Handball-EM

Deutsche Handballer: Dran an der Weltspitze, nicht drin

Setzt zum Wurf an: Deutschlands Julius Kühn.

Setzt zum Wurf an: Deutschlands Julius Kühn.

Foto: dpa

DHB-Auswahl beendet die EM als Fünfter. Im April geht es in die Olympiaqualifikation. Wieder steht der Bundestrainer unter Druck.

Stockholm. Als alles vorbei war, richteten sich die Blicke direkt nach vorne. Die der Spieler auf die kommenden Bundesligaspiele. Die des Bundestrainers auf die Olympiaqualifikation im April. Die deutschen Handballer hatten die EM just beendet, 29:27 hatten sie am Samstag gegen Portugal gewonnen und sich damit den fünften Platz in Stockholm gesichert. Es war ein versöhnlicher Abschluss gegen das Überraschungsteam des Turniers. Noch einmal waren sie danach zusammengekommen, hatten einen Kreis gebildet und sich vom Publikum verabschiedet. Danach kreisten die Biere, es gab Pizza und Pasta bei der Teamfeier, am Sonntagmorgen ging es nach Hause. Die EM war vorbei.

Und doch wird sie Bundestrainer Christian Prokop noch lange beschäftigen. Auch bei seinem Blick nach vorne, denn die nächsten Prüfungen stehen schon bevor. Nach dem Testspiel gegen die Niederlande am 13. März steht schon das Olympia-Qualifikationsturnier in Berlin an. „Da müssen wir bereit sein für K.o.-Spiele. Da geht es nicht um Platz fünf. Da geht es nur um hopp oder top“, sagte Prokop. Gegner vom 17. bis 19. April sind Schweden, Slowenien sowie ein afrikanisches Team. Die besten zwei Mannschaften fliegen im Juli nach Tokio. Die deutschen Handballer erwartet alles andere als Laufkundschaft. Slowenien stand im Spiel um Platz drei gegen Norwegen (20:28), die traditionell starken Schweden werden nach dem überraschenden Hauptrunden-Aus hochmotiviert sein.

Prokop steht weiter auf dem Prüfstand

Auch für den Bundestrainer wird das Turnier eine weitere Bewährungsprobe sein. „Wir werden mit Christian in Richtung Olympia gehen“, hatte Axel Kromer, Sportvorstand des Deutschen Handballbunds (DHB), gesagt. Eine Aussage, die die zwischenzeitlich schwelende Trainerdiskussion stoppen sollte, allerdings bei einer Vertragslaufzeit Prokops bis 2022 dann doch wieder eine Hintertür offen ließ – Olympia ist in diesen Sommer. Es ist also abzusehen: Sollte die Qualifikation nicht gelingen, wird auch Prokop wieder wackeln. Denn unter dem 41-Jährigen endete auch das dritte Turnier ohne Medaille. Anders soll es nun bei Olympia werden, von der Gold- wurde die Forderung aber schon auf „eine“ Medaille heruntergeschraubt.

Dennoch: Beim Blick nach vorne wird Prokop nicht umher kommen, auch analytisch nach hinten zu schauen. Denn trotz des versöhnlichen Endes wird diese EM nicht als Glanzlicht in die deutsche Sportgeschichte eingehen. Dafür waren die Auftritte zu wechselhaft, waren die Vorzeichen zu schlecht und ließ die zwischenzeitliche Trainerdiskussion, angefacht durch eine zweideutige Aussage von DHB-Vizepräsident Bob Hanning, doch zu offensichtlich auf die Verunsicherung in Reihen des Verbands schließen. Ohnehin gibt es die klare Erkenntnis: Das deutsche Team war zwar nah dran an der Weltspitze – dazu gehört es allerdings nicht.

Nur wenige Gewinner im Team

Aus den Eindrücken aus dem Spiel um Platz fünf gegen Portugal ließ sich die gesamte EM aus deutscher Sicht gut zusammenfassen: Es gab den Jubel der Mitspieler bei den Toren von Rechtsaußen Timo Kastening, der wohl größten Entdeckung dieses Turniers. Es gab starke Paraden von Torwart Andreas Wolff, der immer wieder zwischen Weltklasse und Totalausfall wechselte. Es gab die vielen technischen Fehler im Angriff, die unnötigen Ballverluste und Fehlwürfe, die den Rückraum als die befürchtete Schwäche des deutschen Teams auszeichneten. Denn in Fabian Wiede, Martin Strobel und Steffen Weinhold fehlten drei Leistungsträger der letztjährigen WM. Es gab gute Leistungen in der Abwehr von Johannes Golla und Marian Michalczik, die für die verletzten Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek übernehmen mussten. Pekeler wurde am Ende zum besten Abwehrspieler des Turniers gewählt. Und es gab die starken Phasen, mit denen auf erfolgreiche Angriffe der Portugiesen reagiert wurde. Also in etwa so, wie das deutsche Team nach schwacher Vorrunde ein anderes Gesicht in der Hauptrunde gezeigt hatte.

„Es gibt individuelle Defizite. Da müssen Verbesserungen her, damit wir in Stresssituationen besser gewappnet sind“, sagte Prokop vor der Abreise. Nur Philipp Weber genügte im Rückraum höheren Ansprüchen und gehörte neben Torwart-Oldie Johannes Bitter und Rechtsaußen Kastening zu den wenigen Gewinnern im Team. Im April zur Olympiaqualifikation sollte aber der eine oder andere verletzte Leistungsträger zurückkehren. Das lässt ihn ein stückweit optimistischer werden, den Blick nach vorne.