Nahost-Konflikt

Warum Ostern in Israel im Zeichen des Terrors steht

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Maria Sterkl
Mindestens fünf Tote durch Schüsse bei Tel Aviv

Mindestens fünf Tote durch Schüsse bei Tel Aviv

Bei mehreren Angriffen in der Nähe von Tel Aviv in Israel sind mindestens fünf Menschen getötet worden. Nach Angaben von Bewohnern der Stadt Bnei Brak und Ramat Gan eröffnete ein Mann am Dienstagabend aus einem Auto heraus das Feuer auf Passanten. Die israelische Polizei gab an, einen Angreifer getötet zu haben.

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Ostern, Ramadan und Pessach fallen dieses Jahr zusammen. In Jerusalem werden kurz vor dem Dreifachfest neue Terroranschläge befürchtet.

Jerusalem. Drei Männer mit grimmigem Blick und Bürstenhaarschnitt stehen breitbeinig Schulter an Schulter vor einer großen Mülltonne, als wäre diese ein Fußballtor, und sie selbst wären Verteidiger kurz vorm Elfmeter. Die Hände halten sie aber nicht vor den Schritt, sondern an der Hüfte – dort, wo die Waffe sitzt. Sie tragen Jeans und T-Shirts in knalligen Farben, aber ihre Mimik ist dienstlich. Nichts lenkt sie ab, ihr Fokus gilt allein dem Eingang zum beliebten Mahane-Jehuda-Markt in Jerusalem. Dort ist heute Hochbetrieb, Familien decken sich vor den Feiertagen mit Vorräten ein. Die drei Männer beobachten es mit Abstand – jederzeit bereit, einen Attentäter außer Gefecht zu setzen.

Überall in Jerusalem ist an diesem Wochenende Polizei stationiert. Israel steckt mitten in einer Terrorwelle, bei vier Attentaten kamen in nur 15 Tagen 14 Israelis ums Leben, Dutzende weitere wurden verletzt. Jerusalem, die dauernervöse Konfliktmetropole, blieb bislang wundersamerweise verschont. Zwar gab es auch hier immer wieder Attentatsversuche, doch wurden sie vereitelt.

Ostern, Ramadan und Pessach treiben Sicherheitskreisen die Sorgenfalten auf die Stirn

An diesem Wochenende, so befürchten Sicherheitskreise, könnte sich das Blatt wenden. Juden und Jüdinnen feiern Pessach, Christen und Christinnen feiern Ostern, die Muslime begehen den Fastenmonat Ramadan – und anders als in den meisten Jahren findet alles gleichzeitig statt.

Jede der drei Schriftreligionen betrachtet Jerusalem als wichtiges, wenn nicht wichtigstes religiöses Zentrum. Gläubige pilgern in Massen in die Stadt. Klagemauer, Al-Aksa-Moschee und der Kreuzweg Jesu liegen in Fußweite voneinander, die Gassen der Altstadt sind eng und verwinkelt. Da reicht ein einzelner Mensch mit Aggressionsüberschuss, aufgestachelt durch Hetzpostings, die man besonders in diesen Tagen nicht lange suchen muss. Nach dem Anschlag in Tel Aviv vor einer Woche sprachen selbst einzelne Vertreter des palästinensischen Verwaltungsapparats dem Attentäter aus Dschenin öffentlich ihren Respekt aus.

Auf den ersten Blick erinnert in und rund um Jerusalems Altstadt vieles ans vorige Jahr. Im Frühling 2021 war die Stadt Ausgangspunkt und Zentrum der wochenlangen blutigen Auseinandersetzungen, angestachelt durch die Terrorgruppen der Hamas und auf jüdischer Seite angeheizt von rechtsextremen Gruppierungen. Aber dieses Jahr ist manches anders. Zumindest bis jetzt.

Steckt der IS oder die Hamas hinter der Terrorwelle?

An der Spitze der israelischen Regierung steht nun nicht mehr Benjamin Netanjahu, sondern Naftali Bennett. Der Rechtspolitiker ist ein ideologischer Hardliner und eher nicht geneigt, den Palästinensern Zugeständnisse zu machen. Er befindet sich aber auch in einer Koalition mit einer islamistischen Partei, mit der sozialistischen Arbeiterpartei und mit der Linkspartei Meretz, und seine Acht-Parteien-Regierung steht auf äußerst dünnem Eis. Nun gilt es, keine neuen Fronten aufzuschlagen. Das gilt ganz besonders für Jerusalem.

Anders als unter Netanjahu wurden nach den vier jüngsten Attentaten die Einreisebestimmungen für muslimische Pilger nicht verschärft. Nur die Stadt Dschenin, aus der ein Teil der Attentäter kam, wurde abgeriegelt. Israels Sicherheitsspitze weiß zwar, dass sich unter die vielen Palästinenser, die nur zum Beten und Feiern nach Jerusalem pilgern, auch ein Attentäter mischen könnte. Man scheint aber aus dem Vorjahr gelernt zu haben, dass eine Einschränkung der Ramadan-Praxis nur den Terrorgruppen wie etwa Hamas und Islamischer Dschihad in die Hände spielen würde: Sie würden es nutzen, um Hass gegen Israel zu schüren und radikalisierte Einzelne zum Märtyrertum aufzurufen.

Noch ist vieles unklar, was die ersten vier Attentate betrifft. Die Terroristen kommen aus unterschiedlichen Kreisen, unter ihnen waren israelische Araber und Palästinenser, manche schienen gut vernetzt, andere eher Nachahmungstäter zu sein. Manche werden dem „Islamischen Staat“ (IS) zugerechnet, andere wiederum palästinensischen Bewegungen. „Ich glaube nicht an die Einzeltäter-Theorie“, sagt Kobi Michael, Experte für israelisch-palästinensische Konfliktstudien und Forscher am Institut für Nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv.

Guerillataktiken in Israel und im Westjordanland

Michael hält es für unwahrscheinlich, dass der IS tatsächlich eine Rolle spielte bei den Anschlägen. Vielmehr stecke wieder mal einer der Erzfeinde Israels hinter der jüngsten Terrorwelle: die Hamas. Unterstützt, ausgebildet und finanziert vom Iran, investiere die Hamas seit 2021 verstärkt in die Radikalisierung israelischer Araber, meint der Experte. Im Unterschied zum vorigen Jahr, als die Terrorgruppen in Gaza Raketen bis nach Jerusalem feuerten, beschränkten sie sich diesmal auf Guerillataktiken in Israel und im Westjordanland. „Sie sind noch zu sehr damit beschäftigt, ihre militärischen Kapazitäten wieder aufzubauen und wollen keinen neuen Krieg riskieren“, meint Kobi Michael.

Israels Sicherheitskräfte konzentrieren sich nun darauf, mögliche Verbündete der Attentäter zu finden und festzunehmen. Täglich rücken Sondereinheiten in Städte im Westjordanland vor, nehmen Verdächtige fest. Immer wieder gibt es Schusswechsel, bei denen auch völlig unbeteiligte Palästinenser sterben. In sozialen Medien dienen die Fotos der Getöteten als Material für neue Propaganda – mit potenziell mörderischen Konsequenzen.

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