Kommentar

Bundeskanzlerin Angela Merkel – beliebt, aber nicht geliebt

| Lesedauer: 4 Minuten
Jörg Quoos
Das war Merkels Großer Zapfenstreich

Das war Merkels Großer Zapfenstreich

Zum Ende ihrer 16 Jahre währenden Amtszeit als Bundeskanzlerin ist Angela Merkel von der Bundeswehr mit einem Großen Zapfenstreich verabschiedet worden. In ihrer Rede wirbt sie um Vertrauen in Politik und Wissenschaft und rechnet mit Verschwörungsideologen ab. Aber sie hat auch eine optimistische Botschaft.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel tritt ab – nach 16 Jahren. Die größte Stärke lag in ihrer besonderen Persönlichkeit, meint Jörg Quoos.

Berlin. Sie ist sich bis zum Schluss treu geblieben. Keine echte Emotion gab Angela Merkel preis, als beim Großen Zapfenstreich der Bundeswehr die Kameras ihr Gesicht einfingen und überlebensgroß auf Millionen Bildschirme in die deutschen Wohnzimmer brachten. Es schien, als ob die Scheinwerfer versuchten, endlich auch ihr Innerstes auszuleuchten. Vergeblich.

Auch diesen Moment beherrschte Angela Merkel. Wie so viele Situationen, in denen ihre Nerven und Selbstkontrolle stärker waren als die ihrer mächtigen Gegenüber. Diese Überlegenheit war es, die so viele Krisengipfel gerettet und Deutschland kleine und große Verhandlungssiege gebracht hat.

Merkel: Auch schärfste Kritiker konnten meist gut schlafen

Wer war der Mensch Angela Merkel? Selbst wer sie über viele Jahre begleitet hat, kann diese Frage nicht einfach beantworten. Fest steht: Die Kanzlerin Angela Merkel hat das Land 16 lange Jahre geprägt und auch ihre schärfsten Kritiker meist gut schlafen lassen.

Und sie hat, das ist ein historischer Verdienst, bewiesen, dass Frauen das wichtigste Amt in Deutschland nicht nur erreichen, sondern es auch länger und disziplinierter ausüben können als fast alle Männer zuvor.

Merkels perfekte Rüstung: Bodenständigkeit und Instinkt

Keinen einzigen Skandal – nicht einmal ein kleines Skandälchen – hat die Person Angela Merkel geliefert. Ihre Bodenständigkeit und ihr Instinkt schmiegten sich wie eine perfekte Rüstung um die Kanzlerin und machten sie immun gegen Übergriffsversuche von Diktatoren, Wichtigtuern, Lobbyisten oder Multimilliardären.

Die Abwesenheit jeglichen Personenkults ließ dabei den entscheidenden Raum für wichtige politische Kompromisse, die an Eitelkeit sicher gescheitert wären.

Flüchtlingsfrage hat Menschen gerettet, aber das Land gespalten

Angela Merkel war eine beliebte Kanzlerin, aber keine geliebte Kanzlerin. Das lag nicht nur an ihrer privaten Verschlossenheit und ihrer wissenschaftlich-nüchternen Annäherung auch an hochemotionale Themen.

Ihre Positionierung in der Flüchtlingsfrage, wo sie vielleicht zum ersten und einzigen Mal tief in ihr Herz schauen ließ und gleichzeitig ihrem christlichen Menschenbild folgte, hat Menschen gerettet, aber das Land gespalten und einer Rechtspartei den dauerhaften Durchbruch ermöglicht.

Letzteres ist eine Hypothek, die auf den Nachfolgern lastet und die sie die ganz große Zustimmung im Volk gekostet hat. Die Integration von einer Million Flüchtlingen in Deutschland wird vielleicht wirklich zu schaffen sein. Aber es wird länger dauern. Und es wird viel mehr dazu brauchen als nur das Bekenntnis „Wir schaffen das“.

Angela Merkel: Sicher durch echte Krisen gesteuert

Auch wenn die Kanzlerin in der Flüchtlingsfrage polarisiert hat – unterm Strich hat Angela Merkel mit ihrem Regierungsstil und ihrer großen Disziplin das Land sicher durch echte Krisen gesteuert. Sie navigierte pragmatisch auf Sicht um Hindernisse, hat viele Kollisionen verhindert und dabei vielleicht den ganz weiten Blick zum Horizont vermissen lassen.

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, hat Helmut Schmidt einmal gesagt. Dieser Satz hätte auch von Angela Merkel stammen können. Ihr Anspruch war es, das Land gut durch den riskanten Alltag der Weltlage zu bringen. Das war nicht wenig.

Kanzlerin: Öffentliche Kommentierungen kaum zu erwarten

Neue Visionäre haben jetzt ja alle Chancen, ihre Visionen nicht nur zu beschreiben, sondern auch umzusetzen. Angela Merkel wird das interessiert aus ihrer Datsche in der Uckermark oder auf ihren Reisen durch die Welt verfolgen und sich in der öffentlichen Kommentierung aber zurückhalten.

Man wird sehen, ob die Nachfolger und Nachfolgerinnen dabei auch vier Mal in Folge das Volk hinter sich bringen können und wie gut ihre Bilanz nach 16 Jahren Amtszeit einmal aussehen wird.

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