Breite Schneise des Verderbens / Sturmfahrt nach Hannover

Schreckensbilanz: Orkan fordert 24Tote,160 Verletzte

Hamburg, 27. August Einer der schwersten Orkane seit Menschengedenken hat Westdeutschland am Wochenende heimgesucht. 24 Tote und mindestens 160 zum Teil Schwerverletzte, dazu gewaltige Materialschäden, deren Höhe noch nicht feststeht, sind die Schreckensbilanz dieses Wochenendes. Stundenlang kam der Straßenverkehr in Westdeutschland völlig zum Erliegen.

Eigene Berichte

Zehntausende von entwurzelten Bäumen blockierten die Straßen. Vor der deutschen Küste gerieten mehrere Schiffe in Seenot. Ein Küstenmotorschiff ist gesunken. Die Besatzung wurde gerettet.

Das war ein höllisches Wochenende! Mit Spitzengeschwindigkeiten bis zu 130 km/st jagten die Orkanböen von Westdeutschland in nordöstlicher Richtung. Dabei mähten sie eine nur knapp zweihundert Kilometer breite Schneise des Verderbens. Zahllose entwurzelte Bäume.umgeknickteTelegraphenmasten, zerschmetterte Hausdächer, umgestürzte Schornsteine, viele tausend zersplitterte Fensterscheiben ? das blieb in der Spur des Orkans zurück! An vielen Stellen wurde der Eisenbahnverkehr durch defekte Signale blockiert. Zahlreiche Ortschaften saßen im Dunkeln. Das Samburgct.AbcnOblttli war zufällig im Zentrum des Orkans. Unser Redaktionsmitglied Christian Heinrich berichtet darüber:

Ich fuhr in einem Kleinwagen am Sonnabendmittag von Hamburg in Richtung Hannover. Kurz vor Soltau brach der Orkan los. Mein Wagen wurde wie von einer Riesenfaust hin und her geschüttelt. Nur mit Mühe gelang es mir, ihn auf der Straße zu halten. Erst waren es nur armdicke Äste, die über die Straße fegten. Dann brachen dicke Bäume. Die Hindernisse hörten auf der Straße nicht mehr auf. Jeder Wagen fuhr langsam, denn man konnte nicht wissen, ob hinter der nächsten Kurve wieder ein Baum die Straße sperrte.

Es waren die schlimmsten Minuten meines Lebens. Wir fuhren durch ein kleines Dorf. Etwa fünfzehn Meter vor mir in dichtem Abstand zwei Personenwagen. Die Straße war frei. Links und rechts standen Kastanien. Plötzlich sah ich die beiden Wagen nicht mehr. In Sekundenbruchteilen war eine vielleicht 60- bis 70jährige Kastanie auf die beiden Wagen gefallen. Die Fahrer hatten Glück. Der erste Wagen stand zwischen einer Astgabel. Kühlerhaube und Dach waren ein wenig eingedrückt. Der Fahrer des zweiten Pkw hatte, sein Fahrzeug noch nach links gerissen, so daß der Wagen nur von dünneren Ästen eingedeckt wurde. Der Fahrer des schwerer beschädigten Fahrzeugs hatte eine blütenweiße Zipfelmütze auf. Als er ausstieg und neben seinem Fahrzeug auf und ab ging, um sich zu erholen, war sein Gesicht genauso weiß wie seine Mütze. , ? ?

Immer wieder war die Bundesstraße d gesperrt. Nur gelegentlich standen schon Menschen an den Hindernissen. Aus den nächsten Dörfern kamen Trecker, auf denen Bauern und Feuerwehrleute mit Äxten und Sägen saßen. Aber nietnand wußte, wo man zuerst anfangen sollte. Polizei regelte nur an manchen Stellen den Verkehr. Eine Nachrichtenübermittlung war unmöglich, denn die Telephonleitungen waren gerissen.

