Skispringen

Vierschanzentournee: Geiger erobert Rang drei, Kubacki siegt

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Andreas Berten
Gesamtsieger Dawid Kubacki (l.) lässt sich von Karl Geiger beglückwünschen. Der Deutsche wurde bei der Vierschanzentournee Dritter.

Gesamtsieger Dawid Kubacki (l.) lässt sich von Karl Geiger beglückwünschen. Der Deutsche wurde bei der Vierschanzentournee Dritter.

Foto: Getty

Karl Geiger springt auf das Podest bei der Vierschanzentournee. Den Titel des Polen Kubacki kann er nicht mehr verhindern.

Bischofshofen.  Nicht alle Fernsehanstalten haben die Rechte, die Emotionen unmittelbar aus den Auslaufbereichen der vier Schanzen, die zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag den besten Skispringern der Welt alles bedeuten, in die Heimat zu übertragen. Und so hatte ein wohl kleinerer polnischer Sender den langen Weg hinauf zur Bischofshofener Sprunganlage seine Kameras und Scheinwerfer auf die Paul-Außerleitner-Schanze gerichtet, um wenigstens gefühlt dabei sein zu können, wenn für die heißblütige, rot-weiße Skisprungnation Geschichte geschrieben wird.

Was diese TV-Journalisten unter anderem nicht mitbekamen, war: Wie Kubacki um kurz nach sieben in den Abendhimmel abhob. Wie er nach 140,5 Metern landete und das rechte Bein auszuscheren drohte. Wie er sich aber fing. Wie er dann für den Tagessieg von den Teamkollegen und dem deutschen Widersacher Karl Geiger beglückwünscht wurde. Wie ihn Piotr Zyla und Kamil Stoch auf die Schulter nahmen, bevor wenig später das große Feuerwerk begann. Die Feier zu Ehren Dawid Kubackis, den Sieger der Vierschanzentournee 2019/2020.

Kubacki ist nach Adam Malysz (2001) und Kamil Stoch (2017, 2018) der dritte Pole, der – das lehrt die Erfahrung – in den Rang eines Sporthelden gehoben wird. „Überwältigend, ich habe mein Ding gemacht“, sagte der sonst so blasse Springen nun aber mit erröteten Wangen. In einem packenden finalen Akt verwies Kubacki (1131,6 Punkte) am Ende Marius Lindvik (1111,0) in der Gesamtwertung deutlich auf den zweiten Platz. Der norwegische Tournee-Neuling hatte am Ende mickrige 1,6 Punkte, umgerechnet nicht einmal einen Meter Weite, Vorsprung auf Geiger, der mit dem Stockerl-Platz den Wunsch von Bundestrainer Stefan Horngacher erfüllt hat. „Das macht mich wirklich glücklich“, so der 26 Jahre alte Oberstdorfer.

Kubackis Höhenflug zeichnete sich in Kindestagen ab

Der Sieg bei der 68. Vierschanzentournee ist für Kubacki die vorläufige Krönung eines Höhenflugs, der sich bereits in Kindheitstagen des 29-Jährigen abzeichnete. Kubacki liebt es seit jeher, in die Luft zu gehen: als Kind mit Spielzeug, als Sportler mit Skiern. „Je weniger Sie nach den Ergebnissen und der Situation fragen, in der er sich befindet, umso besser. Fragen Sie ihn nach Flugzeugmodellen“, sagt Kamil Stoch, 2018 Grand-Slam-Sieger, und grinst. Hubschrauber und Flugzeuge lassen Kubackis runde Augen noch größer werden: „Als Kind habe ich angefangen, mit ferngesteuerten Modellen zu spielen, das mache ich immer noch.“

Seit drei Jahren ist der 1,69 Meter große und 64 Kilogramm schwere Flugkünstler auch auf den bedeutendsten Schanzen zu eigenen Luftshows bereit. Auch wenn Kubacki erst im vergangenen Januar sein erstes und bisher einziges Weltcupspringen gewann. Das Potenzial in ihm musste lange reifen, um Titel zu gewinnen.

März 2019, Weltmeisterschaft von der Normalschanze in Seefeld: Die taugt Kubacki ganz besonders, sagen die Österreicher. Ähnlich wie Geiger springt der Pole kräftig und hoch ab, segelt dann den Hang hinab. Mit 104,5 Metern im zweiten Durchgang machte Kubacki sensationell 26 Plätze gut und gewann noch Gold. „Vor allem mental ist er stärker geworden“, lobt Stoch den Teamkollegen.

Tournee-Sieger Kubacki ein "unaufgeregter Typ"

Die Psyche war bisher nicht hinderlich für das endgültige Durchstarten der letzten zwölf Monate: Sein Ex-Trainer Stefan Horngacher beschreibt den im polnischen Skisprung-Mekka Zakopane lebenden Kubacki als „unaufgeregten Typen“. Kubacki hat während der Tournee staffelweise die Fantasyserie „The Witcher“ verschlungen, Pokerrunden mit dem Teamkollegen Piotr Zyla und seine offene, oft selbstbewusste Art nach den Wettbewerben lassen ihn aber nicht wie einen Eigenbrötler erscheinen. Der nunmehr 50. unterschiedliche Sieger der Tourneegeschichte tüftelt fleißig an Technik und Material. Nun ist er auch den ungeliebten Titel „König des Sommers“ los: „Ich denke, den Spitznamen können wir seit drei Jahren vergessen, weil ich seitdem auch im Winter gute Ergebnisse erziele. Sie sind das Ergebnis harter Arbeit.“

Für die häufig fanatischen polnischen Medien, die zum finalen Akt im Salzburger Land noch mal erhöhte Präsenz zeigten, ist Kubacki ein Segen: Anders als Stoch redet der 29-Jährige, dessen blonde Haare den Kopf manchmal wie ein gelber Helm ummanteln, gerne über Privates. Im Mai heiratete er seine langjährige Freundin Marta, beide zeigen ihre Zuneigung auch den 142.000 Fans bei Instagram. „Der erste Tag des neuen Lebens“, schrieb Kubacki unter das erste Bild als Frischvermählter. So oder ähnlich könnte nun auch der Text unter dem ersten Foto als Vierschanzentournee-Sieger lauten. Oder wie Kubacki am Montagabend in Bischofshofen sagte: „Es war ein harter Tag.“ Aber auch ein guter.

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