Nationalmannschaft

Matthias Ginter: „Wir wollen gleich ein Zeichen setzen“

Möchengladbachs Profi Matthias Ginter bei einem Testspiel kurz vor der Abreise zur Nationalmannschaft.

Möchengladbachs Profi Matthias Ginter bei einem Testspiel kurz vor der Abreise zur Nationalmannschaft.

Foto: firo Sportphoto

Der Gladbacher über seine Rolle in der Fußball-Nationalmannschaft, den Drang, Verantwortung zu übernehmen, und das Ziel EM.

Stuttgart. Matthias Ginter ist zwar erst 26, aber doch schon so etwas wie ein alter Hase: Seit 2014 gehört der Innenverteidiger von Borussia Mönchengladbach zur Nationalmannschaft, saß zunächst aber meist draußen. Doch seit Bundestrainer Joachim Löw nach der verkorksten Weltmeisterschaft 2018 den Umbruch ausrief, ist Ginter eine feste Größe. Am Donnerstag gegen Spanien oder am Sonntag gegen die Schweiz (beide 20.45 Uhr/ZDF) winkt ihm das 30. Länderspiel. Ein Gespräch über die Rolle in der Nationalmannschaft, den Drang, Verantwortung zu übernehmen und das große Ziel Europameisterschaft – das wegen der strengen Corona-Regeln als Video-Telefonat stattfindet.

Herr Ginter, die Zahl der Gladbacher bei der Nationalmannschaft hat sich verdoppelt, Florian Neuhaus ist mit Ihnen nach Stuttgart gereist. Was trauen Sie ihm zu?

Er hat großes Potenzial, sonst wäre er nicht hier. Er hat eine starke Saison gespielt, gerade nach der Corona-Pause. Deshalb hat er die Berufung absolut verdient. Er hat seine Qualitäten, gerade mit dem Ball. Ich glaube, dass er seinen Weg beim DFB gehen kann.

War er nervös?

Schon ein bisschen. Er hat gefragt, was beim ersten Länderspiel passiert, ob er eine Ansprache halten oder ein Lied singen muss. Ich habe ihn ihn ein bisschen veräppelt und gesagt, dass so eine Ansprache schon mindestens fünf Minuten dauern muss. Da war er auf einmal sehr nervös. Aber ich finde es schön, dass jetzt ein zweiter Gladbacher dabei ist. Und dass er den einen oder anderen schon kennt, erleichtert ihm die Ankunft auch.

Ginter: "Ich freue mich jedes Mal, bei der Nationalmannschaft zu sein"

Ihnen steht in dieser Saison ein strammes Programm bevor. Haben Sie nie mit dem Gedanken gespielt, die anstehenden Länderspiele auszulassen?

Nein, das stand nicht zur Diskussion. Ich hatte zum ersten Mal seit ein paar Jahren gut und lange Urlaub, deshalb hatte ich auch eine gute Vorbereitung. Natürlich ist es etwas ungewohnt, aus der Vorbereitung zu kommen und gleich gegen zwei so starke Gegner zu spielen. Aber ich freue mich jedes Mal, bei der Nationalmannschaft zu sein. Ich bin sehr ehrgeizig und verzichte ungern auf Spiele.

Geht es auch darum, Ihren Platz zu verteidigen? Zuletzt haben sie immer gespielt, wenn Sie fit waren.

Ich finde, dass ich im vergangenen Jahr gerade auch als Persönlichkeit den nächsten Schritt nach vorne gemacht habe. Dabei hat es mir natürlich geholfen, dass ich in Marco Rose einen Trainer habe, der mir Verantwortung übertragen hat und mich zum dritten Kapitän gemacht hat. In dieser Aufgabe bin ich sehr aufgegangen, weil es mir wahnsinnig viel Spaß macht, Verantwortung zu übernehmen. Und wenn man im Verein diese Rolle hat, legt man ja nicht den Schalter um und in der Nationalmannschaft ist es anders. Im letzten Jahr hat alles super gepasst und daran will ich jetzt anknüpfen – auch wenn ich weiß, dass die Konkurrenz groß ist. Niklas Süle ist ja zum Glück nach seiner Verletzung dabei, auch Antonio Rüdiger war eine Zeit lang verletzt. Ich glaube, dass wir viel Potenzial hinten haben.

