Nationalelf

DFB-Team: Mit vielen Fragezeichen ins neue Jahr

Nachdenklich: Bundestrainer Joachim Löw in Gelsenkirchen.

Nachdenklich: Bundestrainer Joachim Löw in Gelsenkirchen.

Foto: Getty Images

Die Machtübernahme der Talente schreitet voran. Aber das 2:2 gegen die Niederlande zeigt: Die Stimmung bleibt auch gereizt.

Gelsenkirchen. Für den Fall, dass es eher unschöne Dinge waren, über die Oliver Bierhoff sprach, dann hörte es sich zumindest großartig an. Ein ausländischer Reporter hatte den Direktor Nationalmannschaften des Deutschen Fußball-Bundes beim Verlassen des Stadions in Gelsenkirchen zur allgemeinen Lage befragt. Der ehemalige Italien-Legionär antwortete in fließendem Italienisch – und wenn das Wort Seuchenjahr in seinen Ausführungen auftauchte, dann kam es zumindest für deutsche Ohren wie ein unbeschwertes Tänzchen daher. Als man Bierhoff dann wieder verstand, sagte er: „So richtig weiß auch nicht, was ich jetzt glauben soll.“

Das miserable Jahr 2018 endete für die deutsche Nationalmannschaft mit einem 2:2 in der Nations League gegen die Niederlande. Und nicht nur das Ergebnis, sondern auch sein Zustandekommen hinterlässt nicht nur bei Bierhoff reichlich Fragezeichen. Fragezeichen, mit denen es ins neue Jahr geht und in die EM-Qualifikation ab März (siehe unten).

Direktor Bierhoff ärgert sich

Denn eigentlich hatte diese junge deutsche Mannschaft durchaus sehenswert gespielt und sogar eine 2:0-Führung herausgeschossen. Am Ende aber hatte sie sich zu Fehlern hinreißen lassen und innerhalb der letzten Minuten den sicher geglaubten Sieg noch aus der Hand gegeben. „Das ärgert mich sehr. Wir hatten es selbst in der Hand“, sagte Bierhoff anschließend und konkretisierte seine noch diffusen Gedanken zur Bewertung. Man merke schon, sagt er, dass den „jungen Spielern Erfolgserlebnisse helfen“, andererseits „brauchen sie vielleicht auch Mal einen Dämpfer“, um die richtigen Schlüsse daraus ziehen zu können.

Wie zum Beispiel Leroy Sané. Der Profi von Manchester City scheint derzeit so richtig aufzublühen in der Nationalmannschaft. 15 Spiele lang wartete er auf ein Tor, nun traf er in zwei aufeinander folgenden Länderspielen. Auch das Ergebnis einer erzieherischen Maßnahme: Vor der WM in Russland strich Bundestrainer Joachim Löw den Spieler aus dem Kader. Eher nicht aus fußballerischen Gründen. „Seit September ist Leroy wieder da und dabei sehr, sehr konzentriert und sehr, sehr wach. Er hat eine sehr gute Entwicklung bei uns gemacht“, lobt Löw. Ob er aus der Ausbootung gelernt habe? „Ich denke schon“, sagt Sané, „wenn man sieht, wie ich reagiert habe und wie ich spiele.“

Sané ist einer der Hoffnungsträger

Zusammen mit dem anderen Torschützen Timo Werner und dem stets gefährlichen Serge Gnabry bildete er erneut ein Hochgeschwindigkeits-Trio, das gemeinsam mit Innenverteidiger Niklas Süle für die Zukunft hoffen und die Generation der Alt-Weltmeister – abgesehen von Mats Hummels und Toni Kroos vielleicht – fast schon vergessen lässt. Ob nun also die richtige Mischung aus Alt und Neu gefunden ist? „Das weiß ich heute auch noch nicht genau, weil es ein Prozess ist“, sagt Löw und verweist darauf Bundestrainer und nicht Hellseher zu sein. „Ich weiß nicht, was im nächsten Jahr im März ist.“

Heißt: Die Tür für Jerome Boateng oder Thomas Müller oder Sami Khedira wird er aktiv nicht zuschlagen. Andererseits wird es beim Jugendstil bleiben. „Ich gehe mit einem guten Gefühl in die Winterpause. Mein Gefühl ist, dass wir wieder auf einem sehr guten Weg sind.“ Löw versprach sogar, dass die Mannschaft „wieder erfolgreichen und guten Fußball spielt“.

Bundestrainer Löw rechtfertigt sich

Doch wie fragil die Zuversicht auch sein kann und wie gereizt die Stimmung auch dem Bundestrainer gegenüber nach diesem furchtbaren Jahr mit dem Vorrunden-Aus bei der WM und historisch vielen Niederlagen (sechs) ist, verdeutlichten dann eben auch die beiden Gegentore am Ende. Schnell lasteten Beobachter Löw die Wende an, weil er durch die Auswechslungen des Sturm-Trios die deutsche Dynamik eingebremst und damit fahrlässig gehandelt habe.

„Die Wechsel waren nötig“, rechtfertigte sich Löw. Gnabry sei am Limit gewesen, sagt Löw, die anderen beiden „weite Wege gegangen“. Und die Frage sei erlaubt: Ist Löw schuld, wenn der eingewechselte Leon Goretzka am eigenen Strafraum vor dem 1:2 den Ball verliert? Oder die Mannschaft Chancen, die der eingewechselte Marco Reus vorbereitet, nicht nutzt?

Ist er nicht. Aber die Zweifel werden das Team noch einige Zeit begleiten. Denn dieses Jahr war eines zum Vergessen und Löw trägt dafür einen beträchtlichen Teil der Verantwortung. Das 2:2 gegen die Niederlande war das fünfte Pflichtspiel in Folge ohne Sieg. Das gab es seit 1978 nicht mehr. Einmal das Seuchenjahr, auf Italienisch bitte.