Berlin. Das Tief des FC Bayern belastet die Nationalelf vor zwei Spielen in der Nations League. Am Dienstag trifft sich das Team in Berlin.

Das Berliner Hotel „Das Stue“, in dem die deutsche Nationalmannschaft ab Dienstag nächtigen wird, hat unschlagbare Standortvorteile. Es liegt im Tiergarten unweit des idyllischen „Cafés am Neuen See“. Es ist umgeben von Grün. Und vom Oktoberfest, dessen Hauptstadt-Version nebenan des Tegeler Flughafens eine Woche länger gefeiert wird als das Original, ist weit und breit nichts zu sehen. Die sieben Bayern-Spieler im Aufgebot von Bundestrainer Joachim Löw können sich hier so unbayrisch fühlen wie möglich. Mats Hummels, Manuel Neuer und ihre fünf Münchner Leidensgenossen dürfen nach vier sieglosen Spielen, zuletzt einem 0:3 gegen Gladbach am Sonnabend plus einem freudlosen Besuch auf der Wiesn am Sonntag, einfach nur deutsche Nationalspieler sein. Aber das ist schon schwierig genug.

Der deutsche Fußball steht vor einer wichtigen Woche

Der deutsche Fußball steht vor einer emotional wie sportlich wichtigen Woche – hat aber mit unschönen Begleitumständen zu kämpfen, an denen die Münchner nicht unschuldig sind. In Berlin bereitet sich Löws Elf bis Freitag auf die beiden Spiele in der Nations League gegen die Niederlande am Sonnabend in Amsterdam (20.45 Uhr/ZDF) und gegen Weltmeister Frankreich am Dienstag (16. Oktober) in Paris vor. In der Hauptstadt sollen auch die Fans umgarnt werden. Erstmals seit September 2014 (!) veranstaltet die Nationalelf in Deutschland ein öffentliches Training. Für die Einheit am Dienstag um 17.30 Uhr im Amateurstadion von Hertha BSC wurden 5000 Karten verschenkt. Alle sind vergriffen. Der DFB überträgt sogar live auf dfb.de. Bei der WM in Russland verloren gegangene Sympathien sollen zurückerobert und das Gefühl vertrieben werden, die Nationalelf sei der Anhängerschaft entrückt.

Auch interessant

Nun hilft ein solcher Kuschelkurs nur, wenn auch die sportlichen Ergebnisse erfreulicher werden. Nach einem achtbaren 0:0 gegen Frankreich und einem glücklichen 2:1 gegen Peru im September hatte Löw den Eindruck, einen kleinen Neuanfang nach dem WM-Debakel geschafft zu haben. Doch spätestens seit dem vergangenen Wochenende fühlt sich der 58-Jährige wieder wie im Sommer von Watutinki. Denn eines der Hauptprobleme in Russland war ja, dass die Bayern-Spieler im WM-Kader nach einem unschönen Saisonfinale mit dem Ausscheiden im Halbfinale der Champions League und dem Verlieren des DFB-Pokal-Endspiels in Tiefs steckten, aus denen sie während des Turniers nie mehr herausfanden.

Deshalb ist man intern nun durchaus alarmiert, dass sich die Geschichte mit der erneuten Bayern-Tristesse wiederholt. Denn Löw hat sich aus Ermangelung an Alternativen und Mut zu anderen Personalentscheidungen in eine üppig Abhängigkeit vom FC Bayern begeben. Ein Drittel seines Kaders wird von Münchnern gestellt – sieben von 21 Spielern. Sechs von ihnen könnten gegen die Niederlande in der Startelf stehen. Neben Hummels und Neuer sind noch Leon Goretzka, Thomas Müller, Jerome Boateng, Joshua Kimmich und Niklas Süle dabei. Zuletzt war keiner von ihnen in guter Form.

Thomas Müller: "Es waren schwierige zehn, 14 Tage"

Und weil die Abhängigkeit nicht schon groß genug war, verletzten sich mit dem derzeit famosen Dortmunder Marco Reus (Knieprobleme) und Ilkay Gündogan von Manchester City (Oberschenkel) auch noch zwei Alternativen. Dazu gesellten sich am Montag die Absagen vom Leverkusener Kai Havertz (Knie) und dem Chelsea-Verteidiger Antonio Rüdiger (Leistenprobleme). Löw nominierte nur den Turiner Mittelfeld-Athleten Emre Can nach und steht jetzt mit einem bis auf 21 Spieler geschrumpften Kader da, der geprägt ist von einem Bayern-Problem. „Es waren schwierige zehn, 14 Tage“, gab Thomas Müller am Montag zu und war noch einmal ganz und gar bayerisch: „Aus Vereinssicht kommt die Länderspielpause vielleicht zur rechten Zeit, um durchschnaufen zu können, weil der Druck von außen natürlich spürbar ist.“

Aus Nationalelfsicht allerdings kommt die Münchner Verunsicherung zur denkbar schlechtesten Zeit. Denn Deutschland muss gegen die Niederlande eigentlich schon gewinnen, um gute Chancen auf das Finalturnier im Juni 2019 zu haben. In der Dreiergruppe A1 kommt nur der Erstplatzierte weiter. Der Letzte hingegen steigt in die Liga B ab. Das aber wäre eine neuerliche Schmach für den entthronten Weltmeister, die vielleicht nicht einmal Löw im Amt überstehen würde. Der sprach deshalb auch von „viel Prestige“, das in den Partien gegen den Erzrivalen „Oranje“ und Frankreich auf dem Spiel stehe. Die Begegnungen seien zudem „richtungsweisend für das Abschneiden in unserer Nations-League-Gruppe“. Deutschland liegt mit einem Punkt derzeit auf Platz zwei hinter Frankreich (vier), das 2:1 gegen die Niederlande gewann.

Auch interessant

„Wir wollen die Leute wieder begeistern und werden alles in die Waagschale werfen“, sagte Müller. Doch es ist zu befürchten, dass sich am Sonnabend etwas wiederholt, was dieser vor einer Woche schon mit den Kollegen vom FC Bayern erlebt hat: Beim 1:1 gegen Ajax Amsterdam in der Champions League wurde der deutsche Rekordmeister von einer jungen niederländischen Elf, die viele nicht auf der Höhe vergangener Tage wähnten, vor große Probleme gestellt.

Auch deshalb sehen sie intern bei der Nationalelf den Klassiker gegen die Niederlande, die zuletzt zwei Turniere in Folge verpasst hatte, als komplizierteres Spiel an als das gegen den Weltmeister Frankreich. Denn mit einem Bayern-Problem im Gepäck können dort Sympathien und sportliche Perspektiven verspielt werden.