Langzeitstudie

Zwei Drittel der Deutschen haben Angst vor Staatsversagen

Dass das Zusammenleben zwischen Deutschen und hier lebenden Ausländern durch weiteren Zuzug beeinträchtigt wird, sorgt viele Deutsche.

Dass das Zusammenleben zwischen Deutschen und hier lebenden Ausländern durch weiteren Zuzug beeinträchtigt wird, sorgt viele Deutsche.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Zwei Drittel der Deutschen fürchten laut einer Studie eine Überforderung der Politik und Behörden – und Konflikte durch Zuwanderung.

Berlin.  Deutschland, im Sommer 2018: Die Bundesbürger stöhnen über die Hitze und machen sich Sorgen um das globale Klima. Manche schauen besorgt ins Portemonnaie und fragen sich, wie sie auf Dauer über die Runden kommen sollen. Gerade viele Ältere fürchten, schwer krank oder sogar zum Pflegefall zu werden. Doch keine dieser Sorgen ist so groß wie die zentrale Angst der Deutschen in diesem Sommer.

Es ist die Angst vor dem Versagen der Politik im Umgang mit politischen Hasardeuren wie Donald Trump – vor allem aber im Umgang mit den Problemen im eigenen Land: Es ist die Angst, dass Deutschland daran scheitert, Hunderttausende Flüchtlinge zu integrieren. Es ist die Furcht vor Extremismus und einer Eskalation wie sie Chemnitz gerade erlebt hat, vor einem Staatsversagen. Die aktuelle Umfrage der Langzeitstudie „Die Ängste der Deutschen“ sendet ein deutliches Warnsignal aus.

Befragung zum Zeitpunkt des Unionsstreits

Für die Untersuchung wurden zwischen Anfang Juni und Mitte Juli mehr als 2300 Bundesbürger nach ihren Sorgen gefragt. Der Zeitpunkt war wie gemacht für eine Studie über Verunsicherung und Vertrauensverlust: In diesen Wochen im Hochsommer drohte die gerade erst gestartete Bundesregierung zu zerbrechen. Der alte Zwist zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Innenminister Horst Seehofer (CSU) über die Migrationspolitik war wieder einmal eskaliert.

Auf dem Höhepunkt der Krise stand nicht nur die Regierung, sondern auch die Union aus CDU und CSU vor dem Aus. Doch das war nicht alles. Hinzu kamen Meldungen über das Behördenversagen in der Flüchtlingskrise: Es gab Probleme mit der Registrierung, mit den Verfahren, mit der Abschiebung. Und: Es mehrten sich Fälle, bei denen junge Männer, die als Flüchtlinge gekommen waren, straffällig wurden.

Viele fürchten Konflikte durch Zuwanderung

Die Umfrage spiegelt die Reaktion der Deutschen: 63 Prozent haben große Angst, dass das Land und seine Behörden durch die große Zahl der Flüchtlinge überfordert sind, genauso viele fürchten, dass es durch den Zuzug von Ausländern zu Spannungen kommt. Ein Wert, der in der Zeit vor der Beginn der Fluchtkrise von 2015 über viele Jahre weitaus niedriger lag.

Die Befürchtung schließlich, dass die Politiker von ihren Aufgaben überfordert sind, teilen ebenfalls mehr als 60 Prozent. Bei allen drei Fragen waren die Deutschen im Jahr zuvor noch deutlich gelassener. Allerdings: Im Jahr 2016, unmittelbar in Folge der großen Zuwanderungswelle, waren die Werte noch höher.

Drei Gründe für den Vertrauensverlust

Manfred G. Schmidt, Politologe an der Universität Heidelberg sieht drei zentrale Gründe für die wieder wachsende Angst der Deutschen vor überforderten Politikern:

• Die lange Regierungsbildung nach der Bundestagswahl im September 2017,

• der Dauerstreit in den Schwesterparteien CDU und CSU,

• aber auch das, was der Forscher Abnutzungseffekt nennt: In anderen europäischen Ländern sei zu beobachten, dass Regierungen, die über viele Jahre an der Macht seien, bei den Bürgern den Eindruck von Stillstand und damit Unfähigkeit hinterlassen könnten.

48 Prozent bewerten Regierungsarbeit „mangelhaft“ oder „ungenügend“

Untermauert wird diese Beobachtung von den Schulnoten, die die Deutschen in der Umfrage den Politikern in Regierung und Opposition geben: 48 Prozent der Befragten bewerten die Arbeit der Politiker mit „mangelhaft“ oder „ungenügend“. Mit einem Anteil von noch nicht einmal sechs Prozent fallen die Noten „sehr gut“‘ oder „gut“ äußerst spärlich aus.

Es gibt nur wenige Langzeitumfragen, die so eindrücklich den Nerv der Zeit treffen – und gleichzeitig sichtbar machen, wie sich Ängste über die Jahre verändern: Seit 1992, und damit immerhin schon seit 27 Jahren, läuft die Studie der R+V Versicherung. Die meisten Fragen sind seit Anfang an dabei, doch jedes Mal gibt es eine Sonderfrage, die auf aktuelle Ängste abhebt, für die es in den Jahren zuvor keinen Anlass gab. Donald Trump ist so ein Fall.

