Migration

Tausende Palästinenser hoffen auf die Flucht aus Gaza

Palästinensische Flüchtlinge im Gazastreifen.

Palästinensische Flüchtlinge im Gazastreifen.

Foto: dpa Picture-Alliance / Mahmoud Issa / picture alliance / ZUMAPRESS.com

„Hauptsache raus.“ Zahlreiche Menschen versuchen den Gazastreifen hinter sich zu lassen – die meisten per Bus, nicht immer mit Erfolg.

Gaza.  „Wenn ich jemals hier rauskomme, seht ihr mich nie wieder“, schreit die zierliche junge Frau den bärtigen Männern entgegen, als klar wird, dass sie heute wieder nicht mitfahren kann. Nermin Hwaihi ist von Büro zu Büro gelaufen, hat herumtelefoniert, gefleht und geweint. Es hat alles nichts gebracht, sie wird Gaza auch heute nicht verlassen. Der letzte Bus fährt ohne sie ab.

Mit Tränen in den Augen verlässt die 26-Jährige die Abu-Youssef-al-Najjar-Arena in Khan Younis. Die schmuddelige Sporthalle ist nach einem der Verantwortlichen für das Olympia-Massaker von 1972 benannt.

Geldwechsler mit dicken Bündeln von Ägyptischen Pfund wieseln vor dem Gebäude umher, auf den gelben und blauen Sitzschalen der Tribüne warten Palästinenser, die Gaza verlassen wollen.

Seit neun Monaten nutzt die im Küstenstreifen regierende Hamas die Sporthalle für die Abfertigung der Ausreisenden. Von hier fahren Busse ab nach Rafah, dem Grenzübergang mit Ägypten.

Erez, der Grenzübergang mit Israel, ist vor allem vorgesehen für humanitäre Notfälle sowie Händler, Diplomaten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen. Wer Gaza über Rafah verlassen will, braucht das Visum eines anderen Staats, muss sich bei der Hamas anmelden, dann die Terminals der Autonomiebehörde und Ägyptens passieren. Zum mühseligen Prozess gehört auch die Reise zum Kairoer Flughafen, durch die ägyptische Wüste, durch etliche Armeecheckpoints.

400 bis 500 Menschen verlassen täglich Gaza über Ägypten

Nermin hat ein einen Monat gültiges Schengen-Visum, sie will nach Italien für eine Schulung der belgischen NGO, für die sie in Gaza arbeitet. „Wahrscheinlich werde ich dann in Europa Asyl beantragen und einfach bleiben“, sagt sie. „Wer Gaza verlassen kann, tut es, auch ohne Plan. Hauptsache raus.“

Während Rafah 2017 nur an insgesamt 30 Tagen geöffnet war, ist der Übergang in diesem Jahr seit Mitte Mai fast durchgehend offen. Die Ägypter wollen als Vermittler eines Waffenstillstandsdeals zwischen der Hamas und Israel guten Willen zeigen. Nach Angaben der Nachrichtenseite Al-Arabi Al-Jadeed verlassen täglich etwa 400 bis 500 Personen den Gazastreifen durch Rafah, bis Juli waren es netto bereits rund 20.000.

Nermin Hwaihi will eine Heirat aus Liebe

Dass der Exodus nicht noch größere Formen angenommen hat, liegt an den Restriktionen der Ägypter und Palästinenser – neben Hamas ist auch die im Westjordanland regierende Autonomiebehörde für die Übergänge zuständig. Besonders die jungen Bewohner Gazas, die über Instagram und Facebook die freie Welt erleben, hält kaum noch etwas in ihrer Heimat.

Nermin weiß, dass sie mit ihrem Job bei einer internationalen Organisation noch zu den Glücklicheren zählt.

„Aber lebenswert ist es für mich trotzdem nicht“, sagt sie. Nermin will raus, auch weil sie keine arrangierte Ehe eingehen will. „Ich will aus Liebe heiraten“, sagt sie.

Andere geben sich mit den gesellschaftlichen Zwängen unter der Herrschaft der Islamisten zwar zufrieden, finden aber einfach keine Stelle, trotz sehr guter Qualifikation. So wie Fady Tantisch. Der 31-Jährige hat in den USA Umweltwissenschaften studiert und sich auf Wassertechnologie spezialisiert. 95 Prozent des Leitungswassers in Gaza sind nicht trinkbar, Fadys Qualifikation müsste also stark nachgefragt sein. „Aber jetzt bin ich hier überqualifiziert“, sagt er.

