Tour de France

Froome holt auf - doch die Pfiffe der Tour-Fans bleiben

Zweiter mit dem Team Sky beim Mannschaftszeitfahren: Chris Froome.

Zweiter mit dem Team Sky beim Mannschaftszeitfahren: Chris Froome.

Foto: dpa

Chris Froome erreichte mit seinem Team Sky beim Mannschaftszeitfahren den zweiten Platz. In der Gesamtwertung machte er Boden gut.

Cholet. Die Beine gehen im rhythmischen Tritt auf und ab. Kein Wort ist zu hören, die Köpfe sind gesenkt, die Augen fokussieren den Lenker, die Gedanken das Innere, das anstehende Teamzeitfahren. Geht der Blick doch hoch, endet er auf dem blauen Sky-Bus, der vor den Radsportlern steht. Er macht nichts, und doch erfüllt er seine Funktion im Team: Er spendet Schatten unter der Sonne über Cholet.

Das einzige Geräusch, das hörbar aus dem achtköpfigen, sich warmlaufenden Motor dringt, ist das gelegentliche Schnaufen eines Zylinders, und das scheinbar unendliche fortwährende leise Rattern der Kette. Sie flitzt über das Ritzel, das das Rad antreibt, flitzt runter, kommt wieder hoch, immer weiter, immer weiter. Eine Maschine, konzipiert, um zu funktionieren.

Nur BMC Racing kann Froome und das Team Sky besiegen

Wenn sich das britische Team um den vierfachen Tour-Sieger Chris Froome aufwärmt, wirkt die Szene anders, irgendwie aggressiver. Bora-hansgrohe etwa hört Highway to hell“, bei Sky darf nichts ablenken. Mehr als bei anderen Teams strahlt das Aufwärmen eine durchdringende Besessenheit aus. Besessen von dem Ziel, das bestmögliche Ergebnis einzufahren. Egal wie, egal wann.

An diesem Montag, auf der dritten 35,5 Kilometer langen Etappe der 105. Tour de France, war das beste Ergebnis der zweite Platz hinter BMC Racing. Sky lag mit einer Zeit von 38:50 Minuten nur vier Sekunden hinter dem Sieger. Dadurch konnte der vierfache Tour-Sieger und Kapitän Chris Froome Boden auf die Mitkonkurrenten gut machen. „Das Ziel war es, so viel Zeit wie möglich auf die Konkurrenz herauszufahren", sagte Froome. „Es war wirklich nicht einfach.“

Einer der Mitfavoriten ist BMC-Fahrer Richie Porte. „Es fühlt sich gut an, vor Sky zu sein“, sagte der Australier. Dessen Teamkollege Greg Van Avermaet (Belgien) hat das Gelbe Trikot von Vortagessieger Peter Sagan übernommen.

Sätze wie die von Porte haben das Zeug dazu, Team Sky zu ärgern. Die Mannschaft wurde für den maximalen Erfolg im Radsport konzipiert, nicht für den zweiten Platz. Als das Profi-Team 2010 erstmals an Rennen teilnahm, sah der Plan vor, in fünf Jahren den ersten britischen Tour-Sieger der Geschichte hervorzubringen – und schon 2012 stand der erste Brite auf dem Podium in Paris: Bradley Wiggins. Der Hunger war damit nicht gestillt. Ein Jahr später folgte der Brite Chris Froome, der weitere Siege 2015, 2016 und 2017 holte.

Froome kann den historischen fünften Titel gewinnen

Hinter dem Erfolg steht nicht nur ein kolportierter Jahresetat von 35 Millionen Euro, sondern auch ein Mann mit Siegergen: Sir David Brailsford. Als Sportdirektor des Radsportverbandes British Cycling verantwortete er Erfolge der so bekannten Radsportler Chris Hoy und Mark Cavendish und führte das britische Team zu drei aufeinander folgenden Olympischen Spielen bis 2012. 2014 trat er zurück und konzentrierte sich ganz auf seine Aufgabe als Teamchef von Sky. Unter seiner Leitung kann Chris Froome in diesem Jahr den historischen fünften Titel gewinnen. Ein perfektes Team.

Fast perfekt.

Im März erhob das britische Sportministerium in einem Bericht schwere Vorwürfe. Das Team soll medizinische Ausnahmegenehmigungen missbraucht haben, um mit Wiggins die Tour 2012 zu gewinnen. Der Volksheld Wiggins gibt an, unter Asthma zu leiden. Die Regeln der Welt-Anti-Doping-Regeln seien nicht verletzt worden, aber Brailsford habe eine „ethische Linie“ überschritten, befand das Department for Digital, Culture, Media and Sport. Im Mittelpunkt steht eine ominöse Medikamentenlieferung an Wiggins im Jahr 2011. Was sich in dem Paket befand, konnte bis heute nicht geklärt werden. Wiggins stritt die Vorwürfe ab, das Team reagierte „enttäuscht“ auf die „böswilligen Anschuldigungen“.

Eine alte Geschichte? Mitnichten. Wie Wiggins sagt auch Froome aus, unter Asthma zu leiden. Bei der Vuelta 2017 wurde bei ihm eine erhöhte Konzentration des Asthmamittels Salbutamol entdeckt. Der Weltverband UCI untersuchte den Fall und sprach den Briten kurz vor dem Tour-Start frei. Die Öffentlichkeit fragt sich seitdem, warum seine Werte das erlaubte Limit um fast 100 Prozent überstiegen. Eine Antwort darauf hat die UCI nicht gegeben. Der Fall bleibt undurchsichtig wie der von Wiggins.

Am Dienstag geht es von La Baule nach Sarzeau

An dem Prinzip der Unschuldsvermutung wollen sich die Fans in Frankreich Zuschauer nicht halten. Wo Froome auftritt, wird er ausgepfiffen. Beim Start am Montag um 15.15 Uhr in Cholet buhten die Zuschauer Froome aus und später in den Kurven zog der 33-Jährige die Rufe nach sich. Nach dem Lauf gab er kurz denjenigen Fans ein Autogramm, die eines von ihm haben wollten, und verschwand im Bus. Am Dienstag wartet die nächste, 195 Kilometer lange Etappe von La Baule nach Sarzeau.

Die Maschine Sky wird laufen, immer weiter laufen. Bis nach Paris.