Leitartikel

Debatte um Uefa-Entscheidung: Ein Regenbogen reicht nicht

| Lesedauer: 4 Minuten
Jörg Quoos
Merkel: Uefa macht Unterschied bei Regenbogen-Stadion und Armbinde von Neuer

Merkel: Uefa macht Unterschied bei Regenbogen-Stadion und Armbinde von Neuer

In der Debatte um symbolträchtige Regenbogen-Farben im Fußball hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Bundestag festgstellt, dass die Uefa "einen Unterschied zwischen dem Tragen der Binde von Manuel Neuer in Regenbogen-Farben und der Stadion-Beleuchtung macht".

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Homosexuelle, Bisexuelle und Transgender brauchen mehr echte Solidarität. Denn auch in Deutschland ist Ausgrenzung noch allgegenwärtig.

Berlin. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht – diese alte Volksweisheit beschreibt perfekt den Streit um die Illuminierung der Münchner Fußballarena in Regenbogenfarben, die für viele schwule, lesbische und diverse Menschen für Freiheit und sexuelle Selbstbestimmung stehen.

Aus der Idee des Münchner Oberbürgermeisters Dieter Reiter ist mittlerweile ein Politikum geworden, das Regierungschefs, den Bundesaußenminister und die EU-Kommissionspräsidentin beschäftigt. Hat das den Betroffenen geholfen? Im Ergebnis eher nicht.

Stadion in Regenbogenfarben: Gute Idee, falscher Absender

Um Freiheiten der LGBT-Gemeinde (Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender) durchzusetzen, braucht es viel mehr als eine bunte Stadionbeleuchtung. Es braucht Mut, konsequentes Handeln und Empathie für die Rechte von Schwulen, Lesben und Diversen.

Die Idee des Oberbürgermeisters, ein Zeichen der Solidarität mit Homo­sexuellen in Ungarn zu setzen, war im Grundsatz gut. Die geplante Aktion krankte aber daran, dass die Uefa als Veranstalter des Fußballabends der völlig falsche Absender für diese Botschaft der Toleranz gewesen wäre. Hintergrund: Uefa verteidigt Entscheidung und erstrahlt auf Twitter bunt

Die Fifa – der Dachverband – richtet schließlich eine Fußballweltmeisterschaft im Emirat Katar aus, wo Homosexuelle unter drakonischen Strafen leiden und ins Gefängnis kommen. Der damalige Fifa-Chef Sepp Blatter hatte homo­sexuellen Fußballfans allen Ernstes geraten, auf Sex im Gastgeberland zu verzichten. Wer wird also in Katar 2022 die Homosexuellen unterstützen? Wird Manuel Neuer auch dort den Mut haben, die Kapitänsbinde in den Regenbogenfarben tragen? Wichtig wäre es.

Unternehmen als Trittbrettfahrer: Solidarität, wo es nicht wehtut

Und auf der digitalen Seitenbande der Uefa-Spielstätte München läuft während der EM Werbung der katarischen Fluglinie. Sie spült der Uefa Millionen in die Kassen. Außen der Regenbogen und innen im Stadion Werbung für den Staatskonzern eines schwulenfeindliches Regimes? Viel mehr Heuchelei und Unglaubwürdigkeit wäre an diesem Ort nicht möglich gewesen.

Wenn jetzt andere als die Uefa ein Zeichen setzen, ist das erfreulich. Nur mit „Licht an“ ist es aber nicht getan. Solidarität mit Schwulen und Lesben muss jeden Tag aufs Neue erkämpft werden. Wenn man es wirklich ernst damit meint, muss man auch bereit sein, negative Konsequenzen auszuhalten.

Großkonzerne, die nur in freiheitlichen Staaten ihre Produkte und Firmenlogos mit Regenbogenfarben schmücken, es auf unfreien Märkten aber nicht tun, sind billige Trittbrettfahrer dieser Freiheitsbewegung. Solche Unternehmen sollten es besser ganz lassen. Lesen Sie hier: Regenbogenflagge erklärt: Wofür die bunten Farben stehen

Diskriminierung: Auch der deutsche Fußball hat noch Nachholbedarf

Wenn man irgendetwas Gutes an diesem Streit um die Illuminierung der Münchner Fußballarena finden will, dann ist es sicher das gestiegene Bewusstsein für die Rechte der LGBT-Gemeinde in Deutschland und dem Rest der Welt.

Obwohl ihre Vertreter in der öffentlichen Debatte durchaus durchdringen, erleben viele Homo- und Transsexuelle im Alltag noch Diskriminierung und Ausgrenzung – besonders oft übrigens im Umfeld des Fußballs, das gibt der Stadiondebatte eine besondere Note. Es spricht Bände, dass kein aktiver männlicher Bundesligaprofi sich bisher geoutet hat.

Angst vor Ausgrenzung und Diskriminierung ist auch in einem ­liberalen Land wie der ­Bundesrepublik noch immer allgegenwärtig. Sie beginnt beim abschätzigen Blick, geht über den blöden Schwulenwitz oder Lesben-Witz bis hin zu der tödlichen Messerattacke wie vergangenes Jahr auf ein homosexuelles Touristenpaar in Dresden. Allen, die davon immer noch betroffen sind, hilft man viel mehr mit konkretem Handeln und weniger mit Symbolaktionen, denen oft die innere Überzeugung fehlt.

Mehr zum Thema: Ungarn: Von der Leyen droht Orban mit rechtlichen Schritten

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