Nur ein unbezahltes Praktikum konnte er in seinem Fachgebiet seit dem Abschluss absolvieren, ab und zu übernimmt er für seinen Onkel Übersetzungsarbeiten, ansonsten ist er zum Herumsitzen verdammt. „Das ist so zermürbend“, so Fady, „so gern ich in meiner Heimat bleiben würde, so sehr ist mir klar, dass es hier keine Zukunft für mich gibt.“ Der junge Ingenieur hat sich nun für eine Promotion in Karlsruhe beworben.

Eltern lassen ihre Kinder gehen

Nach dem Sechstagekrieg 1967 und der Besetzung von Gaza und dem Westjordanland haben die Palästinenser das Konzept „Sumud“ geprägt. Das bedeutet Standhaftigkeit und ist eine wesentliche Strategie des Widerstands gegen die Israelis. Entscheidend ist, trotz größter Schwierigkeiten zu bleiben. Doch in Gaza ist das Konzept der Standhaftigkeit der Ernüchterung gewichen. Viele palästinensische Eltern befürworten jetzt den Fortzug ihrer Kinder.

So wie Saleh Kilali. Der 62-Jährige empfängt in seiner Wohnung in Beit Lahia im Norden des Gazastreifens. Das Treppenhaus ist finster, im Wohnzimmer brennt eine nackte Energiesparbirne.

Vier der acht Kinder der Familie leben im Ausland, ein Sohn in Großbritannien, zwei in Schweden, eine Tochter mit ihrem Ehemann in Abu Dhabi. Der älteste Sohn hat zunächst einen Master-Studiengang in Malaysia absolviert. Neben der Türkei ist das asiatische Land relativ freigiebig bei der Ausstellung von Visa für Palästinenser.

Glücklich ist Saleh Kilali nicht über den Exodus seiner Kinder, er macht dafür Besatzung und Blockade verantwortlich: „Wenn das nicht wäre, hätten es die Menschen sehr gut hier, besser als in Schweden oder in Deutschland.“

Kilali erzählt von früher, als er mit seiner kleinen Aluminiumwerkstatt gutes Geld verdiente. „Alle meine Kinder konnten studieren, weil ich das bezahlen konnte. Heute ginge das nicht mehr.“ Heute, sagt er, blieben den jungen Leuten tatsächlich nur noch der Wegzug – oder die Proteste am Grenzzaun. „Sie müssen ihren Frust schließlich irgendwo rauslassen.“

Vereinte Nationen warnen, dass Gaza bald unbewohnbar wird

Die Fenster im Büro von Dr. Maher al-Tabbaa, Sprecher der Handelskammer in Gaza, sind weit geöffnet. Auf der Hauptstraße, zwölf Stockwerke tiefer, spielen Kinder, ein Esel schreit. Autos hört man nur vereinzelt. Dr. al-Tabbaa hat einen buschigen Schnurrbart und dunkle Augenringe. Er sieht älter aus als seine 47 Jahre und spricht leise, bei der ersten Frage muss er schmunzeln: „Welche wirtschaftliche Situation wir hier haben? Na, gar keine!“

Die Lage sei so schlecht wie nie. 53,7 Prozent Arbeitslosigkeit, bei den 18- bis 29-Jährigen sogar 74 Prozent. Das durchschnittliche Monatseinkommen ist in den vergangenen drei Jahren um rund die Hälfte gefallen, die Produktivität um 60 Prozent. 70 Prozent der Familien sind von UN-Nahrungsmittelhilfen abhängig. Täglich gibt es nur vier Stunden lang Strom.

Die Vereinten Nationen warnen, dass Gaza bald unbewohnbar wird. Durch die Lohnkürzungen bei den Angestellten der Autonomiebehörde und die US-Maßnahmen gegen das Hilfswerk UNRWA hat sich die Lage noch rapide verschlechtert.

Der Konflikt dreht sich im Kreis

Dabei gab es in Gaza einst Tausende Fabriken. Die politische Führung versprach nach dem Rückzug der Israelis 2005, „ein Singapur des Nahen Ostens“ zu schaffen. Aber nach dem Putsch der Hamas, der nunmehr elf Jahre andauernden israelisch-ägyptischen Blockade und drei schweren Waffengängen ist aus Gaza mittlerweile ein Afghanistan am Mittelmeer geworden.

Um die Lage wenigstens ein bisschen zu verbessern, müsste man die Blockade lockern. Doch dafür müsste zunächst die Gewalt gestoppt werden. Die Konfliktparteien drehen sich im Kreis.

In dieser Lage wagt nicht mal Hamas-Sprecher Hazim Kassim, an „Sumud“ zu erinnern. „Menschen, die in so einer Situation leben wie hier, wollen halt raus“, sagt er. Der Hamas-Sprecher warnt: „Wir werden bald den Punkt erreicht haben, an dem hier alles sozial explodiert.“ Seine Worte klingen wie eine Aufforderung zur Flucht.