Supermarkt

So beendete die Polizei die Geiselnahme in Südfrankreich

Einsatzkräfte vor dem Supermarkt in Trèbes.

Einsatzkräfte vor dem Supermarkt in Trèbes.

Foto: REGIS DUVIGNAU / REUTERS

Bei einer Geiselnahme in Frankreich sind vier Menschen gestorben. Den Polizisten gelang es dank einem Handy die Situation abzuhören.

Paris.  Ein dreifacher Mord, eine blutige Geiselnahme und ein Angriff auf vier Gendarmen – das Geschehen endete am Freitag in Südfrankreich mit dem Tod des Täters. Er hatte sich in einem Supermarkt verschanzt, den Elitegendarmen nach dreistündigen Verhandlungen stürmten.

„Als die Schüsse durch den Supermarkt hallten, bin ich sofort zum Notausgang gelaufen und habe mich ins Freie geflüchtet“, erzählt Medi F. und wimmelt weitere Fragen sofort ab: „Nein, ich habe den Typ nicht sehen können.“ Medi F. ist ein Angestellter des Großkaufmarkts „Super U“ am Rande der südfranzösischen Trèbes, der am Freitagvormittag zum Schauplatz einer blutigen Geiselnahme wurde.

Kurz nach 11 Uhr betritt der Täter unter dem Ruf „Allahu Akbar“ den Supermarkt und schießt dabei wild um sich. Zwei Menschen sterben auf der Stelle. Danach treibt der mutmaßliche Islamist mehrere der Anwesenden mit vorgehaltener Waffe in einer Ecke zusammen und erklärt: „Ich bin ein Soldat des Islamischen Staats.“ Allen übrigen Kunden und Angestellten des Supermarkts hingegen gelingt es, sich in Sicherheit zu bringen. So wie Medi F.

Schüsse auf joggende Polizisten

Es dauert keine Viertelstunde, bevor der Supermarkt von Polizeikräften umstellt und das Viertel abgesperrt ist. Wenige Minuten später trifft auch eine Eliteeinheit der Gendarmerie (GIGN) aus Toulouse ein. Dank der geflüchteten Ohren- und Augenzeugen weiß die Einsatzleitung bereits, dass der Geiselnehmer außer mit einer Schusswaffe auch mit Messern bewaffnet ist und offenbar über mehrere Handgranaten verfügt.

Einem GIGN-Verhandlungsexperten gelingt es rasch, Kontakt mit dem Täter herzustellen. Einer der Polizisten lässt sich gegen einen Gefangenen eintauschen. Der Beamte lässt sein Telefon mit einer offenen Verbindung auf einem Tisch liegen.

Zu diesem Zeitpunkt sind die Behörden bereits überzeugt, dass es sich um denselben Mann handelt, der gegen 10:35 Uhr vor einer Kaserne in der nur acht Kilometer entfernt liegenden Kleinstadt Carcassonne aus seinem Fahrzeug heraus fünf Schüsse auf eine Gruppe von vier joggenden Gendarmen im Trainingsanzug abgab, bevor er sie zu überfahren versuchte.

Einer der Gendarmen trägt eine schwere Schulterverletzung davon, ist aber nicht in Lebensgefahr. Der Schütze flüchtet in Richtung Trèbes – in einem offenbar kurz zuvor geraubten Personenwagen, dessen Besitzer er schwer verletzt und dessen Beifahrer er erschossen hatte.

Geiselnehmer wollte Terrorist Abdeslam freipressen

Noch während die Verhandlungen mit dem Geiselnehmer laufen, zieht die Anti-Terror-Zelle der Pariser Staatsanwaltschaft den Fall an sich und eröffnet eine Untersuchung wegen Mordes und versuchten Mordes im Zusammenhang mit einer terroristischen Vereinigung.

Inzwischen wissen die Gendarmen vor Ort auch, mit wem sie es zu tun haben: Redouane L., ein 26-jähriges Franzose marokkanischer Abstammung, der zwar wegen Diebstahl und Drogenhandel vorbestraft ist, aber nicht der Radikalisierung verdächtigt wurde.

Nach unbestätigten Informationen soll Lakdim gefordert haben, dass der in einem französischen Gefängnis einsitzende Islamist Salah Abdeslam umgehend auf freien Fuß zu setzen sei. Abdeslam ist der einzige überlebende Täter der Terroranschläge von Paris im November 2015.

Bitten von Mutter und Schwestern

Zwar lässt sich L. überreden, eine Geisel im Austausch gegen einen hohen Polizeioffizier freizulassen. Allerdings weigert er sich entschieden, sich zu ergeben – trotz der flehentlichen Bitten seiner von den Behörden herbeigeholten Mutter und seiner beiden Schwestern.

Stattdessen wird er zunehmend nervös und aggressiv gegenüber seiner letzten Geisel, was die Gendarmen vor dem Supermarkt dank des eingeschalteten Handys ihres festgehaltenen Kollegen im Detail mitbekommen.

Auch deswegen erfolgt schließlich der Befehl zum Zugriff, bei dem L. getötet und der schwer verletzte Gendarmerie-Oberst befreit werden kann.