Zeugin in Israel: „Er wollte sicher sein, dass sie tot sind“

Wenige Minuten nach dem Anschlag in Jerusalem wurden Verletzte behandelt.

Wenige Minuten nach dem Anschlag in Jerusalem wurden Verletzte behandelt.

Foto: Lior Mizrahi / Getty Images

Nach dem Anschlag von Israel werden immer mehr Informationen über den Attentäter bekannt. Er hatte wohl Vorbilder für seinen Anschlag.

Jerusalem.  Lea Schrieber ist gerade dabei, ihrer Reisegruppe die fantastische Aussicht zu erklären: den Blick auf die Altstadt von Jerusalem, das Kidrontal und den Ölberg unter strahlend blauem Himmel. Dann hört sie Schreie.

Schrieber dreht sich um. Sie sieht aus dem Augenwinkel noch, wie der Fahrer seinen weißen Lastwagen zurücksetzt, wieder auf das Gaspedal drückt, um nochmal über seine Opfer zu fahren. „Er wollte offenbar sicherstellen, dass sie tot sind“, sagt Schrieber unserer Redaktion kurz nach dem Angriff. Der Mann fährt einige Meter zurück, dann stoppt der Wagen.

Erinnerungen an Berlin werden wach

Es sind Szenen, die an den Angriff von Nizza im Sommer 2016 mit mehr als 80 Opfern erinnern. Und an Berlin, Breitscheidplatz. Am 19. Dezember starben hier zwölf Menschen, als der Islamist Anis Amri in den Weihnachtsmarkt fuhr. Tod durch Überfahren, eine Strategie der Extremisten.

Ein Video einer Überwachungskamera zeichnet die neue Gewalttat in Jerusalem auf. Der Lkw fährt mit hoher Geschwindigkeit über den Bordstein in die Gruppe. Auf den Bildern rennen Menschen weg, Soldaten gehen in Deckung, einer lädt sein Sturmgewehr durch.

Angreifer wurde erschossen

Andere laufen um den Lastwagen herum, der nach einem kurzen Augenblick zum Stehen kommt. Wie genau sie den Mann stoppen, ist auf den unscharfen Aufnahmen nicht zu erkennen. In der Frontscheibe sind Einschusslöcher zu sehen, das zeigen Fotos vom Tatort. Nach wenigen Sekunden, so die Polizei später, sei der Angreifer am Steuer erschossen worden. Soldaten tragen in Israel außerhalb von Einsatzgebieten oder Kasernen fast immer ihr Sturmgewehr.

Schrieber, die 33 Jahre alte Reiseführerin, begleitet an diesem Tag eine Gruppe junger Soldaten bei einem Teil ihres Ausbildungsprogramms in Israels Hauptstadt. Sie werden Augenzeugen, wie an der Promenade von Armon HaNatziv vier Menschen sterben und 15 zum Teil schwer verletzt werden, diese Zahlen nennt die „Jerusalem Post“. Es handele sich bei den Toten um drei junge Frauen und einen Mann, alle Opfer sind Soldaten. Israels Behörden gehen von einem Terroranschlag aus. Es ist der schwerste Anschlag in Israel seit Juni, als zwei palästinensische Attentäter in Tel Aviv auf Restaurantgäste feuerten.

Polizei findet am Tatort einen israelischen Führerschein

Bei der Attacke am Sonntag ist Rettungssanitäter Dov Meyer kurz nach der Bluttat am Einsatzort im Süden Jerusalems. Er erzählt später: „Die Verletzten wurden nach weniger als drei Minuten erstversorgt und in die Krankenhäuser gebracht. Viele weitere Menschen mussten wegen Schocks behandelt werden.“ Der Fahrer soll nach Angaben der israelischen Polizei ein Palästinenser aus dem arabischen Ostteil Jerusalems sein.

Polizisten sichern Spuren am Tatort und geben bekannt, dass der Täter einen israelischen Führerschein hatte und der Lastwagen ein israelisches Kennzeichen. Es habe jedoch keine konkreten Warnungen vor einem Anschlag gegeben, sagt Polizeichef Roni Alscheich.

