Ein offenes Wort zum Thema: Turnen und Sport

Weg mit den Vorurteilen!

In einem Vortrag der Bremer Volkshochschule über "Soziologie des Sports" äußert sich Dr. R. R ü b b e r t : "Der im Turnen noch herrschende Drill macht es unmöglich, daß ein freies ungehemmtes Sichausleben wie im Sport Platz greifen konnte. Diese starre, unlebendige Art der Leibesübung und der Kommandoton erlaubten, eine direkte Verbindung zwischen Turnverein und Kasernenhof herzustellen. Weite Kreise des Volkes wendeten sich daher vom Turnen ab."

Diese Auffassung ist, aus der Perspektive des Turners betrachtet, falsch. Zweifellos gibt es Wesensunterschiede zwischen Turnen und Sport. Es sollte daher jedem ernsthaft über die Dinge Nachdenkenden ein gewissenhaftes Studium des Werkes von Carl Dlem "Olympische Flamme" empfohlen werden. Mancher Streit wäre dann nicht mehr notwendig. Turnen und Sport haben beide ihre Aufgaben, sie abzugrenzen, könnte eine Tat sein. Das Wesensmerkmal im Sport kennt keine physiologischen Ziele, sondern psychologische, d. h. der Sport will das Erlebnis der Leistung als oberstes Prinzip, während das Turnen ein Bildungsziel erstrebt. Dieses Bildungsziel ist die körperliche Haltung mit der Betonung einer stark ethischen Erziehung. Turnen ist. wie sich Dr. Göhler ausdrückt, im weitesten und reinsten Wortsinn politisch ? nicht parteipolitisch ? aber doch der Gemeinschaft verpflichtet in einer Weise, die dem Sport insgesamt fremd ist. Das schließt nicht aus, daß auch der Sport erzieherisch wirkt, wenn auch in anderer Weise.

Im Vergleich mit anderen Turnländern ist das deutsche Turnen weit sportlicher eingestellt als beispielsweise in Schweden, Dänemark, Holland und Norwegen, aber der feste Grundsatz trotz allen sportlichen Einschlags bleibt im Turnen immer die Erziehung. Die Turner wollen wohl den Wettkampf und <Jie Leistung, aber nicht den "Betrieb", der doch schließlich immer mehr vom Amateurbegriff hinwegführte und schließlich beim Vertragsspieler endete, eine Zeiterscheinung zwar, vielleicht auch eine nicht aufhaltbare, aber letzten Endes eine dem Turnen ? und nicht nur dem Turnen allein ? fremde Entwicklung.

Was ist der tiefere Sinn des Turnens? Letzten Endes doch die auf der Tagung der Oberturnwarte in Lüdenscheid ganz klar herausgestellte Linie: Gerät, Turnerfamilie, Bergfeste. Wanderfahrten. Das sind krasse Gegensätze zu den Begriffen Kommandogehorsam und Kasernenhof und auch gegen- über den Auffassungen des Sportes. Die Turner pflegen ein echtes Liedgut. Gesangverein und Turnverein sind an vielen Orten eine Einheit, aber nicht in dem Sinne: "Rechts um, ohne Tritt Marsch, singen...!' Die Turner erstreben sich Kultur und Urspriinglichkeit, sie nennen es Turnerfröhlichkeit. Sie sind deshalb, auch bei ernstester Arbeit, nämlich da, wo sie auch Sportler sind im Kunstturnen, der Leichtathletik, bei den Turnspielen letzten Endes nicht so hart in ihren Vorbereitungen wie ein Spitzensportler. Sie üben wohl, aber sie trainieren nicht in dem Sinne, wie man es nach sportlichen Begriffen verlangt. Selbst die beste Turnriege, die Je bestanden hat, die Olympiariege, deren Männer Schwarzmann, Stadel, Stangl heute noch die Asse sind, waren -bei härtester Vorbereitung niemals Abstinenzler. Sie haben sich trotzdem ihren Schoppen geleistet und die ?Gemütlichkeit" nicht vergessen, aber sie konnten auch hinterher noch ihren Handstand drücken.

Man sagt so häufig: die Turner sind museumsreif, well man so viele "Alte" im Turnen beobachten kann. Ich möchte Jedem Freund des Sportes einmal einen Turn- oder einen Festabend der "Alten-Abteilung" von Altmeister Hugo Lüer der H. T. v. 1816 wünschen. Er würde erstaunt sein, wie sehr diese "Alten" ihr Herz der Jugend bewahrt haben und mit ihr Jung geblieben sind. Turnen ist eine Jugendbewegung, und wird es trotz allem Jeden Tag wieder mehr sein. Und dieser Jugend gilt die Arbelt ln harmonischer Form. Turnen ist deswegen Im Gegensatz vom Sport Immer Mehrkampf, es forciert die allseitige Körperausbildung. Die Auffassung vom ausschließlichen Geräteturner ist falsch. Zum Begriff des Turnens gehören auch Leichtathletik, Schwimmen, Handball, Turnspiele, Wandern und das Lied, es gehören dazu der Tanz und der Rhythmus und das Festefeiern, Volksfeste nämlich, die dem Ganzen dienen, dem Volke.

Das Turnen will dem Sport keine Konkurrenz machen und denkt auch nicht wieder an eine "reinliche Scheidung". Es fühlt sich auch nicht besser als der Sport, aber es besteht ein Unterschied. Dr. Göhler sagt dazu: Turnen ist volkstümlich, Sport ist international. Gebe man daher der Turnbewegung alles, was volkstümlich ist an Leibesübungen! Die Turner überlassen dafür dem Sport von Herzen gern, alles was ins Internationale übergreift.

Es sollte darum nicht länger heißen Turnen oder Sport, sondern Turnen und Sport. Entwickelt sich zwischen diesen Polen eine bewußte Zusammenarbeit aus innerer Überzeugung und ohne engstirnige Eifersüchteleien und Kompetenzgelüste, dann wird sie zu einem Gewinn des Menschlichen bei allen, die der Leibesübung dienen und durch Rie Erholung suchen. Hans Reip

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.