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Fußball-EM: "Momentan sehen wir 100 Prozent Löw"

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Kai Schiller, Sebastian Weßling
Joachim Löw steht auf dem Trainingsplatz und lacht. Er bestreitet sein letztes Turnier als Bundestrainer.

Joachim Löw steht auf dem Trainingsplatz und lacht. Er bestreitet sein letztes Turnier als Bundestrainer.

Foto: Getty.

Nach der EM enden für Joachim Löw 15 Jahre DFB: Er blieb sich in all der Zeit treu. Eine Zeitreise mit Löws Biografen Mathias Schneider.

Herzogenaurach. Die erste Begegnung mit Joachim Löw ist lange her. Im Mai 2006 hatte Stuttgarts legendärer Mittelfeldstaubsauger Zvonimir Soldo seinen Abschied gefeiert. Geladen waren Weggefährten beim VfB wie Fredi Bobic, Krassimir Balakow, Ex-Präsident Gerhard Meyer-Vorfelder, dazu Freunde, Familienangehörige, Journalisten. Auch Mathias Schneider, damals Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung und heute beim Stern, war zu dem geselligen Zusammensein im rustikalen Lokal Calwer Eck eingeladen.

Damals, direkt vor der Heim-Weltmeisterschaft, war Löw noch Co-Trainer von Jürgen Klinsmanns DFB-Auswahl. Wenige Monate später dann Nationaltrainer und somit offizieller Bundes-Jogi. Schneider, der in der holzgetäfelten Bierkneipe das erste von vielen Malen Löw traf, erinnert sich nicht mehr gut an diesen Abend. Aber dass der Jogi eine sehr coole Figur gemacht habe, das wisse er schon noch.

15 Jahre später steht Joachim Löw (61) noch immer sehr cool auf dem Rasenplatz im Adi-Dassler-Stadion von Herzogenaurach und lässt sich nicht anmerken, dass ihm rund 30 Journalisten und zwölf Kamera-Teams auf Tritt und Schritt verfolgen. Als er kurz einen Ball hochhält, klicken die Fotografen auf der Tribüne im Akkord. Es sind noch zwei Tage bis zum ersten EM-Spiel seiner Mannschaft gegen Frankreich, und jedes Medium Deutschlands versucht per Ferndiagnose diesen Löw ein weiteres Mal neu zu erklären.

Joachim Löw besticht durch Stringenz

„Um Löw wurde in den vergangenen 15 Jahren in den Medien immer wieder ein neues Narrativ gestrickt, man musste ihn in gewisser Hinsicht immer wieder einmal neu erfinden, weil er einfach so lange da war“, sagt Schneider, der 2018 das vielbeachtete Buch „Löw – die Biografie“ herausgebracht hat. Auf 334 Seiten befasst es sich mit den Anfängen in Schönau und dem Fast-Ende von Kasan. „Ich habe Löw über die ganzen Jahre ziemlich stringent erlebt“, sagt der Schwabe. „Er hat diese Stringenz auch aufrecht erhalten, wenn um ihn herum die Euphorie oder die Hysterie enorm zugenommen hat.“

Bis auf Uruguays Nationaltrainer Oscar Washington Tabárez, der 2006 sogar schon ein paar Monate vorher La Celeste (Die Himmelblauen) übernommen hatte, hält sich aktuell kein Fußball-Nationaltrainer auf diesem Planeten so lange wie Löw. Es gab so viele euphorische Momente wie nach dem Einzug ins EM-Finale 2008, die komplette WM 2010, die erneute Qualifikation für ein EM-Halbfinale 2012 und der alles überstrahlende WM-Erfolg 2014 in Brasilien. Und es gab auch unzählige hysterische Situationen wie nach dem EM-Halbfinal-Aus 2016, die WM-Blamage 2018 und jüngst das vernichtende 0:6 gegen Spanien. Mit der Ausnahme des Desasters von Sevilla ist Schneider bei all diesen Spielen dabei gewesen und hat sich vor allem von einer Beobachtung beeindrucken lassen. Im Kern, sagt er, sei sich der Jogi immer treu geblieben. „Er hat sich nicht fundamental verändert.“

Der übersichtliche Zirkel an Vertrauten, der über diese 15 Jahre eng mit Löw zusammengearbeitet hat, sagt Ähnliches. Teammanager Oliver Bierhoff, Psychologe Hans-Dieter Hermann, Mannschaftsarzt Tim Meyer oder Fitnesstrainer Shad Forsythe. Und natürlich auch Andreas Köpke. „Ich sehe Jogi wie bei jedem Turnier. Dieses fokussierte Arbeiten ist bei Jogi wie auf Knopfdruck da. Ich kann zu den anderen Turnieren keinen Unterschied feststellen“, sagt der Torwarttrainer, der aber eine große Hoffnung vor dieser Europameisterschaft hat: „Dadurch, dass er weiß, dass es sein letztes Turnier ist, genießt Jogi das alles vielleicht noch mehr.“

Das Paradoxe ist, dass Löw einerseits ein großer Genussmensch ist, der einem guten Glas Wein genauso wenig abgeneigt ist wie seinem geliebten Espresso. Andererseits hat ausgerechnet er in den vergangenen 15 Jahren verlernt, sich an den schönen Momenten zu erfreuen. So gab er unlängst in einem persönlichen Interview mit der Zeit zu, dass er sogar nach dem WM-Triumph 2014 „nicht weit weg von einer depressiven Verstimmung“ gewesen sei.

