Nationalmannschaft

Warum Tobias Rau lieber Lehrer als Nationalspieler ist

And er Tafel ist Tobias Rau glücklicher als auf dem Fußballplatz.

And er Tafel ist Tobias Rau glücklicher als auf dem Fußballplatz.

Foto: dpa

Beim letzten Länderspiel in Wolfsburg stand Rau noch für die deutsche Nationalmannschaft auf dem Rasen. Heute steht er an der Tafel.

Wolfsburg. Aufstieg, Abstieg, Ausstieg: Tobias Rau (37) hat in seiner Profikarriere die Sonnen- genauso wie die Schattenseite des Geschäfts kennengelernt. Der Außenverteidiger hatte bei seinem Jugendklub Eintracht Braunschweig den Sprung ins Profigeschäft geschafft, wechselte dann zum VfL Wolfsburg und wagte den großen Schritt zum FC Bayern. Im Juni 2003, einen Monat vor dem Dienstantritt beim Rekordmeister, erzielte er beim Testspiel gegen Kanada (4:1) in Wolfsburg sein erstes und einziges Länderspieltor für Deutschland. „Diese Zeit“, sagt er, „war der Höhepunkt.“ Am Mittwoch spielt die deutsche Nationalmannschaft nach 16 Jahren Pause wieder in Wolfsburg, Gegner ist Serbien. Rau wird das Spiel schauen – mit einem veränderten Blick aufs Business. Eine Fußballerlaufbahn in drei Akten.

Aufstieg

Reinhold Fanz erkannte in dem schnellen und technisch überdurchschnittlich veranlagten Außenverteidiger Potenzial. Im August 1999, Rau war gerade 17 Jahre alt, machte er in der Regionalliga gegen Göttingen sein erstes Spiel in der ersten Mannschaft Eintracht Braunschweigs. Rau biss sich fest, wurde Stammspieler und weckte das Interesse des Nachbarn. Zwei Jahre nach seinem Profidebüt trat Rau erstmals in der Bundesliga auf, der VfL Wolfsburg hatte ihn verpflichtet, Trainer Wolfgang Wolf war begeistert von Rau. „Es ging so schnell bergauf“, sagt er.

Und im Rückblick wird klar, wie schwer so ein Aufstieg für einen jungen Spieler sein kann. „Wenn es so rasant geht, kann die Persönlichkeitsentwicklung gar nicht hinterherkommen. Die kam erst später. In dem Geschäft gibt es leider wenige Leute, die so ehrlich sind, dass man als junger Spieler genau weiß, was um einen herum passiert. Ich habe mich sehr bemüht, alles zu relativieren und das reale Leben nicht aus den Augen zu verlieren.“ Klare Worte, die zeigen, dass Rau keiner ist, der die Zustände im Fußball einfach so hingenommen hat. Zu der Zeit um die Jahrtausendwende jedoch lebte er seinen Traum. Und noch war kein Ende in Sicht. Vier Jahre nach dem ersten Spiel für Braunschweig wagte er den großen Schritt zum FC Bayern, die 2,5 Millionen Euro Ablöse für ihn zahlten.

Die erste Saison im Süden lief gut für Rau. „Es hat nicht viel gefehlt, dass ich länger bei Bayern geblieben wäre“, sagt er. „Nach meinem ersten Jahr hatten Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge mich zum Gespräch gebeten und mir klargemacht, dass sie nach dem Abgang von Bixente Lizarazu keinen neuen linken Verteidiger verpflichten und mir vertrauen werden. Das hätten sie nicht gemacht, wenn ich in meiner ersten Saison schlecht gewesen wäre.“

Dann allerdings kamen die Verletzungen. Knieschmerzen hier, muskuläre Schwierigkeiten da. „Es haben viele Dinge nicht mehr gepasst. Und es ging bergab.“ Die Zeit bei den Bayern sei trotz der frühen Trennung nach zwei Jahren eine prägende gewesen. „Ich würde die Entscheidung wieder so treffen, weil die Erfahrung einmalig für eine Fußballerkarriere ist. Ich habe dort die Meisterschaft und den DFB-Pokal gewonnen, habe in der Champions League gespielt, dazu die Atmosphäre bei den Bayern – das war Wahnsinn. Gescheitert“, sagt Rau, „bin ich nicht.“ Wechseln musste er trotzdem. Er ging zu Arminia Bielefeld.

Abstieg

Statt in der Königsklasse an der Seite von Mehmet Scholl, Bastian Schweinsteiger oder Roy Makaay zu spielen, kämpfte Rau nun mit Nebojsa Krupnikovic, Detlev Dammeier und Heiko Westermann um den Klassenerhalt in der Bundesliga. „Das war eine intensive Zeit“, sagt Rau. Vier Jahre kickte er im Trikot der Ostwestfalen, ehe ihm im Alter von 27 Jahren folgende Frage in den Sinn kam: Was macht mich wirklich glücklich? „Nach wie vor sage ich ganz klar, dass Fußballer ein absoluter Traumberuf ist“, sagt Rau. „Aber meine Zeit war einfach gekommen. Ich war zehn Jahre Profi, das darf man nicht vergessen. Und der Glanz, der seit Beginn meiner Karriere immer da war, war plötzlich weg. Ich wollte zur Uni, studieren, Lehrer werden und ins reale Leben eintauchen. Auch die Entscheidung habe ich nie bereut.“ Rau beendete seine Karriere im Juni 2009, blieb aber in Bielefeld.

Ausstieg

Rau studierte nun wirklich Lehramt, Biologie und Sport sind seine Fächer. Er interessiert sich zwar weiterhin für Fußball, doch schnell baute er eine gewisse Distanz auf. „Auch wenn ich meine ehemaligen Mitspieler im TV gesehen habe, habe ich mir nie gewünscht, dass ich da jetzt gerne dabei gewesen wäre. Das ist eine Prinzipiensache. Ich weiß ganz genau, dass mich der weitere Verlauf nicht glücklich gemacht hätte. Es war keine Entscheidung gegen den Fußball, sondern für die Uni. Ich wusste, dass mich dieser Weg glücklicher macht.“ Glück ist das Stichwort. „Das Glück, das ich jetzt im Job und im Leben empfinde“, sagt er, „ist ein ehrliches, ein reales. Das Glück vorher war sehr künstlich. Es ist eine Scheinwelt, und die Glücksmomente, die man empfindet, wenn man ein Spiel gewinnt und das ganze Publikum jubelt, sind eben künstlich. Man weiß genau, dass man von denselben Leuten ausgepfiffen wird, wenn man ein paar Tage später schlecht spielt.“ Rau hat mit dem Fußball abgeschlossen. Eigentlich.

Denn im Vorjahr kehrte er zurück, er sitzt jetzt im Aufsichtsrat seines in der 3. Liga um den Klassenerhalt kämpfenden Ex-Klubs aus Braunschweig. „Diese Aufgabe ist eine totale Herzensangelegenheit. Ich habe eine beratende Funktion und stecke viel Herzblut rein, aber ich bin nicht im Tagesgeschäft und verdiene mein Geld damit. Ich möchte dem Verein helfen. So wie es im Moment läuft, ist es sehr erfüllend“, sagt Rau. Aber eine Rückkehr ins Tagesgeschäft schließt er derzeit kategorisch aus. Denn das ehrliche Glück gewinnt gegen das künstliche.