Auf der Straße war ein furchtbares Durcheinander. Autos, die plötzlich vor einem Hindernis standen, drehten um, und fuhren in eine Seitenstraße, um auf Umwegen Hannover zu erreichen. Nach kurzer Zeit kamen sie wieder, denn auch diese Wege waren durch umgestürzte Bäume gesperrt.

Wie stark die Verkehrsbehinderung

allein auf der Bundesstraße 3 war, mag dieses Beispiel veranschaulichen: Auf einer Strecke von knapp vier Kilometern fuhr ich an 550 stehenden Kraftfahrzeugen vorbei. Das ist nicht ein Einzelfall, gondern die Schlangen habe ich an vielen Stellen getroffen. Manchmal stand auch meine Kolonne, damit die entgegenkommenden Fahrzeuge welterfahren konnten.

Mir fiel auf, daß mehr Bäume auf der Ostseite der Straße als auf der Westseite umgekippt waren. Vielleicht kommt das dadurch, daß die im Osten stehenden Bäume mit ihren Wurzeln in den Stra- ßengräben enden und nicht genügend Halt haben. Die nach Osten verlaufenden Wurzeln der auf der westlichen Straßenseite stehenden Bäume hatten dagegen unter der festen Straßendecke mehr Halt. Das Bild der reihenweise umgestürzten Chausseebäume erinnerte

Niedersachsen am schwersten betroffen

Im einzelnen melden die Korrespondenten des Hamburger Abendblattes aus den Hauptzentren des Orkans:

Lüneburg. Die Stadt sah am Sonnabendabend fast wie nach einem Bombenangriff aus. In wenigen Sekunden hatten sich am Nachmittag die Asphaltwege in Knüppeldämme verwandelt ? so dicht waren sie mit Ästen und Zweigen bedeckt! Der Orkan hatte mannsdicke Bäume wie Streichhölzer geknickt. Noch gestern vormittag waren in aller Eile zusammengestellte Hilfstrupps mit der Freimachung von Straßen beschäftigt.

An ungeschützten Stellen pustete der Orkan Motorräder und Kleinautos wie Federbälle vor sich her. In der Umgebung von Lüneburg landeten zahllose Motorradfahrer in Chausseegräben. Auf der Straße Uelzen? Osterholz wurde der 32jährige Motorradfahrer Horst K. von einem umstürzenden Baum erschlagen.

Hannover: Niedersachsen wurde vom Orkan am schwersten betroffen. Polizei und Feuerwehr stellten ingesamt 15 Tote und über 80 Schwerverletzte fest. Der Schaden an Häusern und in den Wald-

Zelte in Köln brachen zusammen

Minden: Im Kreis Minden warf der Sturm einen Personenkraftwagen gegen einen Baum. Der Insasse, ein Schlachtermeister, war auf der Stelle tot.

Detmold. Allein im Regierungsbezirk Detmold sind vier Tote und elf zum Teil Schwerverletzte zu beklagen.

Herford. Bei Herford erschlug ein entwurzelter Baum eine Frau. In Altenhagen (Kreis Bielefeld) kam ein 13jähriges Mädchen auf der Landstraße mit einer abgerissenen Starkstromleitung in Berührung. Das Kind war sofort tot.

Dortmund. In Nordrhein-Westfalen erreichte der Orkan Windstärke 12. In Essen wurde eine Bauarbeiter mit einem zusammenstürzenden Baugerüst in die Tiefe geschleudert und getötet. In Köln riß der Sturm zahlreiche Zelte nieder, die am Rheinufer für jugendliche Teilnehmer am Katholikentag errichtet waren.

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Der Schreckensweg des Orkans

Besatzung in letzter Minute gerettet

Bremerhaven. Seenot-Rettungskreuzer "Bremen" der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger unter Führung von Hermann Onken kam in der Wesermündung dem 831 BRT großen Hamburger Motorschiff "Anni Lina" buchstäblich in letzter Minute zu Hilfe. Das Schiff befand sich mit einer 200-Tonnen- Ladung Eisen auf der Fahrt von Apenrade (Dänemark) nach Schwelgen am Rhein. Durch überkommende Brecher war die "Anni Lina" an den Deckaufbauten leckgeschlagen und hatte Notflaggen gesetzt. Nachdem die "Bremen" die vierköpfige Besatzung übernommen hatte, sackte das Schiff über Heck ab. Eine Hebung wird möglich sein.