Deutsche haben am meisten Angst vor Donald Trump

Die Studienautoren wollten diesmal wissen, ob die Deutschen Angst davor haben, dass die Politik des US-Präsidenten die Welt gefährlicher macht. Das Ergebnis: Die Sorge um die Gefährdung der internationalen Lage durch Trumps Politik landete auf Anhieb auf Platz eins der größten Ängste der Deutschen, 69 Prozent der Bundesbürger haben große Angst vor den Folgen des politischen Klimawandels in Washington.

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Das sind die zehn größte Ängste der Deutschen:

• Gefährliche Welt durch Trump-Politik

• Überforderung von Deutschen/Behörden durch Flüchtlinge

• Spannungen durch Zuzug von Ausländern

• Überforderung der Politiker

• Terrorismus

• Kosten für Steuerzahler durch EU-Schuldenkrise

• Politischer Extremismus

• Naturkatastrophen

• Schadstoffe in Nahrungsmitteln

• Pflegefall im Alter

„Die Deutschen sind alarmiert“, sagt Politikwissenschaftler Schmidt. „Trumps rabiate ‚America First‘-Politik, seine Aggression gegen internationale Arrangements wie die Nato und die nicht minder aggressive Handels- und Sicherheitspolitik auch gegenüber Verbündeten verschrecken die Bevölkerungsmehrheit“, so Schmidt. Verstärkend wirkten Trumps gezielte Attacken gegen Deutschland.

„Wenn die USA sich weigern sollten, Ländern mit vermeintlich zu geringen Verteidigungsausgaben militärischen Beistand zu leisten, bringt das die derzeit verteidigungsunfähige Bundesrepublik in eine schwierige Lage.“ Auch das macht vielen Menschen, gerade mit Blick auf Russland, große Sorgen. „So eine Herausforderung hatten wir noch nie“, sagt Schmidt.

Wie wichtig ist die Nato für Deutschland?

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Die Terrorangst ist deutlich zurückgegangen

Eine andere Angst dagegen schwindet wieder – nachdem sie in den Jahren zuvor alles dominiert hatte: die Angst vor Terroranschlägen. Nach den schweren Attentaten von Paris , Nizza und vom Berliner Breitscheidplatz lag die Furcht vor terroristischen Anschlägen in den vergangenen zwei Jahren auf Platz eins der Ängste-Skala – mit extrem hohen Werten von über 70 Prozent. In diesem Jahr ist die Terrorangst auf Platz fünf abgesackt.

Das liegt unter anderem schlicht daran, dass Europa in den letzten Monaten von schweren Attentaten verschont blieb. Die Sicherheitsbehörden dagegen geben keine Entwarnung. Doch der Angsthaushalt der Deutschen ist in diesen Tagen anders gewichtet.

Angst vor Trennung und Scheidung überraschend klein

Auf einem Allzeittief landen diesmal zwei Ängste, die in den vergangenen Jahren deutlich stärker waren: Die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz und die Angst vor Drogensucht bei den eigenen Kindern. Stark gesunken ist auch die Angst vor einem Krieg mit deutscher Beteiligung. Nach einem Rückgang von elf Prozentpunkten liegt die Sorge jetzt bei 35 Prozent.

Besonders klein ist auch die Angst der Deutschen vor Trennung und Scheidung. Ein Beispiel, das deutlich zeigt, wie wenig individuelle Sorgen mit objektiven Fakten übereinstimmen müssen: Wer die hohen Scheidungsraten kennt, müsste eigentlich viel größere Angst vor einem Ehe-Aus haben.

Die Menschen im Nordwesten sind gelassener als die Bayern

Irrational ist auch, dass die Deutschen noch immer deutlich größere Angst vor einem Terroranschlag haben als davor, Opfer von Einbruch, Diebstahl, Körperverletzung oder Betrug zu werden: In den eigenen vier Wänden bestohlen zu werden oder Betrügern in die Hände zu fallen – das ist um ein Vielfaches wahrscheinlicher.

Doch Ängste entstehen eben nicht nur durch Fakten und Ereignisse. Sie wachsen, wenn viele darüber reden, und schwinden, wenn andere Themen in den Vordergrund drängen. „Viele Menschen richten sich danach, was die Vertrauenspersonen in ihrem Umfeld sagen“, erklärt Schmidt.

Generell, das zeigt auch die aktuelle Umfrage, haben Frauen größere Ängste als Männer, Ältere fürchten sich eher als Jüngere, im Osten sind die Sorgen größer als im Westen. Im Vergleich der einzelnen Bundesländer zeigt sich: Die Menschen in Berlin, Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen sind etwas gelassener als Bayern, Sachsen, Thüringer oder die Menschen an Rhein und Ruhr. Die ängstlichsten Deutschen leben in Sachsen-Anhalt.

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