Hamburger Polizei verhörte über 1000 Menschen - Ein Fingerzeig aus Berlin

Rätsel um den Trümmermörder

Vor fünfeinhalb Jahren erschütterte eine Verbrechenserie die Hamburger Bevölkerung: Der Trümmermörder ging um! Auf das Konto dieses immer noch Unbekannten kommen vier Morde: Ein Kind, zwei junge Frauen und ein älterer Mann. Die Hamburger Kriminalgeschichte kennt kein Beispiel, das so voller Rätsel und mysteriöser Umstände ist. Mit verbissener Zähigkeit verfolgt die Polizei noch heute jede winzige Spur und jeden Hinweis, der einen kleinen Funken Licht in diese "Trümmermorde" bringen könnte. Vor wenigen Tagen kam ein Fingerzeig aus Berlin. Der große Polizeiapparat begann zu spielen. Aber das Ergebnis war gleich Null.

RUDOLF WESCHINSKY

Hamburg, 27. September

Es begann am 20. Januar 1947. An diesem frostklaren Wintertag fanden spielende Kinder in einem Trümmerkeller in der Baustraße, in der Nähe des Bahnhofs Landwehr, die Leiche einer Frau. Das war in einer Zeit, als späte Spaziergänger nachts nicht sicher waren, als die Polizei den Hamburgern empfehlen mußte, zum Schutze der eigenen Sicherheit auf der Mitte der Fahrbahn zu gehen, um nicht aus Trümmern und Kellerlöchern angesprungen zu werden. In dieser dunklen Zeit wurde die Mordkommission häufig alarmiert. Und so registrierten die Beamten in der Baustraße einen Mord, dessen Motiv Habgier zu sein schien. Sie fanden eine völlig entblößte Frauenleiche, ohne jeden Hinweis, der zu einer Identifizierung der Toten hätte beitragen können. Die Hand des Mörders hatte eine winzige, beim flüchtigen Hinschauen kaum erkennbare Spur hinterlassen: am Hals der Getöteten eine etwa drei Millimeter breite Linie, die auf eine Drosselschnur hindeutete. Das einzige, was das Gerichtsmedizinische Institut zur Identifizierung beitragen konnte, war die ungefähre Altersbestimmung ? etwa 18 bis 22 Jahre.

Ein grausiger Fund

Bevor noch die ersten Aufrufe an die Bevölkerung zwecks Personalbestimmung der Toten abgedruckt waren, erschütterte eine neue Meldung die Hamburger. In einem Trümmerflur in der Lappenbergsallee in Eimsbüttel wurde fünf Tage später durch Schrottsammler die Leiche eines 65- bis 70jährigen Mannes gefunden. Mit den gleichen Merkmalen wie bei der Entdeckung in der Baustraße ? unbekleidet, erdrosselt, ohne Anhaltspunkte für die Persönlichkeit des Toten.

Mit einer schaurigen Präzision, in einem Abstand von je sieben Tagen, wurden weitere Fälle entdeckt. Ein etwa sechs- bis achtjähriges Mädchen im Fahrstuhlschacht eines zertrümmerten Hauses in der Billstraße und eine etwa 30 Jahre alte Frau in den Trümmern der Anckelmännstraße, nicht weit vom Bahnhof Berliner Tor. Die gleiche Tatausführung, die gleichen Fundumstände.

Die von den Zeitnöten schon hart angeschlagenen Menschen in dieser Stadt wurden von einem fast panisch zu

nennenden Schrecken erfaßt. Ein unheimlicher Mörder ging um, ein grausames reißendes Tier, das auf tauchte und zuschlug und das nicht die geringste Spur hinterließ.

Täter mit Kraftwagen

Noch niemals hatte die Hamburger Mordkommission vor einer so rätselhaften Aufgabe gestanden. Von der Hamburger Polizei ging und geht die Rede, daß es sinnlos ist, in dieser Stadt ein Verbrechen zu begehen. 1949 klärte ihr vorzüglich eingespielter Apparat ? 23 von 24 Morden auf. Daß die Trüm- , mepmorde bisher unaufgeklärt blieben, ist eine Folge jener rätselhaften Tathintergründe, über die hier berichtet wird.

