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Neues Konzept zur Integration

Veddel - viel mehr als eine Modeerscheinung

Foto: Patrick Piel

Designerin Sibilla Pavenstedt greift für die Handarbeit auf die Erfahrung von fünf Migrantinnen zurück, bildet sie zu Schneiderinnen aus.

Dana Schweiger und Susann Atwell präsentieren ihre Kollektion. Edle Boutiquen in Amsterdam, London und Kuwait verkaufen ihre Mode. Der Name Sibilla Pavenstedt steht international für Haute Couture, Glamour - und neuerdings auch für Integration. Denn die eleganten Abendroben aus Seide und Lurex, verziert mit aufwendigen Lochstickereien, werden nicht in Taiwan oder Hongkong hergestellt, sondern hier in Hamburg, genauer gesagt auf der Veddel. Im Rahmen des Projekts "Made auf Veddel" bildet die Modedesignerin fünf Frauen aus, die sonst keine Chance hätten auf dem Arbeitsmarkt.

Es sind Frauen wie die Türkin Nesrin Kaya. Sie wohnt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern seit 25 Jahren an der Veddeler Brückenstraße. Das, was sie als ihr Hobby bezeichnet und bislang nur zu Hause ausübte, nämlich Nähen, Sticken und Stricken, fließt nun in die Textilproduktion eines renommierten Modelabels ein: Haute Couture in Handarbeit. "Es hat mir immer Spaß gemacht zu schneidern. Früher wollte ich sogar einmal Modedesignerin werden", sagt die 44-Jährige. "Mit Frau Pavenstedt zusammenzuarbeiten ist eine große Chance für mich."

Die Designerin ließ sich wiederum von den besonderen Talenten ihrer Auszubildenden, die die Handarbeiten häufig von ihren Müttern gelernt haben, bei ihrer aktuellen Herbst-Kollektion inspirieren: "Der Austausch mit den Frauen hat eine Menge Kreativität hervorgebracht", sagt Sibilla Pavenstedt (42). Typisches Markenzeichen ihrer Modelle sind nun Netzteile aus Seiden-Viskose-Garn gestrickt, die als zweite Lage über den Kleidern getragen werden. An einem Designerstück arbeiten die Näherinnen schon mal zwei Wochen.

"Der Manufakturgedanke soll auf jeden Fall erhalten bleiben. Eine Massenfertigung ist nicht das Ziel", sagt die engagierte Designerin, die schon seit vielen Jahren erfolgreich mit Migrantinnen zusammenarbeitet. "Natürlich gibt es ab und zu Verständigungsschwierigkeiten", sagt Sibilla Pavenstedt. "Aber mir kommt es darauf an, dass die Frauen ein gutes Gefühl für Textilien und Techniken haben." Ihre Mode habe einen hohen Preis, "aber dafür bezahlen wir unsere Mitarbeiter auch anständig". Statt aufwendige Werbekampagnen zu starten, wird ausschließlich ins Produkt investiert.

Unbezahlbar - das sind für die Türkinnen nur die Erfahrungen während des Projekts. "Sie haben regelmäßigen Austausch, lernen die deutsche Sprache besser und kommen auch aus ihrer gewohnten Umgebung heraus", lobt Francine Lammar. Im Rahmen eines Wettbewerbs, zu dem die Internationale Bauausstellung (IBA) zur Verbesserung im Bereich Veddel aufgerufen hatte, wählte sie "Made auf Veddel" aus über 100 Ideen aus. "Weil es die Menschen vor Ort wirklich einbezieht", sagt die Betreiberin des Stadtteilstreffs Veddel Aktiv e. V.

Die IBA Hamburg unterstützt die Testphase des Projekts finanziell. Die angehenden Schneiderinnen bekommen Arbeitsverträge, demnächst soll es mit Geldern des Programms "Stärken vor Ort" eine Produktionsstätte auf der Veddel geben; bislang werden die Frauen im Atelier von Sibilla Pavenstedt an der Langen Reihe in Materialkunde und Schnitttechnik ausgebildet. Mittlerweile ist Francine Lammar als Beraterin Teil des Teams um Edmund Siemers (38), wählte mit ihm und Sibilla Pavenstedt die fünf Frauen aus insgesamt 60 Bewerberinnen aus. "Auswahlkriterien waren vor allem Offenheit und Begeisterung für die Modewelt", sagt der Initiator des gemeinnützigen Vereins Förderwerk Elbinseln, der "Made auf Veddel" als erstes Projekt realisiert.

Der Hamburger Unternehmer Edmund Siemers berät neben seiner Aktivität in der gleichnamigen Stiftung Luxusmarken und Finanzdienstleister. "Ich bin öfter mit dem Fahrrad zum Spreehafen gefahren und habe gedacht, wie schön dieses Gebiet ist." Doch durch die Insellage und den Ruf als Problem-Stadtteil ist die Veddel alles andere als ein beliebter Wohnort für junge Leute - trotz Studentenprogramm.

"Die meisten gehen mit gesenktem Kopf zur U-Bahn und kommen erst spätabends wieder", kritisiert Edmund Siemers das fehlende Bekenntnis zum Wohnort. Mit seinem Projekt möchte der Unternehmer Mode mit sozialem Engagement verbinden und die Veddel über die IBA hinaus ins Bewusstsein der Hamburger bringen.

"Der Stadtteil wird dadurch deutlich belebt", sagt Francine Lammar. "Normalerweise kenne ich hier jeden mit Namen. Jetzt kommen viele neue Leute ins Viertel."

"Made auf Veddel" - ein kleines Kärtchen mit dem Firmenlogo, das den Kleidern von Sibilla Pavenstedt beiliegt und den Namen der jeweiligen Näherin trägt, macht deutlich: Dort, wo Veddel draufsteht, ist auch Veddel drin.