Tennis

Wilander: "Ich habe keine Erwartungen an Alexander Zverev"

Mats Wiland blickt auf die Australian Open, die am Montag beginnen. Von Deutschlands Nummer eins im Tennis, dem Hamburger Alexander Zverev, erwartet der frühere Weltranglisten-Erste nichts in Melbourne.

Mats Wiland blickt auf die Australian Open, die am Montag beginnen. Von Deutschlands Nummer eins im Tennis, dem Hamburger Alexander Zverev, erwartet der frühere Weltranglisten-Erste nichts in Melbourne.

Foto: DPA

Am Montag beginnen in Melbourne die Australien Open. Tennis-Legender Mats Wilander beleuchtet die Chancen der Stars und der Deutschen.

Melbourne. Es waren verstörende Bilder, die da aus Australien gesendet wurden: Ganze Landstriche, die dem Feuer zum Opfer fielen, Tiere, die in den Flammen starben, Städte, die im Rauch der Buschbrände untergingen. Auch den Sport hat die verheerende Naturkatastrophe in „down under“ erreicht. Bei den Turnieren in Adelaide zum Beispiel mussten Tennisspielerinnen ihre Partien abbrechen, weil sie unter Atembeschwerden litten.

Am Montag beginnen in Melbourne die Australian Open, die Umweltschutzbehörde Epa hat Richtwerte für den Feinstaubgehalt in der Luft festgelegt, ab denen nicht mehr gespielt werden darf. Die Aussichten für die nächsten Tage sind aber so, dass erst einmal keine großen Beeinträchtigungen zu befürchten sind.

Was beim ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres zu erwarten ist und welche Rolle die deutschen Top-Spieler Alexander Zverev sowie Angelique Kerber spielen können, erklärt Mats Wilander. Der 55-Jährige, 1983, 1984 und 1988 Sieger bei den Australian Open und Ende der 80er-Jahre die Nummer eins der Welt, arbeitet heute als Experte für den TV-Sender Eurosport, der aus Melbourne überträgt.

Herr Wilander, geht die Dominanz der großen Drei, bestehend aus Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic, in Melbourne weiter?

Mats Wilander: Die ATP-Finals in London haben gezeigt, dass die drei vielleicht nicht mehr die besten Athleten sind und es gibt mittlerweile auch Spieler, die die Bälle härter treffen, aber die drei sind eben immer noch die besten was ihre Beständigkeit auf den verschiedenen Belegen betrifft. Egal ob auf Gras, Sand oder auf dem Hartplatz, egal ob Hitze, Wind, oder Kälte … sie werden immer einen Weg finden, der erfolgreicher ist, als der der anderen. Dazu kommt in Melbourne, dass es über drei Gewinnsätze geht. Im Höchstfall geht es also über fünf Sätze. Auch das kommt diesen Spielern entgegen. Bei Grand Slam Turnieren ist niemand derzeit stärker.

Wer ist der Favorit auf den Titel?

Mats Wilander: Djokovic ist der große Favorit. Danach kommt Nadal. Er hat überragend im Davis Cup gespielt und zuletzt auch beim neuen ATP-Cup abgeliefert. Rafa hat sich keine echte Pause gegönnt nach dem Ende der Saison. Das könnte, so komisch das klingt, sein Vorteil sein. Er musste seinen Rhythmus nicht wieder finden. Federer ist ein bisschen dahinter. Er steht für mich auf einer Stufe mit Tsitsipas und Medvedev.

Was halten Sie von den „Next Gen“-Spielern? Gibt es da kurzfristig einen Spieler, der das Zeug für ganz oben hat?

Mats Wilander: Tsitsipas! Er hat nicht nur die richtige Einstellung und Härte, er holt auch das meiste aus seinen Fähigkeiten heraus. Hinzu kommt, dass er in der Lage ist, sein Spiel auch mal zu verändern, wenn es nötig ist. Das hebt ihn von den anderen jungen Spielern ab. Aber: Ist seine Rückhand gut genug, um ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen, wenn Djokovic und Nadal auch mitspielen? Höchstwahrscheinlich nicht.

Wie schätzen Sie die Chancen von Alexander Zverev ein?

Mats Wilander: Der Belag, auf dem hier gespielt wird, ist für ihn Gift. Ich habe überhaupt keine Erwartungen an ihn. Niemand sollte die haben. Er kann hier eigentlich nicht viel Matches gewinnen, schon gar nicht das Turnier. Und das wissen auch alle - bis auf die deutschen Tennis-Fans (lacht). Also, Druck gibt es schon mal nicht. Vielleicht ist das sogar ein Vorteil für ihn.

Dominik Koepfer hat bei den US Open 2019 überrascht und stieß bis ins Achtelfinale vor. Kann er das wiederholen, was er in New York gezeigt hat?