Cuxhaven. Mehrere Schiffe gerieten am Sonnabend vor der deutschen Küste in Seenot, obgleich das Zentrum des Sturms das Küstengebiet nur streifte. In den Rettungsstationen der Deutschen mich an die letzten Kriegsmonate. Damals waren die Bäume gesprengt worden, um sie als Panzersperren zu verwenden.

In Bergen bei Soltau z. B. steht an der Durchgangsstraße kaum noch einer der schönen alten Bäume. Die Durchfahrt war gesperrt. Kraftfahrzeuge wurden über schmale Privatwege umgeleitet. An vielen Stellen hatten die Bäume die Dächer der Häuser eingedrückt. Auf einem Bauernhof bemühten sich Menschen während des Orkans einen halbumgestürzten Baum mit Seilen zu sichern, damit er nicht auf das Hausdach fiel. Am besten haben sich die jungen Bäume gehalten, wenn sie sich von ihren Pfählen losgerissen hatten. Sie wiegten sich im Orkan wie Grashalme im Wind. gebieten dürfte 10 Millionen DM übersteigen. Mehr als 20 000 Mann Bundeswehr, Bundesgrenzschutz. Polizei, Feuerwehr und Technisches Hilfswerk waren eingesetzt. Allein in der Eilenriede in Hannover knickten unter der Gewalt des Sturms über zweitausend wertvolle alte Bäume um. Mehrere Kinder wurden auf den Schulhöfen in den Unterrichtspausen durch herabstürzende Dächer schwer verletzt.

Brocken/Harz (Sowjetzone). Auf dem höchsten Berg des Harzes (rund 1200 Meter) tobte der Orkan furchtbar. Dreißig Touristen wurden buchstäblich auseinandergewirbelt. Der Bergrettungsdiest mußte sechs Verletzte nach Wernigerode schaffen. Das Dach des Fernsehsenders auf dem Brocken wurde abgedeckt.

Berlin. Mit 110 Stundenkilometern Geschwindigkeit fegte der Sturm am Sonnabendnachmittag über Berlin hinweg. Die Polizei hatte keine ruhige Minute. Ein Mann wurde von umstürzenden Parkbäumen erschlagen. Zwei Bauern bei Kyritz (Sowjetzonel erlitten das gleiche Schicksal.

Frankfurt. Auch in Hessen waren sämtliche verfügbaren Feuerwehren und Polizeikommandos im ständigen Katastro SOWlET- INOVFlf

pheneinsatz, um die durch Sturmschäden entstandenen Verkehrshindernisse zu beseitigen. Die Telephonverbindungen weiter Gebiete waren unterbrochen. Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger herrschte Hochbetrieb. Das Motorrettungsboot "Lübeck" aus Wangerooge konnte eine Segeljacht mit zwei Insassen bergen. Motorrettungsboot "Hindenburg" kam aus Cuxhaven einem vor Otterndorf in der Brandung kämpfenden Schiffkutter zur Hilfe, während das Strandrettungsboot von Fedderwardersiel gleichfalls für eine in Seenoot befindliche Jacht alarmiert wurde.

Brunsbüttel. Den härtesten Kampf dieses Jahres hatten 75 Segeljachten zu bestehen, die zur Wettfahrt um das "Blaue Band der Niederelbe" gestartet waren. Die orkanartigen Böen machten den Schiffern schwer zu schaffen. Viele Segel zerfetzten, Masten brachen und mehrere Jachten kenterten oder strandeten, ' '.' ". ' ' ? Kein Boot erreichte das Ziel Cuxhaven.

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