Hilfe für bedürftige Menschen in Hamburg
Der Verein „Hamburger Abendblatt hilft“ unterstützt sozial Schwache, Kranke und Menschen mit Behinderung in der Metropolregion Hamburg Lesen Sie mehr »
Hier helfen wir

Ein Verein, der Mädchen zum Abitur bringt

Lesedauer: 6 Minuten
ISI ist ein Verein, der Migrantinnen schulisch fördert , Marlou Lessing hilft Malak bei den Hausaufgaben Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

ISI ist ein Verein, der Migrantinnen schulisch fördert , Marlou Lessing hilft Malak bei den Hausaufgaben Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Foto: Michael Rauhe

Die Interkulturelle Schülerinnen Initiative fördert junge Migrantinnen bis zur Hochschulreife – unterstützt vom Abendblatt-Verein .

Eigentlich ist Gül mitten in der Abivorbereitung, doch als Irem (13) eine Frage zu ihren Hausaufgaben hat, hilft ihr die 19-Jährige gern. Das ist Ehrensache – die Älteren helfen den Jüngeren bei der Interkulturellen Schülerinnen Initiative, kurz ISI genannt. Gül kommt zweimal in der Woche in die Institution in Ottensen, und das seit der 7. Klasse. Die Lerneinrichtung ist wie eine zweite Familie für sie. Hier hat sie viele Freundinnen gefunden, hier ist immer jemand zum Reden da, auch wenn sie private Probleme hat – aber vor allem wurde sie hier von den Lehrerinnen immer motiviert zu lernen, zu kämpfen und auch in Krisenzeiten nicht aufzugeben.

Der Verein ISI fördert Schülerinnen mit Migrationshintergrund, die das Abitur anstreben. Sechs engagierte Lehrerinnen bieten intensive Nachhilfe an, unterstützen bei Präsentationen, Projekten und Referaten. Zudem organisieren sie Workshops zur Berufsvorbereitung und für das Bewerbungstraining. „Wir sind aber keine Feuerwehr, die mal schnell eine Abi-Prüfung rettet. Die Schülerinnen müssen sich hier längerfristig binden und eine hohe Motivation mitbringen“, erklärt Marlou Lessing. Die Physikerin, die sonst in der Erwachsenenbildung arbeitet, unterrichtet vor allem Naturwissenschaften und Deutsch. Die 55-Jährige möchte den Mädchen neben der Wissensvermittlung vor allem auch „den Rücken stärken. Viele haben Demütigungen in der Schule und oft auch zu Hause erlebt. Wir bauen ihr Selbstvertrauen hier auf, das ist Teil der Persönlichkeitsbildung.“

Für Hartz-IV-Haushalte ist die Förderung kostenfrei

Die meisten ISI-Teilnehmerinnen kommen ab der 7. Klasse in die Einrichtung, rund 80 aus sozial schwachen Elternhäusern. Sie können gratis am Programm teilnehmen, die aus wohlhabenderen Verhältnissen zahlen 20 Euro pro Monat. Die Einrichtung finanziert sich sonst ausschließlich durch Spenden – einer der Hauptunterstützer ist der Verein „Hamburger Abendblatt hilft“ mit seiner Initiative „Kinder helfen Kindern“. Er unterstützt damit ein echtes Erfolgsprojekt, denn 99 Prozent aller ISI-Schützlinge machen das Abitur, die meisten studieren danach.

