Anschlag in Moskau

Putin schwört den Verantwortlichen Rache

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Nach dem Anschlag werden Flughafenleitung und Polizei wegen Sicherheitsmängeln kritisiert. Unter den Toten ist ein 34-Jähriger aus Köln.

Moskau. Am Tag nach dem Terroranschlag auf den größten Moskauer Flughafen Domodedowo begann der Versuch einer Rekonstruktion. Am Seitenausgang zum Parkdeck des Flughafens standen keine Sicherheitsleute, es gab keine Metalldetektoren. Höchstwahrscheinlich hat der Terrorist genau diesen Ausgang benutzt und direkt eine der Ankunftshallen erreicht, wo zwischen Taxifahrern und Abholenden sowie Zollkontrolle immer viele Menschen am Gepäckband stehen.

Der Attentäter mischte sich unter die Menschenmenge; um 16.40 Uhr (Ortszeit) kam es zur Explosion. Da es keinen Einschlagtrichter im Boden gibt, gehen die Ermittler davon aus, dass sich der Sprengstoff in der Luft befand, was wiederum auf einen Selbstmordattentäter hinweist. Die Sprengkraft der Bombe lag bei etwa fünf bis sieben Kilogramm TNT. Von den 35 Todesopfern waren bis gestern 27 identifiziert, unter ihnen acht Ausländer. Eines der Todesopfer ist ein 34-Jähriger aus Köln. Für die Familie gebe es nun traurige Gewissheit, sagte Außenminister Guido Westerwelle (FDP). Eine weitere deutsche Staatsbürgerin sei verletzt worden. Die Botschaft stehe in Kontakt mit den betroffenen Familien. Mehr als 100 Verletzte wurden gestern noch in Krankenhäusern behandelt.

Wenn Russland von einem großen Terroranschlag erschüttert wird, setzt immer derselbe Mechanismus ein: Für eine gewisse Zeit werden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft, die Schuldigen werden gesucht. So auch diesmal. Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin hat Vergeltung angekündigt. "Rache ist unausweichlich", sagte er. Präsident Medwedew wirft dem Flughafen-Management Fahrlässigkeit vor und lässt dessen Arbeit überprüfen. Vertreter des Flughafens behaupten, dass sie die Regeln streng eingehalten hätten, und schieben die Verantwortung auf die Sicherheitskräfte.

Doch es steht praktisch außer Zweifel, dass die Flughafen-Leitung von Domodedowo für den Vorfall zur Verantwortung gezogen wird. Eine strafrechtliche Verfolgung ist nicht ausgeschlossen. Auf praktisch allen anderen Flughäfen und Bahnhöfen des Landes sind Spezialeinheiten mit Hunden im Einsatz; wo keine Metalldetektoren sind, werden sie unverzüglich aufgestellt. Aber auch die Polizei hat versagt. Inzwischen ist bekannt, dass vor sechs Jahren, im August 2004, ausgerechnet in Domodedowo einer der Polizisten zwei Frauen aus dem Kaukasus vor dem Abflug festhielt, dann aber laufen ließ: Es waren die Selbstmordattentäterinnen, die daraufhin zwei sich in der Luft befindende Flugzeuge sprengten - 90 Menschen starben.

Über Domodedowo reisen immer viele Menschen aus dem Kaukasus und Zentralasien ein, um in Russland zu arbeiten. Viele haben Probleme mit ihren Papieren, die Sicherheitskräfte lassen sich regelmäßig schmieren. Ganz Russland erinnert sich daran, dass der brutalste und schrecklichste terroristische Überfall auf eine Schule im nordossetischen Beslan am 1. September 2004, der Hunderten Kindern das Leben kostete, deshalb gelingen konnte, weil die Terroristen die Sicherheitskräfte am Kontrollpunkt bestochen hatten.

Aus dem Parlament hieß es, dass jetzt dringend ein Gesetz über die Einstufung von Terrorgefahren verabschiedet werden müsse. Es geht um die Einführung von Gefahrenstufen, indem jede Alarmstufe durch Blau, Gelb, Rot gekennzeichnet wird und somit die Einsatzkräfte koordiniert werden.

Eine offizielle Version über den oder die Täter gibt es bisher nicht. Inoffiziell heißt es aber, dass der Anschlag auf das Konto von Terroristen aus dem Kaukasus gehe. Dort brodelt es. Jeden Tag gibt es Morde, Schüsse, Bomben. Tschetschenien steht unter der Kontrolle von Ramsan Kadyrow, aber in Dagestan, Inguschetien und anderen Republiken herrscht de facto Krieg zwischen dem Untergrund und der offiziellen Führung. Vor März 2010 hatte es in Moskau sechs Jahre lang keine Anschläge gegeben. Mit dem Bombenattentat auf Domodedowo wird aber klar, dass Moskau wieder ins Visier der kaukasischen Rebellen geraten ist. Der Terror ist zurückgekehrt.

Jemanden zu finden, der bereit ist, für die Freiheit des Kaukasus sein Leben zu lassen, war nie schwierig. Die Spezialeinheiten im Kaukasus sind für ihre Brutalität bekannt, und immer neue Kämpfer gehen in den Untergrund. Sehr oft handelt es sich um Verwandte jener, die ermordet oder gefoltert wurden. Ihr Motiv: Rache.

Schamil Bassajew war früher der führende Ideologe für den Terror gegen Russland. Er war es, der für den Überfall auf das Krankenhaus in Budjonnowsk verantwortlich war. Er war aktiv an der Aufstellung von Selbstmordbrigaden beteiligt, er hatte den Auftrag für den Anschlag in der Moskauer U-Bahn im August 2004 gegeben, bei dem 41 Menschen starben. Damals waren Explosionen in Moskau nichts Außergewöhnliches. Bassajew wurde ermordet. Der Terror im Kaukasus schlug einen anderen Weg ein: Man kämpfte mit Feinden, zu denen für die Rebellen Angehörige von Armee und Miliz ebenso zählten wie Beamte und alle, die mit ihnen kooperierten. Es herrschte Krieg im Kaukasus, aber Moskau blieb eine Zeit lang vom Terror verschont. In den vergangenen Jahren wuchs im Kaukasus eine neue Rebellengeneration heran, erklärt der russische Journalist und Nordkaukasus-Experte Orchan Dschemal. Zu ihrem ideologischen Guru wurde der islamische Prediger Said Burjatski - sein richtiger Name ist Alexander Tichomirow. Ramsan Kadyrow nannte ihn den "Chefideologen der Untergrundbanden". 2008 eilte er zu den Fahnen der terroristischen kaukasischen Befreiungsorganisation Imarat Kawkas (Kaukasisches Emirat), war direkt an vielen Terroranschlägen beteiligt und predigte Krieg mit Russland an allen Fronten.

Anfang März 2010 wurde er von Angehörigen der Sicherheitskräfte erschossen. Doch nicht einmal einen Monat später erschütterten Explosionen die Moskauer Metro. Die Spezialeinheiten erklärten, dass der Drahtzieher Magomedali Wagapow sei, der neue Anführer der dagestanischen Rebellen. Im August 2010 wurde auch er von Spezialtruppen umgebracht.

Doch den Experten ist klar, dass sich das Problem nicht lösen lässt, indem man die Rebellenführer tötet: Ihr Platz wird sofort wieder eingenommen. Gleichzeitig begann unter den Terroristen ein bizarrer Wettstreit, wer mit Anschlägen mehr Menschen tötet.