US Open

Wutausbruch wird zum Desaster für Tennis-Star Novak Djokovic

Erschrocken über sich selbst: Novak Djokovic kümmert sich um die Linienrichterin, die er davor mit einem Ball am Hals getroffen hatte.

Erschrocken über sich selbst: Novak Djokovic kümmert sich um die Linienrichterin, die er davor mit einem Ball am Hals getroffen hatte.

Foto: Seth Wenig / dpa

Der Serbe hat bei den US Open für einen Eklat gesorgt und wurde disqualifiziert. Der Aussetzer passt zu seinen vergangenen Wochen.

New York. Wenn in der neuen Corona-Normalität die alte, sportliche Normalität geherrscht hätte, wären die US Open am kommenden Wochenende mit einem allzu vertrauten Schlussbild zu Ende gegangen: Novak Djokovic, der Nummer-1-Spieler, wäre zum Grand-Slam-König von New York gekürt worden, weiter ungeschlagen in einer makellosen Tennis-Saison, auf dem Weg, seine ewigen Rivalen Roger Federer und Rafael Nadal als Titelsammler zu überholen.

Doch als man Djokovic am ersten Turnier-Sonntag das letzte Mal erspähte, packte der 33-Jährige sein Gepäck in eine futuristische Tesla-Limousine und brauste auf Nimmerwiedersehen davon. Es war ein unwürdiger Abgang, ein beklagenswertes Davonschleichen des Topmannes, der eine Stunde zuvor im beinahe menschenleeren Arthur Ashe-Stadion die bitterste Niederlage seiner schillernden Karriere erlebt hatte – eine Niederlage durch Disqualifikation.

Ball trifft Linienrichterin am Kehlkopf

Dies war passiert: Genau um 16.03 Uhr Ortszeit, 22.03 Uhr in Deutschland, hatte der Serbe scheinbar harmlos aus der Hüfte einen Ball von der Grundlinie nach hinten weggeschlagen, aus Verärgerung über ein Break zum 5:6-Rückstand in der Achtelfinalpartie gegen den Spanier Pablo Carreno-Busta. Als die Bilder der TV-Weltregie plötzlich eine am Boden liegende Linienrichterin zeigten, dachte man zunächst an einen medizinischen Notfall. Die Frau keuchte und ächzte schwer, sie hatte Probleme, Luft zu bekommen. Djokovic eilte herbei, kümmerte sich um die Getroffene. Dann aber wurde eine Zeitlupe eingeblendet – und da wurde klar, dass alles mit allem zusammenhing.

Eklat bei den US Open! Novak Djokovic disqualifiziert

Djokovic hatte bei seinem kleinen Wutausbruch die Linienrichterin am Kehlkopf getroffen, und allen Beteiligten war klar, dass dieser Zwischenfall mit nichts anderem als dem regelkonformen Ausschluss des weltbesten Profis enden konnte. Es vergingen zwölf Minuten, bis die französische Schiedsrichterin Aurelie Tourte von ihrem Hochstuhl die Worte sprach: „Default Mister Djokovic.“ Die Disqualifikation.

Persönlicher Schaden für Djokovic

Es war nicht nur ein Reputationsschaden für den Sport, sondern vor allem ein persönlicher für Djokovic, dessen Kalamitäten sich in diesem verrückten Jahr 2020 nahtlos fortsetzten. „Ich fühle mich traurig und leer“, verkündete Djokovic mit ein paar Stunden Abstand zum Geschehen in einem Statement. „Es tut mir leid für die Linienrichterin. Es war so falsch. Es war so unbeabsichtigt.“ Nun wolle er „in sich gehen“ und es als Lektion nehmen, an seiner weiteren Entwicklung als Mensch und Spieler zu arbeiten. Zu dumm nur, dass Djokovic die reguläre Pressekonferenz platzen ließ und sich unerlaubt vom Arbeitsplatz entfernte, kritischen Fragen aus dem Weg gehend.

Djokovic kann egal sein, dass ihm das gesamte Preisgeld für dieses Turnier gestrichen wird, 250.000 Dollar. Und dass ihm noch eine saftige Strafe für sein Fehlverhalten droht, auch für das Schwänzen des offiziellen Interviewtermins. Was ihm nicht egal sein kann, ist die weitere Korrosion seines Images. Djokovic möchte gern der allseits beliebte Pokalgewinner und Interessenvertreter seiner Kollegen sein, er kämpft dafür an allen Fronten, mit manchmal verzweifeltem Einsatz. Aber 2020 ging in diesem „Wer ist der Beste, Erfolgreichste und Wichtigste“-Wettbewerb so ziemlich alles schief für den Serben.

Kein Vorbild in der Corona-Zeit

In der großen Corona-Krise war Djokovic allgegenwärtig, aber niemals wirklich zum Guten. Während seine alten Weggefährten Federer und Nadal fast wegtauchten in der Pandemie, zu Privatiers ohne Turnierauftritten wurden, geriet Djokovic zunächst als Impfgegner und Anhänger dubioser Esoteriker ins Gespräch, er vertrat sogar die Idee, man könne vergiftetes Wasser durch Gedankenkraft reinigen. Am meisten verscherzte er es sich in der Öffentlichkeit mit der sorglos, teils fahrlässig organisierten Adria-Tour. Hatte Djokovic das Virus weggezaubert? Es schien jedenfalls so, wenn man die Party-Bilder sah, das nächtliche, gemeinsame Tanzen von Spielern in Clubs. Djokovic selbst infizierte sich mit Corona, seine Frau auch, andere Spieler auch. Es war ein komplettes Desaster.

Und doch belehrte Djokovic bald schon wieder die US Open-Verantwortlichen, er forderte weniger Einschränkungen für die anreisenden Spieler. Die Einschränkungen blieben – Djokovic störte es aber nicht so sehr, schließlich mietete er sich ein privates Anwesen.

In den ersten drei Runden der US Open zog er einsam seine Kreise, dominant wie eh und je. Doch gegen den zähen Spanier Carreno-Busta zeigte sich früh, unter welchem äußeren und inneren Druck Djokovic stand. Bei 5:4-Führung vergab er drei Satzbälle, er pfefferte schon da unkontrolliert einen Ball an eine Werbebande.

Zverev hat nun die Chance

Djokovic ist weg, nun wird es einen neuen Grand-Slam-König geben. Auch Alexander Zverev ist noch in der Verlosung dabei, kurioserweise einer der freizügigen Gäste von Djokovics Adria-Tour.