„Als ich von der Grundschule auf die Stadtteilschule gewechselt bin, hätte niemand nur einen Cent darauf gewettet, dass ich einmal das Abitur mache“, sagt Gül. Im Gegenteil, höchstens der ESA, der erste Schulabschluss, sei ihr von den Lehrern prophezeit worden. Schließlich war die Tochter eines Türken und einer Deutschen schon in der Grundschule auffallend unkonzentriert und benötigte Förderung in Mathe und Deutsch. „Ich habe eine Lerntherapie bei Jasmin Apcin gemacht, sie hat mich dann auch hierher empfohlen“, erinnert sich Gül – aber erst, als das Mädchen begriffen hatte, dass es mit einer guten Schulausbildung bessere Chancen haben würde. „Ich bin in der siebten Klasse richtig durchgestartet. Ich hatte gute Lehrer und mithilfe von ISI sind meine Noten immer besser geworden.“ Sie war so gut, dass sie den ESA-Test erst gar nicht machen musste und nun einen guten Zweierschnitt im Abitur erwartet. Gül wird die Erste in der Familie sein, die das Abitur hat. Sie hat vier Geschwister, zwei sind arbeitsuchend, ihre alleinerziehende Mutter ist berufsunfähig. „Die sind alle mächtig stolz auf mich“, sagt die Schülerin, die ins Lehramt gehen möchte. Sie ist den Lehrerinnen von ISI sehr dankbar für die Unterstützung. „Ohne sie wäre ich nie so weit gekommen.“

Malak hat sich deutlich verbessert

Das Gleiche sagt auch Malak. Die 14-Jährige ist die Dritte aus ihrer Familie, die zu ISI kommt. Ihre beiden Schwestern sind schon fast mit dem Studium fertig, die eine wird Lehrerin, die andere Betriebswirtin. „Sie haben mir immer von der lockeren Atmosphäre vorgeschwärmt, bei der das Lernen echt Spaß macht“, sagt die Neuntklässlerin, deren Eltern aus Marokko eingewandert sind. Sie kommt seit zwei Jahren in die Räume der ehemaligen Drahtstiftefabrik in der Zeißstraße. Seither haben sich ihre Noten von einem schlechten Dreier- auf einen Zweierschnitt verbessert. „Das liegt vor allem auch daran, dass die ISI-Lehrerinnen hier so spannend und praxisnah erklären“, sagt Malak.

Für Marlou Lessing ist neben der Chancenförderung von Mädchen das Lehren ein Hauptmotiv ihres Engagements. „Ich setze mich mit so vielen verschiedenen Fächern und Themen auseinander, da bleibe ich auch frisch im Kopf. Das finde ich toll“, sagt sie und lacht dröhnend. Sie unterstützt Malaks Schwester noch immer, korrigiert inzwischen deren Deutscharbeiten im Lehramtsstudium. Viele Ehemalige kommen weiterhin zu den Öffnungszeiten vorbei, helfen beim jährlichen Fest für die Sponsoren mit oder springen mal ein, wenn die Lehrer zusätzliche Hilfe benötigen. Derzeit brauchen sie dringend eine Englisch- und Spanischlehrkraft.

Es gibt eine große Warteliste

ISI arbeitet immer am Anschlag. Der Verein kann maximal 30 Schülerinnen betreuen. „Die Warteliste ist noch mal so lang, aber wir können eine erst aufnehmen, wenn eine andere ausscheidet“, sagt Jasmin Apcin, die seit 13 Jahren bei ISI mitmacht. Seit der Flüchtlingskrise kommen sehr viele geflüchtete Mädchen in die Zeißstraße. „Sie brauchen sehr intensive Betreuung, viele haben massive Probleme in Deutsch.“

Doch einige darunter sind auch kleine Wunderkinder – wie Samira (Name geändert), die Anfang 2017 aus Syrien mit ihrer Familie nach Hamburg kam und direkt nach dem ersten Jahr auf das Gymnasium wechselte. Ihre Mutter hat nie eine Schule besucht, ihr Vater zumindest ein paar Jahre. Die 16-Jährige, die fast akzentfrei Deutsch spricht, ist sehr klug und ehrgeizig. „ISI war meine Rettung. Meine Eltern können mir nicht helfen, sie sprechen kein Deutsch, die Sprache ist aber auch echt schwer“, sagt Samira. Doch sie kommt nicht nur zu ISI, um Hausaufgabenhilfe zu erhalten. „Hier fühle ich mich einfach geborgen.“

ISI war meine Rettung. Meine Eltern können mir nicht helfen, sie sprechen kein Deutsch
Schülerin Samira, 16