DFB-Trainer Joachim Löw, der Spielerfreund

In Herzogenaurach ist von der Tribüne des Adi-Dassler-Stadions aus von ähnlichen Gefühlsregungen nichts zu spüren. Löw scherzt mit den Fotografen, schwätzt mit den Kameramännern und -frauen. Am Sonntag gab es für Ilkay Gündogan neben einem kurzen Smalltalk einen Klaps auf den Rücken, bei Serge Gnabry legte er während eines kurzen Gesprächs den Arm auf die Schultern. Jogi Löw unterhielt sich mit Toni Kroos und plauderte mit Timo Werner.

Löw war immer ein Spielerfreund. Ein Trainer, der den Ehrgeiz der Elitefußballer nicht anstacheln, sondern moderieren musste. Seinem früheren Assistenten Frank Wormuth schenkte er vor mehr als 20 Jahren das Buch „Emotionale Intelligenz“ von Daniel Goleman. In der Widmung schrieb Löw: „Mache deine Spieler zu deinen Freunden, und sie werden es dir zurückgeben.“

Zurück zum Einmaleins des Fußballs

Etwas zurückgeben wollen die Spieler bei der EM gerne. Matthias Ginter erzählte vor Kurzem, wie ihn Löw zur Geburt seines Sohnes angerufen hatte, die kaum berücksichtigten Ersatztorhüter Bernd Leno und Kevin Trapp nannten ihn unisono „einen tollen Menschen“, der in Fußball-Deutschland wegen einer Schwalbe in Ungnade gefallene Timo Werner erinnerte sich daran, wie Löw ihm auf einer Pressekonferenz in Stuttgart zur Seite gesprungen war. „Er stand und wird immer hinter seinen Spielern stehen. Das schätze ich sehr an ihm.“

Und doch ist im Sommer 2021 eine Kleinigkeit anders als sonst. Statt über die großen Entwicklungen des Weltfußballs, über Vorbild Spanien oder chilenische Dominanz zu grübeln, hat Löw Gefallen daran gefunden, sich noch einmal auf das Einmaleins des Fußballs zu konzentrieren. Auf Standardsituationen, die richtige Positionierung beim Einwurf und vor allem auf die defensive Stabilität. Man könnte auch sagen: Alles bleibt anders. Denn laut Biograf Schneider, hat ausgerechnet der Fußball-Feingeist Löw „seine Mannschaften schon immer von der Defensive her gedacht“. 2010 habe er trotz des Spektakelfußballs eigentlich auf eine defensive Grundausrichtung gesetzt, 2014 sei Deutschland mit vier Innenverteidigern Weltmeister geworden. Und nach dem Übermut 2018 würde Löw im EM-Sommer 2021 nun wieder zurück zu den Wurzeln kehren: Fünferkette und zwei Sechser davor. „Von der Idee her wird das 2010er-Fußball sein“, sagt Schneider, dem aus der Ferne vor allem eines aufgefallen ist: „Momentan sehen wir 100 Prozent Löw. Er setzt auf die Prinzipien in seiner Arbeit, die ihn erfolgreich gemacht haben.“

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Ob es auch ein erfolgreiches Happy End dieser 15 Jahre langen Geschichte geben wird, entscheidet sich in den nächsten zwei, drei oder vier Wochen. Doch was wird danach aus dem Bundestrainer?

Zum Abschied ein Gläschen Wein

Irgendwann später wird es dann sicherlich einen ähnlichen Abschiedsabend wie 2006 von Soldo geben. Möglicherweise nicht in einem zünftigen Bierlokal, sondern eher in einer modernen Weinbar in Freiburg. Auch Mathias Schneider dürfte dann wieder dabei sein. „Es würde mich sehr überraschen, wenn Jogi nach der EM innerhalb von kurzer Zeit bei Markus Lanz sitzt, ins Sportstudio kommt, bei Sky 90 und dann noch im Doppelpass zu Gast ist“, sagt Schneider. „Das ist nicht sein Weg. Ich wäre sehr überrascht, wenn er nicht noch einmal auf einer Trainerbank im Ausland auftaucht. In ihm steckt noch immer sehr viel Fußball.“

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