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Corona-Infektion: Wie eine 35-Jährige mit Spätfolgen kämpft

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Eine junge Frau in Berlin erkrankte an Covid-19 und leidet seit Monaten an Müdigkeit. Es kamen auch neurologische Probleme noch hinzu.

Berlin. 
  • Nicht nur ältere Menschen haben mit den Folgen des Coronavirus zu kämpfen
  • Eine 35-jährige Berlinerin steckte sich zu Beginn der Corona-Pandemie an – und leidet noch immer unter den Spätfolgen ihrer Covid-19-Erkrankung
  • Mit welchen Symptomen die junge Frau zu kämpfen hat und wie das Coronavirus ihr Leben beeinflusst hat

Immer wenn Katharina Heber (*) trainiert, geht sie auf das Tempelhofer Feld, den ehemaligen Flughafen mit seiner riesigen Freifläche mitten in Berlin. Was sie trainiert? Einfaches Gehen und wach zu bleiben. Wichtig ist dabei, dass sie etwas zu trinken und ihre Decke dabei hat. An warmen Tagen liegt die 35 Jahre alte Berlinerin dann auf der Wiese und „driftet weg“. So nennt sie das, wenn ihr die Energie fehlt, einen klaren Gedanken zu fassen oder sie einfach zu müde ist, irgendetwas zu tun.

Sie wählt das Tempelhofer Feld, weil sie dort das Gefühl von Weite hat, weil sie durchatmen kann, sich jederzeit hinlegen kann, wenn die Kraft sie verlässt. Und wenn sie sich dann nach einer Weile kräftig genug fühlt, sich zu bewegen, steht sie auf und läuft etwas. Am Anfang sind das nur zehn Meter, dann muss sie sich wieder hinlegen und durchatmen. Nicht auf dem Rücken, da bekommt sie schlechter Luft. Manchmal macht sie dann noch einmal die Augen zu und driftet wieder weg. So geht das seit Monaten.

Corona-Spätfolgen: Im März infiziert, noch immer schwach

Seit Beginn der Corona-Pandemie, so sagt Katharina, hat sie ihren Körper nicht mehr im Griff. Der Körper steuert sie. „Es gibt Tage, da kann ich nichts tun, außer vielleicht ein Ei kochen und essen.“ Dann räume sie kurz die Küche auf und schon ist ihr Energielevel wieder auf Null. „Ich habe das nicht verstanden, weil ich einmal Leistungssport gemacht habe und meinen Körper eigentlich gut kenne.“

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Infiziert hat sie sich, da ist sie sich sicher, bei einem Lieferanten Mitte März, der ihr einen Schrank geliefert hat und für eine Unterschrift zu nahe bei ihr stand. „Ich habe buchstäblich ein halbes Jahr in einem Atemzug verloren.“

Der Fall der Berlinerin zeigt, dass die Forschung zum Coronavirus noch immer am Anfang steht. Laut Robert-Koch-Institut gilt als geheilt, wer 48 Stunden lang keine Symptome hat und bei dem zwei Rachenabstriche im Abstand von 24 Stunden keine Viren mehr nachweisen können.

Doch inzwischen gibt es weltweit viele Patienten, die eine Vielzahl unterschiedlicher Symptome haben, die erst seit der Infektion durch Covid-19 auftreten, aber immer wiederkehren. Wissenschaftler gehen davon aus, dass zehn bis 15 Prozent solche Symptome haben. Noch ist es zu früh, um von chronischen Schäden zu sprechen. Immerhin: Die Wissenschaft ist bereits dabei, die Patienten zu untersuchen.

Carmen Scheibenbogen leitet das Charité Fatigue Centrum und beschäftigt sich seit elf Jahren mit lang anhaltenden Müdigkeitssymptomen. „Wir haben von Anfang an vermutet, dass solche Spätfolgen nach einer Coronavirus-Infektion auftreten können.“ Bei früheren Viren ähnlicher Bauart aus der Corona-Gruppe kam es ebenfalls zu solchen Phänomenen.

