US Open

Zverevs wundersame Auferstehung dank eines Psycho-Tricks

Selbstvergessener Sieger: Alexander Zverev nach seinem Halbfinale bei den US

Selbstvergessener Sieger: Alexander Zverev nach seinem Halbfinale bei den US

Foto: Matthew Stockman / AFP

Im Halbfinale der US Open ist Alexander Zverev zunächst nur ein Schatten seiner selbst. Dann folgt die Aufholjagd des Hamburgers.

New York. Es war nicht einfach nur ein Rückstand. Es war eine Demütigung, ein Desaster, eine sportliche Bankrotterklärung. 3:6 und 0:5 lag Alexander Zverev hinten im US Open-Halbfinale gegen den Spanier Pablo Carreno-Busta, er war nur ein Schatten seiner selbst, und auch das war noch eher eine Untertreibung. Wenig später verlor Zverev auch noch den zweiten Satz, Boris Becker, der alte Meister, sprach aus der Ferne, von einem „sehr bedenklichen Auftritt“ des Deutschen. Im Internet ergossen sich bereits weltweit Häme und Spott über dem strauchelnden Riesen.

Totgesagte leben länger

Wer sich die Nachtschicht Zverevs nach dem Eröffnungs-Fiasko schenkte, durfte sich am Samstag noch mehr die Augen reiben als jene, die das Match bis zum letzten, allerletzten Ballwechsel verfolgten. Denn den letzten, entscheidenden Punkt setzte der verschmähte, verlachte, abgeschriebene Zverev: Nach drei Stunden und 21 Minuten, es war 1.40 Uhr daheim in Deutschland geworden, machte der 23-Jährige das scheinbar Unmögliche doch noch perfekt und erstritt sich in New York mit dem 3:6, 2:6, 6:3, 6:4, 6:3-Erfolg die erste Grand-Slam-Finalteilnahme seiner bewegten Karriere.

Totgesagte leben länger: An diesem Sonntagabend (22 Uhr/Eurosport) trifft Zverev nun im ultimativen Showdown auf seinen alten Freund und Weggefährten Dominic Thiem (27), der den Russen Daniil Medwedew nach allen Regeln der Kunst mit 6:2, 7:6 und 7:6 abgefertigt hatte. „Ich kann es kaum erwarten, dass es losgeht“, sagte Zverev nach seiner wundersamen Wiederauferstehung im Big Apple. Nach einem Houdini-Entfesselungsakt ohne Glanz, der dafür aber moralisch umso wertvoller war. „Mentalitätsmonster“ nannte ihn später mit angedeuteter Verneigung der Oberaufseher des deutschen Tennis, Kanzler Becker.

Zverev erarbeitet sich Respekt

Eins ist sicher: Mit seinem Grand Slam-Auftritt, mit dem Finalvorstoß als erster Deutscher seit Michael Stich 1994 (Niederlage gegen Andre Agassi), hat sich Zverev bei den lieben Kollegen und deren Trainerstäben mehr Respekt als je zuvor erworben. Als Mann, der sich plötzlich ein ums andere Mal von tiefroten Zahlen erholte, der Zweifel, Frustrationen und Rumpeltennis wegsteckte – und doch noch die Ziellinie als Erster überquerte.

Zverev hatte schon immer das Talent und das Potenzial, überwältigendes Tennis zu spielen. Er ist ein Riesentalent, aber zu seiner Karrierebilanz gehörte eben auch, große Chancen liegen zu lassen. Spiele zu verlieren, die er gewinnen sollte oder musste.

Auch das Spiel gegen Carreno-Busta, den spanischen Underdog, hätte in diese Wertung einfließen können, als Versagen Zverevs im entscheidenden Moment. Aber genau wie zuvor gegen den Franzosen Mannarino und den Kroaten Coric drehte der Weltranglisten-Siebte die Partie noch um, mit einer historisch besonders wertvollen Sternchen-Wertung: Denn erstmals war sogar eine Aufholjagd des Zwei-Meter-Schlaks nach 0:2-Satzrückstand noch erfolgreich. „Ich habe mir einfach gesagt: So kannst du kein Halbfinale beenden hier“, sagte Zverev.

Dann tat er mit Beginn des dritten Aktes, nach einer kurzen Besinnungspause während eines Toilettengangs, etwas, das einfach klingt, aber nicht leicht ist. Er konzentrierte sich stets nur noch auf den nächsten Punkt, das nächste Spiel – und nicht auf das große, düstere Bild. Irgendwann sei er dann mit dieser Strategie der kleinen Schritte auch im fünften Satz angekommen, so Zverev, „und dann lief es auch relativ gut für mich.“

Zverev blieb auch unter Druck ruhig

Grand Slam-Tennis ist im besten Fall auch eine Bühne für die Ästheten. Aber wie Zeitzeuge Roger Federer einmal anmerkte: „Du gehst nicht raus, um schön zu gewinnen. Sondern um zu gewinnen. Egal wie.“

Zverev musste sogar mehr tun während dieser US Open, er musste nicht nur einfach siegen, er musste sich wieder und wieder in kritischen Lebenslagen aufrappeln, zu sich selbst finden in der gespenstischen Atmosphäre dieses Turniers der Stille. Er hätte oft genug der Versuchung nachgeben können, eine Partie dann doch laufen zu lassen, auch gegen Coric lag er schließlich 1:6 und 2:4 zurück.

Aber Zverev blieb stets ruhig, vielleicht auch in der Gewissheit, als inzwischen reiferer und erwachsenerer Spieler noch einen Lösungsweg in der Misere finden zu können. Seine Siege in New York, sie waren in gewisser Weise auch Siege über sein altes Ich, über die Schlampigkeit des Riesentalents, über die Sorglosigkeit des Hochbegabten. Zverev verlor auch nicht die Nerven, so wie früher durchaus regelmäßig, als es hitzig wurde gegen Carreno-Busta: Zweimal schoss ihm der Spanier sehr unschön und unnötig auf den Körper, aber der Hamburger nahm es letztlich cool hin. „Die Antwort hat ihm Sascha auf dem Platz gegeben“, sagte Beobachter Becker.

Auch Thiem weiß: „Es wird schwer“

Nach Corona ist in New York nun auch vor Corona. Denn im Finale trifft Zverev im ersten deutsch-österreichischen Endspielrendezvous überhaupt auf Thiem. Der hatte ihm im Januar in Australien den Sprung ins Titelmatch verbaut, für Zverev war es die vierte Niederlage auf Grand-Slam-Niveau gegen den wuchtigen Fighter. Zverev hätte das Duell gerne vermieden, kein Wunder bei der 2:7-Gesamtbilanz in den Begegnungen mit Thiem.

Aber nichts an diesen US Open war bisher ein Wunschkonzert für Zverev. Umso besser für ihn, dass er nach all den sportlichen Turbulenzen immer noch da ist, als unberechenbares Stehaufmännchen. Nun geht alles von vorne los. Was vorher war, ist unwichtig. Auch Thiem weiß das, für die früheren Siege gegen Zverev könne er „sich nichts kaufen“, sagt er, „es wird superschwer.“