Attentäter soll Verbindungen zum IS haben

Nach israelischen Medienberichten war der Täter den Sicherheitskräften nicht bekannt. Über Details der jetzigen Ermittlungen sei eine Nachrichtensperre verhängt worden. Der Inlandsgeheimdienst Schin Bet sei an der Untersuchung beteiligt. Die Polizei will nicht sagen, ob der Lastwagen dem Attentäter gehörte, oder ob er ihn zuvor gestohlen hatte.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zufolge ist der Anschlag offenbar auf den IS zurückzuführen. Alles deute darauf hin, dass der Attentäter ein Unterstützer der Extremistenmiliz war, teilt Netanjahu einige Stunden nach der Tat mit. „Wir kennen seine Identität“, sagt er. Der Stadtteil, aus dem er kam, sei abgeriegelt worden. Zu den Maßnahmen, die dort ergriffen werden, will er sich ebenfalls nicht weiter äußern.

Für solche Angriffe ist wenig Vorbereitung nötig

Der Angriff mit dem Lastwagen ist eine Strategie von Terroristen. Fachleute sprechen von „low-involvement plots“, also Attentaten für die nur wenige Werkzeuge und keine spezielle Ausbildung an Waffen nötig sind. Es braucht keinen komplexen Terror-Plan, keinen selbst gebastelten Sprengstoff, es reicht ein Einkauf im Baumarkt: eine Axt, ein Messer. Es reicht ein gestohlener oder gemieteter Lastwagen.

Oftmals sind es Einzeltäter, die zuschlagen. Man muss zudem nicht mehr im Terrorcamp gewesen sein – es genügt, durch Propaganda so radikalisiert zu sein, dass man auf eigene Faust im Namen einer Terrorgruppe losschlägt. Wie eng bei der Planung und Ausführung Kontakt oder personelle und materielle Unterstützung durch andere Kämpfer ist, variiert. Das ist bisher auch unklar beim Angriff mit dem Lastwagen in Israel.

Terroristen orientieren sich an anderen Attentätern

Im Interview mit unserer Redaktion erklärt Terrorexperte Shaul Bartal von der Bar-Ilan-Universität: „Dieser Anschlag ist die Folge des Anschlags von Berlin, weil Terroristen immer schauen, welche Methode in ihren Augen Erfolg hat, wodurch möglichst viele Menschen sterben, das ahmen sie dann nach.“

Wie der Anschlag jetzt unser Land verändert

Bartal spricht sich für harte Maßnahmen in den Herkunftsorten und Stadtvierteln der Terroristen aus – und sogar gegen deren Familien: „Ich weiß, dass das nicht politisch korrekt ist, aber nur so kann man überhaupt Druck ausüben auf Menschen, die entschlossen sind, als Märtyrer zu sterben.“ Auch Premier Netanjahu zieht Parallelen zu den Anschlägen in Nizza und Berlin. Die Ereignisse seien „Teil einer laufenden Schlacht gegen den globalen Terrorismus“, die „wir nur gemeinsam kämpfen können“.

Auch in Hochsicherheitszonen gibt es ein Risiko

Der Ort des Anschlags, Armon HaNaziv, liegt in dem 1967 von Israel eroberten Teil Jerusalems. Die Palästinenser beanspruchen das Gebiet als Teil einer künftigen Hauptstadt für sich. Israel sieht jedoch ganz Jerusalem als seine „ewige, unteilbare Hauptstadt“. In dem Stadtteil war es seit Beginn der neuen Gewaltwelle im Herbst 2015 immer wieder zu Anschlägen gekommen. Die islamistische Palästinenserorganisation Hamas hieß die Tat gut, übernahm aber nicht die Verantwortung.

Und der Angriff zeigt, dass selbst ein Hochsicherheitsland wie Israel, das seit Jahrzehnten mit Terror konfrontiert ist und sowohl mit Militärschlägen, Razzien und ausgedehnter Geheimdienstarbeit gegen Extremisten vorgeht, nicht geschützt ist gegen Angriffe mit Fahrzeugen. Die meisten der Jerusalemer Bushaltestellen sind mit Betonblöcken oder Pollern gegen Terroristen gesichert. „Aber wir können das nicht auf allen Bürgersteigen der Stadt machen“, sagt Bartal, „die Wahrheit ist, dass auch Israel keine endgültige Antwort auf diese Form des Terrors hat.“