US Open

Der späte Aufstieg des Oscar Otte

| Lesedauer: 4 Minuten
Jörg Allmeroth
Qualifikant Oscar Otte bei seinem Drittrundenspiel gegen den Italiener Andreas Seppi.

Qualifikant Oscar Otte bei seinem Drittrundenspiel gegen den Italiener Andreas Seppi.

Foto: AFP

Der Kölner Tennisspieler Oscar Otte steht überraschend im Achtelfinale der US Open. Boris Becker schwärmt von ihm.

New York. Als Alexander Zverev und Oscar Otte am 30. Mai bei den French Open auf den Court Suzanne Lenglen in Paris marschierten, wirkten sie noch wie Tennis-Gladiatoren aus verschiedenen Welten. Hier Zverev (24), einer der Stars der Branche, ein Turnierfavorit inzwischen auch bei jedem Grand-Slam-Turnier, ein Top-Ten-Ass. Dort Otte (28), ein Namenloser auf der großen Bühne, ein Mann, der sich regelmäßig über Bewerbungsmatches für die Major-Wettbewerbe qualifizieren muss. Einer, den auch in seiner Heimat nur Fachleute kannten. Zverev, damals die Nummer sechs der Weltrangliste, verlor die beiden ersten Sätze fahrig, dann setzte er sich dank besserer Physis gegen den müde werdenden Kölner durch.

Er feiert Siege wie Fußballer Modeste

Drei Monate später ist die Hierarchie im deutschen Tennis noch immer klar. Erst kommt der aktuelle Weltranglistenvierte Zverev, dann lange Zeit nichts, dann kommen Spieler wie Jan-Lennard Struff und Dominik Koepfer aus dem DTB-Davis-Cup-Team. Und irgendwann taucht dann Otte auf, mittlerweile die Nummer 144 der Bestenliste.

Aber die Zahlen täuschen, führen etwas in die Irre. Denn der hochgewachsene Otte hat sich inzwischen in der erweiterten Weltspitze eta­bliert, auch wenn sich das noch nicht in einem besseren Rang in der Hackordnung ausdrückt. „Der Junge ist auf dem Weg nach oben. Er ist ein Super-Charakter, ein Typ, der Spaß macht“, sagte Boris Becker, nachdem Otte bei den US Open auch noch zu Beginn der zweiten Turnierwoche für Furore sorgt.

Die Wege von Zverev und Otte trennten sich in New York nicht schon früh. Bei den US Open des Jahres 2021 stehen der Olympiasieger aus Hamburg und der stetige Aufwärtskletterer Otte gemeinsam für eine verblüffende deutsche Erfolgsgeschichte – erstmals seit Wimbledon 1997 erreichten drei DTB-Profis ein Grand-Slam-Achtelfinale: Zverev, Otte und der Münchener Peter Gojowczyk (32). Während Zverevs Achtelfinalvorstoß durch einen 3:6, 6:2, 6:3, 2:1-Aufgabesieg gegen den Amerikaner Jack Sock routiniert als Bestätigung seines Status wahrgenommen wurde, lieferte Otte mit dem souveränen Viersatzsieg über den 37 Jahre alten Südtiroler Andreas Seppi (6:3, 6:4, 2:6, 7:5) ein Indiz dafür, dass seine Karriere mit 28 Jahren gerade erst Fahrt aufnimmt. „Ich fühle mich wohl im großen Tennis“, sagte Otte, der seinen Triumphmoment im Stile des kölschen Fußball-Stürmers Anthony Modeste feierte: Daumen und Zeigefinger zusammenführen, die restlichen Finger abspreizen und dann wie eine Brille vor die Augen halten.

Bewährungsprobe für Zverev

Bei den French Open hatte Qualifikant Otte noch der auszehrenden Qualifikationsphase Tribut zollen müssen und war gegen Zverev nach der 2:0-Satzführung eingebrochen. In New York wehrte der Kölner in zwei Bewerbungsduellen nervenstark Matchbälle ab, es ging ihm schlecht, er musste sich in zwei entscheidenden Tiebreaks übergeben. Aber körperlich ist er inzwischen in viel besserer Verfassung, er habe sogar Spaß an den längeren Matches bei den Majors, sagte Otte: „Es ist ein gutes Gefühl, wenn du weißt: Du bist für alles bereit.“

Gegen Federer, Murray und Zverev hat Otte bei seiner bisher kurzen Grand-Slam-Karriere gespielt, er hat sich dabei auch an die plötzliche Aufmerksamkeit und Bekanntheit gewöhnt: „Es ist verrückt, aber gegen Roger in Wimbledon 2019 habe ich mein erstes Fernseh-Interview gegeben.“ Den Mann, gegen den er 2018 bei den French Open sein erstes Grand-Slam-Match bestritt, wird er heute im Achtelfinale wiedersehen: Matteo Berrettini (Italien), die Nummer sechs der Welt. „Es ist herrlich, so weit gekommen zu sein“, sagte Otte, „aber das muss noch nicht das Ende sein.“

Was erst recht für Zverev gilt, der nach zwei makellosen Auftritten in den Eröffnungsrunden gegen Sock erstmals Gegenwind verspürte. Für Zverev folgt heute die nächste harte Bewährungsprobe gegen Italiens Jungstar Jannik Sinner. Gegen den Südtiroler verlor Zverev im letzten Herbst das French-Open-Achtelfinale. Nun sagt Zverev: „Das wird großes Kino, ein echter Härtetest

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Sport