"Ich würde mich als polyvalenten Spieler bezeichnen"

Könnten Sie sich auch die Rolle des Rechtsverteidigers vorstellen?

Die habe ich ja schon öfter gespielt, auch in der Nationalmannschaft – zum Beispiel beim 0:0 gegen Frankreich in der Nations League. Und wir sind ja oft in einer Dreierkette aufgelaufen, in der ich halbrechts gespielt habe. Auch wenn ich jetzt im Verein eine feste Position habe, würde ich mich noch als polyvalenten Spieler bezeichnen, der auch rechts spielen kann oder bei Ballbesitz oft ins Mittelfeld mitgeht. Ich bin da sehr offen, auch wenn ich mich in der Hauptaufgabe als Innenverteidiger sehe.

Haben Sie sich denn letztes Jahr am Limit bewegt oder können Sie noch besser spielen?

Es gibt immer Potenziale, weil der Fußball so komplex ist. Es gibt nicht nur eine Sache, die man gut machen muss, wie man beispielsweise beim Weitsprung einfach nur weit springen muss. Beim Fußball gibt es Technik, Taktik, das Physische, das Mentale. Ich denke, ich kann vorm gegnerischen Tor gefährlicher werden. Ich habe zwei Tore gemacht und zwei Vorlagen gegeben…

"Ich versuche jeden Tag, mich in allen Bereichen zu verbessern"

Darunter immerhin das Tor des Jahres beim DFB per Hacke gegen Weißrussland.

Das war natürlich ganz okay. (lächelt) Aber wenn ein paar mehr Torbeteiligungen dabei wären, wäre es schon ganz gut. Ich versuche jeden Tag, mich in allen Bereichen zu verbessern.

Und was sind die Ziele mit der Mannschaft?

Wir wollen natürlich nicht so abschneiden wie zuletzt in der Nations League (Gruppenletzter, Anm. d. Red.). Wir wollen gleich in den ersten beiden Spielen ein Zeichen setzen und zeigen: Wir sind voll da, wir sind bereit, wir sind auf dem Weg zu alter Klasse. Natürlich braucht es noch ein bisschen Zeit, aber wir haben das Potenzial in der Mannschaft, es gut hinzubekommen. Seit anderthalb Jahren, seit Beginn der EM-Qualifikation, sieht man Fortschritte. Wir wollen jetzt die Nations League und auch das eine oder andere Freundschaftsspiel nutzen, um uns bestmöglich auf die EM vorzubereiten und dort dann auch besser abschneiden als beim letzten Turnier.

Ist es ein primäres Ziel, da dann auch endlich mal einen Startelf-Einsatz bei einem Turnier zu haben?

Ich habe ja schon ein paar. Bei Olympia habe ich viel gespielt, beim Confed Cup auch. Klar wären Startelfeinsätze schön, aber es ist nicht mein primäres Ziel. Wenn mir jemand versprechen könnte, dass wir Europameister werden, und ich nicht so viel oder gar nicht spiele, wäre das nicht so dramatisch. Denn ich sehe mich in erster Linie als Mannschaftsspieler. Aber natürlich will ich mich bestmöglich vorbereiten und dann eine ernsthafte Option für die Startelf sein.

Wie ist denn die Rückmeldung des Bundestrainers?

Hier in Stuttgart haben wir noch nicht gesprochen, dazu war noch keine Zeit. Aber rund ums letzte Spiel im November hat er mir sehr positives Feedback gegeben, gerade was die Entwicklung der letzten Monate und Jahre angeht. Er sieht sehr viele gute Dinge, gerade mit dem Ball. Im Spielaufbau oder bei Vorstößen mit dem Ball, wenn wir gegen tiefstehende Gegner spielen. Damit ist er zufrieden. Und das entfacht bei mir natürlich den Ehrgeiz, das beizubehalten und in anderen Bereichen noch besser zu werden.

Und ein Führungsspieler werden?

Klar, das stellt man ja bei der Nationalmannschaft nicht aus, wenn man es im Verein ist. Wir haben viele Spieler, die in ihren Vereinen Kapitän sind oder viel Verantwortung tragen. Dazu würde ich mich auch zählen, weil ich jetzt schon mit am längsten dabei bin. Ich will helfen, neue Spieler gut aufzunehmen und ich will auf dem Platz vorangehen, gerade in engen Situationen. Darauf freue ich mich.