In abgeschwächter Form treten sie auch bei einer Grippe-Infektion auf, die sich dann bei einigen Patienten mehrere Wochen hinziehen kann. „Das fühlt sich für manche wie ein langer Burnout an“, sagt sie, „der auch Einfluss auf die Psyche haben kann.“ Sie stellt aber klar: „Das ist keine psychische Erkrankung.“

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Menschen mit ähnlichen Spätfolgen vernetzen sich

Denn das ist etwas, das viele Patienten mit ähnlichen Symptomen wie Katharina H. oft gehört haben – auch Martina B.: „Die Ärzte dachten, ich sei ein Fall für den Psychiater“, berichtet die Berlinerin, die derzeit an Spaniens Ostküste wohnt. „Ich habe nach fast vier Monaten immer noch Atemprobleme, so als ob die Nase konstant verstopft wäre.“

Seit ein paar Tagen bewegten sich bei ihr einige Finger und der Mund unfreiwillig, ihre Hände zittern, Finger zucken wild, manchmal ihr ganzer Körper. Sie ist in einer spanischen Gruppe in Telegram mit 13 anderen – und sie ist Mitglied in einer Gruppe auf Facebook, in der sich Berliner mit ähnlichen Symptomen miteinander vernetzen. Sie heißt „Covid-19 Langzeitbeschwerden“.

Auch Katharina Heber ist dort Mitglied und informiert sich über diese Internetseite über die Entwicklungen – und teilt Artikel, die sie gefunden hat, mit Betroffenen. Diese Internet-Community sei wie ein „sicherer Hafen“ für die Mitglieder. Ihre Gemeinsamkeit ist, dass sie alle seit mindestens 30 Tagen nicht abklingende Beschwerden haben. Derzeit hat das Forum 434 Mitglieder, allein innerhalb eines Monats hat sich die Zahl der Mitglieder verdoppelt.

Die Wissenschaftlerin Carmen Scheibenbogen begrüßt die Formierung solcher Gruppen wie dieser ausdrücklich. „Diese Patienten finden zunächst wenig Behandlungsmöglichkeiten und sind mit ihren Symptomen sehr allein.“ Ihr fällt auf, dass diese Patienten wenig empfänglich für Fake News und Verschwörungsmythen sind.

Wenn sich Patienten auf diese Art vernetzen, sei das nicht nur eine Hilfe für die Patienten – sondern auch für die Wissenschaft. „Wenn jemand diese Symptome bei sich entdeckt, hat der- oder diejenige viele Fragen, die in dieser Gruppe schon einmal geklärt werden können.“ Außerdem können wir als Ärzte über diese Vernetzung von verschiedenen Symptomen erfahren und auch besser einschätzen, wie gehäuft sie auftreten.

Neurologische Spätfolgen: „Wie Demenz“

Die Berliner Gruppe teilt ausschließlich Artikel seriöser Medien und wissenschaftlicher Publikationen. In den ersten Wochen waren vorwiegend Artikel auf Englisch aus der New York Times und der britischen BBC verlinkt, sicher auf wegen der schlicht höheren Fallzahlen in diesen Ländern.

Auf wochenlanger Initiative der Betroffenen haben sich auch einige deutsche Medien mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt. Die Berichte der Betroffenen dort zeugen von den ernsthaften Einschränkungen, denen sie im Alltag ausgesetzt sind. Aber die Berichte zeigen auch, dass ihre Probleme erst genommen werden.

Besonders irritierend für Katharina Heber waren die neurologischen Folgen, die sie zum Teil zunächst gar nicht bemerkte. „Ich gehöre noch zu den Fitten in der Gruppe“, sagt sie, „mir fallen die Haare nicht aus, ich habe weder ein Kribbeln in Beinen noch Lähmungserscheinungen.“ Jedoch hat sie neurologische Veränderungen an sich bemerkt: An manchen Tagen habe sie eine E-Mail geschrieben und ein paar Tage später nicht mehr verstanden, wie sie solch unzusammenhängende Sätze habe formulieren können. „Das fühlt sich an wie Demenz, das ist ein furchtbares Gefühl.“

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Hinzu komme für die Betroffenen noch der wirtschaftliche Schaden. Auch darüber tauschen sie sich in der Gruppe aus. Was sage ich der Krankenkasse, wo kann ich als Freiberufler Unterstützung bekommen? Was passiert nach der Zeit der Krankschreibung? Aktuell diskutiert die Gruppe außerdem über einen möglichen Einfluss der Ernährung auf die Müdigkeitszustände.

Am Freitag dieser Woche ging Katharina H. zu einer Sprechstunde zu Carmen Scheibenbogen. Lange musste sie warten. Für Scheibenbogen sind diese Wartezeiten normal, weil sie noch immer Menschen mit Chronischem Fatigue Syndrom betreue, deren Symptome zum Teil mehrere Jahre anhalten.

Die Facebook-Gruppe hatte zuvor Universitätskliniken in ganz Deutschland um dringende Hilfe gebeten. „Wir sind uns einig“, sagt Katharina H. „Egal wie müde wir sind: Wir möchten dafür sorgen, dass niemand einen monatelangen Leidensweg durchlaufen muss wie wir.“

(*Name von der Redaktion geändert)

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