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Journalist Roman Protassewitsch: Dorn in Lukaschenkos Auge

Lesedauer: 7 Minuten
Alina Juravel, Christian Unger, Gudrun Büscher, Philipp Luther
Darum geht es im Konflikt mit Belarus

Darum geht es im Konflikt mit Belarus

Die Führung in Belarus hat am Sonntag eine Ryanair-Maschine auf dem Weg von Athen nach Vilnius unter dem Vorwand einer Bombendrohung und mit einem Kampfjet zur Zwischenlandung in Minsk gezwungen. Dort wurden der in Polen und Litauen im Exil lebende Regierungskritiker Roman Protassewitsch und seine Freundin festgenommen.

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Für ihn provozierte Minsk einen internationalen Zwischenfall: Roman Protassewitsch. Wer ist der Blogger – und wo ist er jetzt?

Berlin/Minsk. Roman Protassewitsch hockt auf dem Stuhl, die Hände gefaltet, vor ihm auf dem Tisch nur eine Packung Zigaretten und eine Schachtel Streichhölzer. Protassewitsch trägt einen Kapuzenpullover, die Frisur kurz geschnitten. Er sieht müde aus in dem kurzen Video, das die Führung in Belarus veröffentlicht hat. Niemand weiß genau, was in den vergangenen Stunden mit ihm passiert ist. Stunden, in denen das Leben des Regimekritikers und Medienaktivisten aus seinem Alltag im Exil gerissen wurde.

Protassewitsch spricht mit ruhiger, fast monotoner Stimme in dem Video. „Ich werde weiter mit den Ermittlern zusammenarbeiten und gestehe, Massenproteste in der Stadt Minsk organisiert zu haben“, sagt er. Protassewitsch beteuert, dass die Beamten ihn „maximal korrekt“ behandeln würden und er über „keine gesundheitlichen Probleme“ klage. Seine Worte wirken wie auswendig gelernt, seine Sprache klingt eher nach einem Grenzbeamten als nach einem jungen Aktivisten.

Verfolgen Sie alle Entwicklungen zu dem Vorfall in Belarus in unserem Newsblog.

Geständnisvideo von Protassewitsch – mit Folter erzwungen?

Fachleute sehen darin Indizien, dass dieses sogenannte Geständnisvideo in Haft durch Beamte erzwungen wurde und der Text mit den Sicherheitsbeamten abgesprochen ist. Auch Protassewitschs Vater Dimitri sieht das so. Sein Sohn sei gefoltert worden, sagte er im Radiosender Swoboda. Er erkenne deutlich, dass die Nase seines Sohnes gebrochen wurde und er auch weitere Narben im Gesicht trägt, die „mit viel Make-up überschminkt wurden“. Sein Sohn würde sich extrem nervös verhalten, er drücke sich sehr ungewohnt aus.

Tatsächlich sind in Protassewitschs Gesicht Stellen an der Stirn und auf der Nase zu erkennen, die Spuren von Gewaltanwendung sein können. Doch mit Sicherheit lässt es sich nicht sagen. Klar scheint: Ohne Druck hätte Protassewitsch dieses „Geständnis“ nie abgegeben. Die Mutter des 26-Jährigen hatte zuvor oppositionsnahen belarussischen Medien gesagt, ihr Sohn befinde sich möglicherweise wegen Herzbeschwerden in einem Krankenhaus. „Diese Informationen sind falsch“, erklärte das Ministerium. Das Video dürfte eine Reaktion des Regimes auf die Beschuldigungen der Familie sein. Kommentar zum Thema: Belarus: EU muss härter gegen Lukaschenko vorgehen

Notlandung von Flugzeug: Entführung im europäischen Luftraum

Protassewitsch, auch das teilte die Regierung mit, sitzt in Untersuchungshaft im Haftzentrum Nummer eins im Zentrum von Minsk. Was zuvor passiert war, sei nicht einmal zu „schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges“ passiert, sagt ein ranghoher Mitarbeiter der Bundesregierung im Gespräch mit unserer Redaktion.

Belarus hatte eine Ryanair-Maschine auf dem Weg von Athen nach Vilnius unter dem Vorwand einer Bombendrohung und mit einem Kampfjet zur Zwischenlandung in Minsk gezwungen. Protassewitsch und seine aus Russland stammende Freundin wurden festgenommen – eine Entführung mitten im europäischen Luftraum, aus einem Flugzeug eines irischen Unternehmens. Protassewitsch war auf dem Rückweg nach Litauen, dort lebte er im Exil.

