließ alle Türen schließen und alarmierte die Polizei.

Der Dieb hatte es nicht allzu schwer. Er brauchte auf der Rüdeseite des Rahmens lediglich vier Blechklemmen zu lösen, mit denen das Gemälde befestigt war. Während er den Rahmen an der Wand hängen ließ, hat er vermutlich das Bild unter seinem Jackett versteckt und so die Kunsthalle verlassen ? noch bevor der Diebstahl bemerkt wurde.

Das Gemälde zeigt eine spärlich mit Gras bewachsene Sanddüne. Durch das Tor eines Lattenzaunes trabt ein vornehmer Reiter. Im Dunst der Ferne taucht ein Berg auf. Der Himmel ist mit grauen Wolken verhangen. Das 35 mal 30,5 Zentimeter große Gemälde wurde von der Kunsthalle 1888 aus der Sammlung der Hamburger Familien Hudtwalcker- Wesselhoeft erworben. Es ist auf Holz gemalt.

Philips Wouwerman ist einer der liebenswürdigsten und heitersten Maler, die das 17. Jahrhundert, das "Goldene Jahrhundert" der niederländischen Malerei, hervorgebracht hat. Er lebte von 1619 bis 1668 in Haarlem. Der berühmteste Maler der Haarlemer Schule, Frans Hals, war neben seinem Vater Paulus Joosten Wouwerman und dem Pferdemaler Pieter Verbeeck sein Lehrer.

Über tausend Bilder malte Philips Wouwerman. Die Dresdener Galerie besitzt allein 60, die Eremitage in Leningrad allein 50. Der Hamburger Kunsthalle gehört außer dem gestohlenen noch das Gemälde "Reiter und Badende". Es ist zwar größer als der "Reiter an der Düne" aber nicht so wertvoll.

Steht der Diebstahl vom Sonnabend im Zusammenhang mit ähnlichen Vorfällen der letzten Monate? Diese Frage beunruhigt den Direktor der Kunsthalle, Professor Dr. Alfred Hentzen, besonders stark. Die Serie begann am 8. Dezember mit dem Diebstahl der "Venus" von Lucas Cranach dem Älteren aus dem Staedelschen Kunstinstitut in Frankfurt. Fünf Tage später wurde aus der Gemäldegalerie des Dahlemer Museums in Berlin der Verlust einer Christuskopfstudie von Rembrandt (Wert 250 000 Mark) gemeldet. Am 6. März dieses Jahres wurden aus der Niedersächsischen Landesgalerie in Hannover drei wertvolle kleinere Gemälde entwendet. Keines dieser Bilder ist bisher wiederaufgetaucht.

Der Verkauf gestohlener Museumsbilder ist sehr schwer. In Westeuropa und den USA sind sie überhaupt nicht zu verkaufen-

Die Polizei hat eine Großfahndung nach dem "Reiter an der Düne" eingeleitet. Alle Grenzübergänge sind alarmiert. Zahlreiche Hinweise aus der Bevölkerung werden seit heute früh Überprüft. Ein Ergebnis liegt leider noch nicht vor.

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