Vier Leichen waren in Hamburg gefunden worden. Man muß das Wort "gefunden" zweimal lesen. Denn es steht nach den heutigen Ermittlungen unumstößlich fest, daß der Fundort niemals der Tatort war. Der Mörder hat sehr wahrscheinlich sogar seine Opfer erst nach der Tat in die Mauern unserer Stadt gebracht. Vielleicht mit einem Kraftwagen. Dafür sprechen die Spürenuntersuchungen am Tatort. Nirgends das Zeichen eines vorhergegangenen Kampfes, aber manchmal eine Schleifspur auf spitzen Trümmersteinen. Die Ermittlungen lassen auch mit ziemlicher Sicherheit darauf schließen, daß es sich bei den Ermordeten nicht um Hamburger handelt. Um wen es sich aber handeln könnte ? diesen geheimnisvollen Schleier, den Ausgangspunkt des Rätsels, zu lüften, ist bisher noch nicht gelungen. Und das ist in der Kriminalgeschichte ein einmaliger Fall.

Identifizierung um jeden Preis

Es lag nach der Entdeckung dieser schrecklichen Verbrechen nichts näher, als sich um die Identifizierung der Opfer zu bemühen. Alle Mittel wurden eingesetzt, um zu diesem Ziel zu kommen. Die Bilder der Ermordeten liefen durch die Presse, der Rundfunk gab seine Suchmeldungen. 60 000 Plakate gingen von Hamburg aus in die damaligen vier Besatzungszonen. Auf jedem Bahnhof, an jeder Litfaßsäule die Frage: "Wer kennt die hier abgebildeten Pernio, frfflil. t .^mrnsonen?" Selbst in der russischen Zone wurden die Fahndungsaufrufe geklebt. Alle deutschen Standesämter wurden um die Durchsicht ihrer Unterlagen gebeten. Eines der Opfer trug eine Zahnprothese ? genaue Abbildungen wurden an die Berufsvereinigungen der Zahn- ärzte und Dentisten geschickt: "Wer erinnert sich an die Anfertigung einer solchen Prothese?"

Besonders intensiv wurde die Fahndung in Hamburg selbst betrieben. Das zuletzt gefundene Opfer hatte als besonderes Kennzeichen eine Blinddarmoperationsnarbe ? die Hamburger Ärzte wurden auf einen solchen Operationsvorgang aus früherer Zeit angesprochen. Sämtliche Ausgabestellen für. Lebensmittelkarten wurden von einem Heer von Beamten durchgekämmt, die ihre Karten aus irgendwelchen Gründen nicht abgeholt hatten. Denn wer damals leben wollte, brauchte seine Marken und Abschnitte fast noch nötiger als die kaufschwache Reichsmark. Weit über 1000 Personen, die nicht polizeilich gemeldet waren, wurden kontrolliert. Im Netz dieser Razzien blieb manche dunkle Existenz hängen. 120 Personen, die Angehörige vermißten, kamen von nah und fern, um die unbekannten Toten zu identifizieren.

Auf der falschen Spur

Es war alles vergeblich. Die gemordeten Opfer schienen niemandem anzugehören. Nicht einmal das kleine Mädchen wurde irgendwo vermißt. Das große Rätsel blieb.

Nur einmal glomm für die Arbeit der Polizei ein kleiner Hoffnungsfunke auf. Eine Zimmervermieterin erschien, um

sich das männliche Opfer zeigen zu lassen. Sie glaubte, in dem Toten ihren Mieter zu erkennen, der seit einer Woche verschwunden war. Endlich doch eine Spur, dachten die Beamten. Denn die Identifizierung der Toten ist der erste Schlüssel zu jeder weiteren Arbeit. Der Schlüssel zu den Persönlichkeiten der anderen Opfer, zum Motiv und damit ? vielleicht ? auch zum Täter. Es war eine Täuschung. Nach einigen Tagen erschien der als tot angesprochene Mann sehr lebendig bei seiner Wirtin. Er war bei einem Verwandtenbesuch in Flensburg krank geworden und hatte die Rückreise hinausschieben müssen.f

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Dieses Rätsel der Namenlosigkeit der Opfer ist bis heute geblieben. Die gewiegtesten Kriminalärzte versuchten an Hand einer Sektion der Toten Verwandtschaftsmerkmale festzustellen. Das war an den leblosen Körpern nicht mehr möglich. Das Blut gab keine Auskunft mehr. So konnte auch der starke Verdacht nicht erhärtet werden, daß hier von meuchelnder Hand eine Familienoder Verwandtschaftszelle umgebracht worden war, die nun keine Angehörigen mehr hinterläßt.

