Podcast „Schmeckt's“

„Lebensmittel werden nicht genug geschätzt“

Lesedauer: 7 Minuten
Angelika Hillmer und Jan-Eric Lindner
Ulf Schönheim von der Regionalwert AG Hamburg.

Ulf Schönheim von der Regionalwert AG Hamburg.

Foto: Mark Sandten

Ulf Schönheim, Gründer der Regionalwert AG Hamburg, spricht über die Situation der Landwirte in der Metropolregion Hamburg.

Hamburg. Landwirte können nicht auf Augenhöhe agieren mit den nachgelagerten Verarbeitern, dem Groß- und Einzelhandel. „Sie sind der Beginn der menschlichen Nahrungskette, stehen aber in der finanziellen Nahrungskette ganz am Ende“, sagt Ulf Schönheim, Gründer und Vorstand der Regionalwert AG Hamburg. Sie sammelt Geld in Form von Aktienanteilen und investiert es in Höfe, aber auch in Verarbeitungs- und Vermarktungsbetriebe.

Dadurch wird die Regionalwert AG Miteigentümerin der Betriebe. Im Podcast spricht Schönheim mit dem Abendblatt über die Situation der Landwirte in der Metropolregion Hamburg. Lebensmittel werden nicht genug geschätzt, nicht einmal im Öko-Bereich, sagt er: „Wenn wir im Supermarkt Bio-Milch kaufen wollen und sehen dort zwei Sorten, dann greifen wir zur preiswerteren Milch. Der Einzelhandel gibt den Preisdruck weiter an die Molkereien, die geben ihn weiter an die Bauern. Und die haben niemanden mehr. Sie haben ihr Vieh, ihre Böden und ihre Familie, die sie im Preis drücken könnten. Das heißt, sie betreiben häufig Selbstausbeutung.“

Das sei einer der Gründe, warum die landwirtschaftlichen Betriebe immer weniger werden. „Viele Kinder von Bauern wollen nicht wie die Eltern an sieben Tagen in der Woche schuften und kaum Urlaub machen können. Deshalb haben rund 70 Prozent der Höfe keinen Nachfolger.“Gleichzeitig gibt es junge Leute, die Landwirtschaft studiert haben und gern einen Hof übernehmen würden. Da helfen Hofnachfolgebörsen, „und auch wir kommunizieren solche Suchen in unseren Netzwerken“, sagt Schönheim.

„Spätestens nach vier Jahren sollten die Betriebe bio sein“

Bei der außerfamiliären Hofnachfolge wird der Betrieb verkauft, teilverkauft oder verpachtet. Dazu müsse eine Finanzierung organisiert werden, weil die Nachfolger erst einmal nicht das nötige Geld haben. Hier werde die Regionalwert AG aktiv, sagt Schönheim und nennt als Beispiel Tobias Carstens mit seinem Weiderinder-Betrieb Carstens Highlands in der Eiderniederung westlich von Rendsburg. „Tobi ist erst 27 Jahre alt und hat aus dem Nichts einen wahnsinnig tollen Betrieb aufgebaut“, erzählt Schönheim. „Er hatte keine Landwirtschaft in der Familie, wollte aber unbedingt Landwirtschaft betreiben, Tiere halten. Von seinem Konfirmationsgeld hat er sein erstes Rind gekauft. Heute sind es ein paar Hundert geworden, auf 500 Hektar Land.

Darunter sind Flächen von der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein, die von den Rindern externsiv beweidet werden, so dass dort viele seltene Pflanzen und Tiere ihr Zuhause finden können.“„Tobi“ vermarktet sein Rindfleisch auf mehreren Wochenmärkten, hat Arbeitsplätze geschaffen. Mit Mitte 20 hat er sich einen Resthof gekauft. Jetzt soll ein Hofladen dazu kommen. Dafür und für andere Erweiterungsschritte braucht er Geld und hat sich an die Regionawert AG gewandt. Die interessiert sich nicht nur für die Betriebsdaten – „spätestens nach vier Jahren sollten die Betriebe bio sein“, sagt Schönheim. Sein kleines Unternehmen helfe zudem mit einem Netzwerk von Partnerbetrieben bei der Verarbeitung und Vermarktung der Hofprodukte. Insgesamt arbeiten gut 50 Betriebe zusammen, in ein knappes Dutzend wurde investiert.

Regionalwert AG organisiert Exkursionen zu den Betrieben

Die Regionalwert AG organisiert Exkursionen zu den Betrieben, wenn nicht gerade das Corona-Virus grassiert. Schönheim: „Es sind Fahrten vom Acker bis zum Teller. Mit dem Bus haben wir einen landwirtschaftlichen Betrieb besucht, dazu einen Verarbeiter und/oder einen gastronomischen Betrieb, wo dann die Produkte des Hofes zum Probieren auf die Teller gebracht wurden. Dort erzählen die Menschen, wie sie arbeiten, warum es wichtig ist, dass ein Lebensmittel handwerklich und nicht industriell verarbeitet wird, und was das für den Geschmack bedeutet.“Der Landwirt müsse aus seiner anonymen Rolle als Produzent herauskommen, so Schönheim.

