Rechtsextremismus

Berichte: Deutlich mehr Tote durch rechte Gewalt als bekannt

Alberto Adriano wurde im Juni 2000 von drei Neonazis in Dessau zusammengeschlagen. Der ehemalige DDR-Vertragsarbeiter erlag drei Tage später seinen Verletzungen.

Alberto Adriano wurde im Juni 2000 von drei Neonazis in Dessau zusammengeschlagen. Der ehemalige DDR-Vertragsarbeiter erlag drei Tage später seinen Verletzungen.

Foto: imago stock&people / imago/Christian Ditsch

169 statt 83 Tote: Eine Medienrecherche führt auf, dass doppelt so viele Menschen durch rechte Gewalt starben als bislang bekannt.

Die Zahl der Todesopfer rechter Gewalt ist laut Medien-Recherchen deutlich höher als von der Bundesregierung offiziell angegeben. Seit 1990 seien mindestes 169 Menschen von Neonazis und anderen Rechten getötet worden, schreibt der „Tagespiegel“ (Donnerstag) und beruft sich auf eigene Recherchen, an denen auch „Zeit Online“ beteiligt war.

Bei weiteren 61 Todesopfern gebe es starke Indizien dafür, dass sie durch rechtsmotivierte Gewalt gestorben seien, heißt es weiter in dem Bericht. Die Bundesregierung hatte im Juni in der Antwort auf eine Anfrage von Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Linke) von 83 Toten seit der Wiedervereinigung gesprochen.

Journalisten beim Berliner „Tagesspiegel“ arbeiten seit dem Jahr 2000 an einer Langzeitrecherche zu Todesopfern rechtsmotivierter Gewalt seit 1990. Mehrere Bundesländer haben nach Angaben der Zeitung im Laufe der Jahre auf die Recherchen reagiert und Fälle aus der Vergangenheit gründlich nachgeprüft. Zahlreiche Altfälle, die die Polizei zunächst als unpolitisch eingestuft hatte, seien so schließlich für die offizielle Statistik nachgemeldet worden.

Amokläufer von München nicht als rechter Gewalttäter aufgeführt

So wurden nach dem Auffliegen der Terrorgruppe NSU in Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Berlin zusätzlich 18 Verbrechen mit 19 Toten nachträglich als rechts motivierte Kriminalität eingestuft. Nach wie vor gebe es jedoch Diskrepanzen zwischen offizieller Statistik und den Recherchen.

Blutige Spur des Neonazi-Terrors: Das ist der NSU

Zehn Morde, Sprengstoffanschläge, Banküberfälle: Der NSU hat eine Spur der Gewalt durch Deutschland gezogen. Beate Zschäpe ist der Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" angeklagt.
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Ein Beispiel führen die Zeitungen mit David Ali S. auf. Der 18-Jährige hatte im Juli 2016 neun Menschen in München erschossen, meist Jugendliche, alle mit Migrationshindergrund. Die Ermittlungen ergaben, dass S. in der Schule von Mitschülern mit Migrationshintergrund gemobbt wurde. Er verehrte den norwegischen Rechtsterroristen Anders Breivik, malte Hakenkreuze, kündigte „Anschläge für mein Land, für Deutschland“ an und bezeichnete sich als „Arier“.

Erst seit 2001 Statistik für politische Kriminalität

Trotz eindeutig rassistischer Motive tauchen die neun Opfer von S. nicht in der Statistik für rechte Gewalttaten auf, laut Recherchen der Medien genau so wenig wie viele andere. Die Taten werden als Amoklauf gefasst.

Erst seit 2001 wird politisch motivierte Kriminalität in Deutschland gesondert statistisch erfasst.

Welche Symbole und Codes die rechtsextreme Szene verwendet, können Sie hier nachlesen . (epd/aba)