Aussage gegen Zigaretten

Im Schatten dieser Geheimnisse tauchte dann vor zwei Jahren ein Mann auf, der neben dem Massenmörder Bruno Lüdke, selbst ein einmaliger krimineller Fall war und ist: Rudolf Pleil. Dieser Mann war der Unhold der Zonengrenze. Er gab seine schrecklichen Geheimnisse nur nach und nach preis ? im Braunschweiger Gefängnis, wo man ihn zunächst wegen einer Mordtat zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe verurteilt hatte. Pleil ? anomal und geisteskrank ? gestand seinen Richtern mit der Zeit nicht weniger als rund zwölf Morde. Er tat dies gegen Brot und Zigaretten. Die jeweilige Überprüfung hielt seinen grauenhaften Angaben wirklich stand. Man brachte ihn von Tatort zu Tatort und man entdeckte seine Opfer, vergraben und bisher nie gefunden. Der geisteskranke Mann nannte sich selbst "Der größte Totmacher Deutschlands".

Dieser Pleil erklärte eines Tages seinen Wächtern, daß er auch der Hamburger Trümmermörder sei. Die Polizei wollte keine noch so vage Spur auslassen und brachte ihn nach Hamburg. Pleil verkehrte mit den Beamten des Morddezernats wie mit seinesgleichen. Er duzte sie und schnorrte nach Zigaretten. Und er spielte als "größter Totmacher Deutschlands" eine Rolle, die selbst die vieles gewohnten Kriminalbeamten erschauern ließ.

Liste des Grauens

Aber Pleil war nicht der Trümmermörder. Der Mann, der in vielen Fällen über eine verblüffende Ortserinnerung verfügte, konnte seine Selbstbeschuldigungen nicht erhärten. Man fuhr ihn mit einem Wagen bis zum Berliner Tor, damit er von dort aus den Fundort des letzten Opfers in der Anckelmannstraße bestimmen sollte. Mit dem schrecklichen Stolz eines irren Geistes gestand Pleil dann, daß er "bedaure, in diesen Fällen doch nicht der Totmacher .zu sein". Er hatte sich in der Innenseite seines Gefängnisanzuges eine grausame Liste angelegt ? die Namen seiner Tatorte.

Jeder neue Mordfall irgendwo in Deutschland wurde und wird auch heute noch auf einen eventuellen Zusammenhang mit den Trümmermorden untersucht. Das war auch der Fall, als eine andere Mordserie die Hamburger aufschrecken ließ: die Verbrechen an den Taxichauffeuren.

Diesen Mördern, zwei russischen D i s placed Persons (verschleppte Personen), fielen im November 1949 zwei brave Hamburger Taxifahrer zum Opfer. Ein dritter konnte sich mit knapper Not dem tödlichen Anschlag entziehen. Bei der Aburteilung der Mörder lag auch das Tatinstrument auf dem Richtertisch

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gerissen aus der Lichtinstallation des Ausländerlagers Jungiusstraße, in dem die Täter gewohnt hatten. Dieses Kabel hatte etwa das gleiche Millimeterausmaß wie die Drosselspuren an den Hälsen der Trümmeropfer. Aber eine genaue Untersuchung konnte keine Identität zwischen den russischen Mördern und den Trümmerverbrechen ergeben.

Die Polizei hat sich in ihrer harten Arbeit an reale Dinge zu halten, wenn sie zu einem beweiskräftigen Erfolg kommen will. Vermutungen können ihr nicht weiterhelfen. Dennoch lassen sich aus dem ganzen Tatbestand zwei Schlüsse ziehen, die dem Rätsel am nächsten kommen könnten:

Der oder die Trümmermörder könnten in der Tat zu einem Kreis von Displaced Persons gehört haben, die mit den Chauffeurmördern im gleichen Ausländerlager wohnten. Dagegen aber spricht die rätselhafte Anonymität der Opfer, von denen sich bisher kein Angehöriger fand. Und daß vier einander fremde Menschen ? und vor allem das Kind ? ganz ohne Anhang gewesen sein sollten, ist höchst unwahrscheinlich.

Daraus ergibt sich die zweite Vermutung, daß die Opfer zu einer Familienzelle gehörten. Dann hätte der Täter vier Menschen eines engen Kreises ausgelöscht, die sich nicht mehr zueinander bekennen können. Oder: Der Mörder ist selbst das fünfte Glied in dieser Familienzelle, die er vernichtete, um als letzter und einziger Wissender übrigzubleiben.

Und das könnte heißen, daß der Mörder noch irgendwo unter uns ist.

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