Journalist positionierte sich früh gegen die Lukaschenko-Diktatut

Bekannt war er geworden, weil er und Mitstreiter über das Portal Nexta im vergangenen Sommer zu den Massenprotesten gegen die Regierung von Präsident Alexander Lukaschenko mobilisiert hatten. Auf Nexta gaben Protassewitsch und andere Informationen über Demonstrationen weiter, gaben an, wo Sicherheitskräfte positioniert waren. Sie zeigten Bilder, wie Einheiten der Polizei immer wieder brutal gegen Demonstrierende vorgegangen waren. Hunderttausende folgten den Beiträgen von Nexta. Das Regime in Minsk wirft Protassewitsch hingegen vor, Massenproteste ausgelöst zu haben, worauf bis zu 15 Jahre Haft stehen.

Russische Webseiten führen zudem auf, dass Protassewitsch früher bei rechten Oppositionsgruppen aktiv gewesen sein soll, auch im Ausland, etwa bei den Protesten in der Ukraine. Die Echtheit der Vorwürfe lässt sich bisher nicht überprüfen. Schon 2019 hatte Protassewitsch Belarus verlassen, beantragte 2020 Asyl in Polen. Mit ihm ist nun auch seine russische Freundin inhaftiert worden, Sofia Sopega.

Im November 2020 wurde Protassewitsch in Belarus wegen Anstiftung zur öffentlichen Unruhe und sozialem Hass angeklagt. Die Behörden in Belarus stuften Nexta als "extremistisch" und die beiden Gründer des Kanals als "Terroristen" ein.

Belarus: Europas letzte Diktatur

Die Inhaftierungen werfen erneut Licht auf Europas letzte Diktatur. Die EU verhängt neue Sanktionen, europäische Regierungschefs verurteilen das Vorgehen gegen freie Medien und Opposition. Dabei sei Protassewitsch nur einer von rund 400 politischen Gefangenen, sagt Vadim Mojeiko, Analyst beim belarussischen Institut für strategische Studien, im Gespräch mit unserer Redaktion. Am Dienstag verurteilte ein Gericht in Minsk sieben Regierungskritiker zu langen Haftstrafen. Erst vor Tagen schalteten die Behörden die große unabhängige Nachrichtenseite tut.by ab.

Inessa Olenskaya ist die Anwältin von Protassewitsch. Bis zum Dienstagnachmittag habe sie keinen Kontakt zu ihm gehabt, sagt sie. Die im Exil lebende belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja sprach im Telegram-Kanal davon, dass sie nicht nur „sehr um seine Freiheit, sondern auch um sein Leben“ bange.

Irgendwann hatte Protassewitsch Nexta verlassen – unklar ist, warum. Vor seiner Haft beschäftigte er sich auf seinem Telegram-Kanal „Belamova“ weiter mit den oppositionellen Inhalten. Mehr als 260.000 Leser folgen ihm. Unter anderem rief er zu Spenden auf, die inhaftierten Regimekritikern und ihren Familien helfen sollten, und berichtete über das Schicksal von vielen Inhaftierten.

Belarussisches Regime geht hart mit seinen Kritikern um

Das Regime in Belarus greift immer härter gegen seine Gegner durch. Seit dem Sommer wurden mehr als 30.000 Menschen festgenommen, unzählige Verfahren eröffnet. Zuletzt traf es im Mai den Schlagzeuger Alexej Santschuk, den ein Gericht in Minsk zu sechs Jahren Haft verurteilte. Santschuk war mit seiner Band zu einem Symbol der Protestierenden geworden. Lesen Sie dazu: Massenproteste in Belarus – "Wir sind der Freiheit ganz nah"

Im vergangenen November wurde die Journalistin Katerina Borissewitsch vom oppositionellen Onlineportal tut.by verhaftet. Vor wenigen Tagen hatte das Regime damit begonnen, das letzte unabhängige Nachrichtenportal zu zerschlagen, dessen Betreibern Steuerdelikte vorgehalten werden.

10.000 Belarussen haben ihr Land verlassen

Demnächst wird in Belarus auch das Verfahren gegen die seit September inhaftierte Maria Kolesnikowa beginnen. Die Musikerin mit den kurzen blonden Haaren ist die einzige prominente Oppositionelle, die ihre Heimat nicht verlassen hatte. Sie und ihr Rechtsanwalt werden der Verschwörung zur Machtergreifung bezichtigt; ihnen drohen bis zu zwölf Jahre Freiheitsstrafe.

Protassewitsch war auf dem Rückweg nach Vilnius von einer Wirtschaftskonferenz in Griechenland, an der er mit Swetlana Tichanowskaja teilgenommen hatte. Sie war 2020 an der Stelle ihres inhaftierten Ehemannes bei den Präsidentenwahlen angetreten. Kurz nach den vom Regime gefälschten Wahlen floh sie nach Litauen. Mehr als 10.000 Belarussen sind wie sie inzwischen ins Exil geflohen.

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