Gäbe es mehr Kontakt mit den Kunden, so verstünden diese besser, warum ein gutes Produkt etwas mehr koste. „In Lockdown- und Homeoffice-Zeiten haben die Leute Interesse daran, vernünftig einzukaufen und selbst zu kochen. Dazu gehören zeitgemäße Vermarktungsformen. Beispiel Hobenköök im Oberhafenquartier: Dort wird in einer Markthalle bis 19 Uhr verkauft, so dass man nach Feierabend einkaufen kann. Es wäre schön, wenn die lokale Politik bei der Quartiersentwicklung mehr Fantasie entwickeln würde und nicht nur den üblichen Dreiklang aus einem gelben, einem roten Lebensmitteleinzelhändler und einem Discounter einplant.“

Landwirte und Städter zusammenbringen

Schönheim begrüßt auch andere Ansätze, Landwirte und Städter zusammenzubringen, wie die Solidarische Landwirtschaft (Solawi): Verbraucher geben einem Hof Geld für das Wirtschaftsjahr. Der „zahlt“ es mit den erzeugten Produkten zurück. „Solawis passen zum Regionalwertmodell“, sagt Schönheim. „Wir sind weit offen für andere Betriebe, die sich bei uns andocken wollen.“ Ein anderer Weg sei, selbst Hand anzulegen: „Wer bei einem Hof eine Fläche pachtet und Gemüse anbaut, der erfährt, wie viel Arbeit dahinter steckt. Und was ein vernünftiges Lebensmittel wert ist.“Generell sieht der 48-jährige Familienvater die Politik gefordert: „Wenn wir in 30, 40 Jahren noch Landwirtschaft haben wollen und dazu eine, die umwelt- und klimaschonend ist, dann müssen solche Leistungen entlohnt werden.

Der wesentliche Teil der Subventionen wird nach Hektar bezahlt. Das heißt: Ich bewirtschafte ein Stück Land und bekomme dafür das Geld – egal, was ich darauf mache. Das widerspricht dem Prinzip ,öffentliche Gelder nur für öffentliche Leistung‘. Jetzt muss man schauen, was solche öffentlichen Leistungen sind und diese monitär bewerten.“ Die Freiburger Regionalwert-Kollegen haben dazu ein Erhebungs-Verfahren entwickelt, das festhält, wie Betriebe ökologisch, sozial und regionalökonomisch gewirtschaftet haben. Die Daten sind in ein Bilanzierungssystem übertragbar, so dass der Landwirt angeben kann, was er zum Beispiel an Kosten hatte, um die Bodenfruchtbarkeit zu verbessern. „Das ist Daseinsvorsorge und Klimaschutz, diese Leistung sollten die Landwirte bezahlt bekommen. Ansonsten profitieren diejenigen, die den Aufwand nicht betreiben“, sagt Schönheim.

Weniger Arbeitsplätze auf dem Land

Wenn Höfe sterben, leidet das Land. Es bedeute Verlust an Kultur, an Know-how, an sozialem Kapital, „weil dann keiner mehr da ist, der im Winter schnell mal Schnee räumen kann, wenn jemand festsitzt, der sich in der Feuerwehr engagiert, der Kinder hat, die die örtlichen Schule oder Kindergarten besuchen“, sagt der Netzwerker. „Vor 30, 40 Jahren hatte jedes zweite Dorf noch eine Meierei. Die sind alle weg. Dasselbe gilt für Schlachthöfe. Früher gab es kommunale Schlachthöfe. Heute liegt das Geschäft in den Händen einiger weniger, häufig privater Konzerne.

Dadurch gibt es auf dem Land weniger Arbeitsplätze, weniger Ausbildungsplätze, weniger Attraktivität für junge Familien. Es entwickelt sich eine Abwärtsspirale im ländlichen Raum.“Wie könnte die Landwirtschaft der Metropolregion Hamburg im Jahr 2050 idealerweise aussehen?„Es gibt viele selbstständige Betriebe in unterschiedlichen Größen, sehr viel Lebensmittelverarbeitung im ländlichen Raum. Insgesamt einen sehr viel höheren Selbstversorgungsgrad als heute“, sagt Ulf Schönheim. „Derzeit liegt er im niedrigen zweistelligen Prozentbereich, weil viele Lebensmittel hin und her gefahren werden. Wir brauchen mehr Versorgung innerhalb der Region. Auch für den Klimaschutz.“