Mats Wilander: Da bin ich skeptisch. Er hat gut gespielt bei den US Open und auch ein paar lange Matches gewonnen, was einem bei den großen Turnieren enormes Selbstvertrauen verleiht. Aber er ist doch noch weit davon entfernt, außergewöhnliche Dinge zu erreichen. Wichtig ist ja auch immer der, ich nenn ihn mal, Einschüchterungsfaktor. Die anderen Spieler müssen Angst vor Dir haben. Das ist bei Koepfer noch nicht der Fall. Kann aber noch kommen. Er muss Konstanz aufbauen und Matches bestreiten.

Angelique Kerber hat ein schreckliches Jahr hinter sich. Haben Sie eine Erklärung für ihren Leistungsabfall?

Mats Wilander: Ich glaube, das sie mental nicht bereit war, die Dinge anzugehen, die schief gelaufen sind - und diese dann auch zu lösen. Ich bin nicht sicher, ob es für sie einen Weg zurück geben wird. Die Spielweise der besten Damen auf der Tour läuft gerade an ihr vorbei. Sie wird da überholt. Trotzdem würde ich sie nicht ganz abschreiben. Man weiß nie genau, wann sie ihre Motivation wiederfindet. Sie ist eine Kämpferin.

Kerber hat mal wieder ihren Trainer gewechselt. Dieter Kindlmann hat schon mit Maria Sharapova und Madison Keys gearbeitet. Was bewirkt ein Trainerwechsel im Tennis überhaupt?

Mats Wilander: Trainerwechsel sind immer ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Wie im Fußball. Tennisspieler suchen ganz bewusst Veränderungen, wenn ihnen etwas fehlt. Diese Veränderungen können sonst woher kommen. Viele ändern ihre familiäre Begleitung auf den Turnieren. Das hilft manchmal. Andere wechseln den Coach, in der Hoffnung, dass der an einer kleinen Schraube dreht, die sie wieder besser macht. Ballwurf, Ausholbewegung, Schrittfolge .. die Sachen klingen wirklich klein, machen tatsächlich aber viel aus.

Serena Williams läuft schon länger ihrem 24. Grand Slam Titel hinterher. Sie hat die letzten vier Endspiele bei den großen Turnieren verloren. Ist ihre Zeit vorbei?

Mats Wilander: Das glaube ich nicht. Sie hat gerade hier in Melbourne die besten Chancen, das Turnier zu gewinnen. Die Plätze sind extrem schnell, dazu sind die Temperaturen normalerweise sehr hoch. Diese Mischung sorgt dafür, dass die Bälle schneller als sonst fliegen. Das sind perfekte Bedingungen für Serena. Und es kommt noch ein weiterer Grund hinzu. Australien ist für viele Profis immer noch etwas Besonderes. Die neue Saison geht los. Der Geist ist frisch. Du kannst alles hinter Dir lassen, was im vergangenen Jahr schlecht lief. Ich spreche aus eigener Erfahrung … die Australian Open sind perfekt, um den Neustart-Knopf zu drücken. Die French Open wird sie nicht mehr gewinnen, Wimbledon vermutlich auch nicht. Dort steht sie wie keine andere Person im Mittelpunkt. In Melbourne ist auch das anders. Die Leute sind hier nicht fixiert auf einzelne Spieler. Das hilft ihr auch. Für mich ist sie die Favoritin auf den Titel.

Sie haben zusammen mit Spielern wie John McEnroe und Boris Becker eine Ära geprägt. Es gibt Leute die sagen, dass Tennis damals größer war. Fehlen dem Sport, nach Federer und Co., Persönlichkeiten und vielleicht auch etwas Entertainment?

Mats Wilander: Nein, das kommt jetzt gerade alles wieder. Tsitsipas, Kyrgios oder auch Shapovalov sind Spieler mit großen Egos. Sie sind mit Federer, Nadal und Djokovic aufgewachsen und groß geworden. Sie haben sich vielleicht auch unbewusst viel abgeschaut. Das sind großartige Vorbilder. Gerade was die mentale Einstellung betrifft. Alle müsse noch lernen und an sich arbeiten, aber die Jungs bieten viel Unterhaltung. Früher war nicht alles besser.

Der Altersdurchschnitt der Tennis-Zuschauer bei Turnieren liegt bei um die 50 Jahren. Wie kann Tennis auch für junge Leute wieder attraktiv werden?

Mats Wilander: Die Antwort schließt sich an Ihre vorherige Frage an: Ich glaube, dass das hauptsächlich über die Persönlichkeiten geht. Schauen Sie, Federer ist immer noch ein Sportler, das schon. Aber er ist eben auch ein Weltstar. Er hat viele junge Leute inspiriert, sich für Tennis zu interessieren. Und jetzt kommen eben langsam neue Leute nach oben, die wiederum junge Menschen ansprechen. Wir müssen gar nicht so viel ändern im Tennis. Wir brauchen auch keine neuen Regeln oder Technologien. Das läuft schon alles.