Migration

Ansturm auf Ceuta: Spanien schiebt Tausende nach Marokko ab

Lesedauer: 5 Minuten
Ralph Schulze und Philipp Luther
8000 Migranten erreichten seit Montag spanische Exklave Ceuta

8000 Migranten erreichten seit Montag spanische Exklave Ceuta

In der spanischen Exklave Ceuta in Nordafrika ist seit Montag eine Rekordzahl von 8000 Migranten angekommen. Wie das spanische Innenministerium mitteilte, wurde die Hälfte von ihnen bereits wieder nach Marokko zurückgeschickt.

Beschreibung anzeigen

Rund 8000 Migranten sind von Marokko in die spanische Exklave Ceuta eingedrungen. Spanien schiebt die Menschen ab – auch Minderjährige.

Madrid. 
  • Mehrere Tausend Menschen hatten in den vergangenen 36 Stunden die spanische Exklave Ceuta erreicht
  • Unter den rund 8000 Menschen waren viele Kinder und Jugendliche
  • Über die Hälfte von der Menschen ist laut spanischen Behörden bereits wieder abgeschoben
  • Auslöser der Fluchtbewegung ist offenbar ein Streit zwischen Marokko und Spanien um die Behandlung des Polisario-Anführers Brahim Ghali
  • Gegen Ghali ermittelt Spaniens Justiz nun wegen Kriegsverbrechen

Nach zwei chaotischen Tagen mit der Ankunft von rund 8000 Migranten hat sich die Lage in der spanischen Nordafrika-Exklave Ceuta am Mittwoch relativ beruhigt. Die Zahl der wieder nach Marokko abgeschobenen Menschen erhöhte sich unterdessen auf rund 4800, wie ein Vertreter des spanischen Innenministeriums in Ceuta weiter mitteilte. Viele seien freiwillig zurückgekehrt, hieß es. Diesen amtlichen Angaben zufolge belief sich die Zahl der neuen Ankünfte unterdessen "praktisch auf Null".

Zuvor hatten mehrere Tausend Menschen teils schwimmend, teils in Gummiboten oder mit aufgeblasenen Reifenschläuchen Ceuta erreicht. Laut der in Ceuta erscheinenden Zeitung "El Faro" waren unter den Angekommenen mindestens 1500 Kinder und Jugendliche.

Ceuta: Viele Minderjährige und den Migranten

Die spanische Küstenstadt hatte den größten Ansturm von Fliehenden und Migranten erlebt, an den sich die rund 85.000 Bewohnerinnen und Bewohner erinnern können. Die Sprecherin des Roten Kreuzes, Isabel Brasero, sagte: "Noch nie sind in so kurzer Zeit so viele Menschen gekommen." Und der Bürgermeister der spanischen Exklave, Juan Jesús Vivas, sprach gar von einer "Invasion". Am Strand Tarajal, im Süden Ceutas, fuhren spanische Streitkräfte auf. Soldaten und Polizisten riegelten die Bucht ab, Hubschrauber kreisten, Grenzschutzboote patrouillierten.

Spaniens Sicherheitskräfte hinderten die Menschen nicht daran, aus dem Wasser zu klettern. Aber sie sorgten dafür, dass die Ankommenden nicht verschwinden. Bleiben dürfen die wenigsten unter ihnen – annähernd 3000 Migranten waren schon Stunden nach ihrer Ankunft wieder nach Marokko abgeschoben worden. Darunter sollen auch Minderjährige sein, deren Rückführung verboten ist.

Spanische Exklave: "Autobahn auf dem Meer"

Die Zeitung "El País" beschrieb die Situation als eine "Autobahn auf dem Meer". Die meisten der Ankommenden seien Männer, aber es seien auch Frauen und Familien dabei. Nach unbestätigten Medienberichten machten sich auch in der Stadt Tanger Migranten aus Ländern südlich der Sahara auf in Richtung Ceuta.

Die Migranten aus Marokko hatten sich zu Wochenanfang auf den Weg gemacht. Wie auf ein Signal hin verschwanden die marokkanischen Polizisten, die sonst die Wassergrenze bewachen. Ihr Rückzug war kein Zufall: Marokkos König Mohammed VI. nutzt regelmäßig die Migrationspolitik, um Druck auf Spanien und Europa auszuüben.

Je nach politischer Wetterlage lässt er Kon­trollen an seinen Küsten lockern oder verstärken. Dieses Mal erzürnte Mohammed offenbar, dass Spanien dem Chef der Polisario-Befreiungsbewegung, Brahim Ghali, Marokkos Staatsfeind Nummer eins, eine Klinikbehandlung im spanischen Logroño ermöglichte.

Gegen Ghali stehen unter anderem Vorwürfe der Folter von Gefangenen, der Vergewaltigung und des Missbrauchs im Raum. Spaniens Justiz will gegen Ghali wegen Kriegsverbrechen ermitteln, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch unter Berufung auf Gerichtsdokumente. Die Polisario kämpft für die Unabhängigkeit der von Marokko besetzten Westsahara, die bis 1975 spanisches Kolonialgebiet war.

Migration: Corona-Pandemie sorgt für Arbeitslosigkeit

Viele Marokkaner im Umfeld von Ceuta und der anderen spanischen Nordafrika-Exklave Melilla haben ihre Arbeit und Einkommen verloren, seit Marokko die Grenze zu den beiden Gebieten im März 2020 wegen der Corona-Pandemie geschlossen hat. Immer wieder demonstrierten Menschen, die sonst in den Exklaven arbeiteten, für ein Ende der Schließung.

Bereits am 26. April hatten 128 Marokkaner schwimmend Ceuta erreicht. Die meisten wurden bald darauf nach Marokko abgeschoben. Auch dieses Mal sind bereits 1600 in das Nachbarland zurückgebracht worden, sagte Spaniens Innenminister Fernando Grande-Marlaska dem TV-Sender RTVE.

Melilla: Dutzende Menschen überwanden Grenzzaun

Nach den dramatischen Bildern aus Ceuta hatte eine weitere spanische Exklave am Dienstag eine steigende Zahl an Fliehenden verzeichnet. Wie die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf die lokalen Behörden berichtete, hatten 86 Geflüchtete die etwa 200 Kilometer östlich von Ceuta gelegene Exklave Melilla erreicht, indem sie über einen Grenzzaun kletterten. Demnach handelte es sich um 85 Männer und eine Frau. Rund 200 Menschen hatten die Behörden zurückgehalten, hieß es.

Marokko: Trump als Auslöser für Spannungen

Ceuta und Melilla haben die einzige Landgrenze der Europäischen Union mit Afrika. Sie sind deshalb regelmäßig Ziel von Geflüchteten aus allen Regionen des Kontinents, unter anderem aus dem Gebiet Westsahara. Marokko kontrolliert große Teile der dünn besiedelten Region an seiner Südgrenze. Das Königreich will der Westsahara nur Autonomie zugestehen, die Polisario strebt nach Unabhängigkeit.

Im Dezember hatte der damals bereits abgewählte, aber noch amtierende US-Präsident Donald Trump Marokkos Souveränität über Westsahara anerkannt. Seither wachsen die Spannungen zwischen Marokko und europäischen Ländern, die Trumps Entscheidung kritisierten. So rief Rabat Anfang Mai seine Botschafterin aus Berlin zurück. (mit dpa/AFP)

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Politik