Doping

Christian Schenk: Zwischen Doping und Depression

Christian Schenk

Christian Schenk

Foto: dpa

Das späte Geständnis des Zehnkampf-Olympiasiegers Christian Schenk: „Ich hielt mich für Anis Amri, den Attentäter vom Breitscheidplatz“

Berlin.  Der Spitzensport rühmt sich oft seiner Vorbildwirkung, doch dieser Tage möchte sicher kaum noch jemand Boris Becker oder Jan Ullrich nacheifern. Glücklich wurden die einst gefeierten Stars nach dem Ende der Karriere nicht, im Gegenteil: Sie gerieten in finanzielle Schieflage oder gar in den Drogenentzug. Und als gäbe es nicht schon genug gefallene Helden zu bedauern, liefert nun auch Christian Schenk, als Zehnkampf-Olympiasieger von 1988 ja angeblich König der Athleten, Nachrichten mit abschreckender Wirkung.

Christian Schenk: Gedanken an Selbstmord

Genau 30 Jahre nach dem Goldtriumph von Seoul schreibt der 53-Jährige in seiner Autobiografie „Riss – mein Leben zwischen Hymne und Hölle“ (Verlag Droemer) über die Dopinglügen seines Lebens und – ebenso schockierend wie verkaufsfördernd – Depressionen und Verfolgungswahn.

„Die Depressionen waren so tief gewesen, dass ich sogar daran gedacht habe, meinem Leben ein Ende zu setzen“, sagte Schenk, der 2017 von Berlin ins Haus seiner Eltern auf der Insel Rügen zog, in der Frankfurt Allgemeinen Zeitung. Silvester 2016 sei es besonders schlimm gewesen. „Ich hielt mich für Anis Amri, den Attentäter vom Breitscheidplatz. Das war für mich der Horror. Ich habe mich vollständig mit ihm identifiziert.“ Er habe damals geglaubt, er selbst habe den Lastwagen in den Weihnachtsmarkt gesteuert und viele Menschen getötet.

Depression als Folge des Steroid-Dopings?

Der Zeitung gegenüber betont Schenk, dass sich in seinem Fall nicht zweifelsfrei beweisen lasse, ob die Depression eine Folge des zu DDR-Zeiten verabreichten Steroid-Dopings ist. Ines Geipel von der Doping-Opfer-Hilfe habe ihm dazu aber durchaus Zusammenhänge darstellen können. „Dadurch, dass die Zahl der Betroffenen so groß ist, kann ich von Zweifeln nicht mehr sprechen“, sagte Schenk. Die späte Erkenntnis, dass ihn der manipulierte Erfolg sogar Lebensjahre kosten könnte, habe ihm erneut psychisch zugesetzt.

Erstmals einen Psychotherapeuten brauchte Schenk allerdings schon nach der WM 1993, der ihm nach längerer Trainingspause und einem Bandscheibenvorfall eine Entlastungsdepression diagnostizierte. Schenk beendete damals seine Karriere: „Ich kam gut wieder heraus, weil ich wieder mit Sport begann, einfach mit Laufen. Das war irritierend, denn ich has­ste den Sport, den ich für meine Situation verantwortlich machte.“

Trotz allen Hasses arbeitete Schenk fortan aber stets weiter in unmittelbarer Nähe zum Sport, meist in der Vermarktung. Dass hierbei Misserfolge seine Psyche noch viel mehr angreifen sollten, ist ein Schicksal von spezieller Ironie. So verkalkulierte er sich wirtschaftlich mit seiner Agentur bei Events rund um die Leichtathletik-WM 2009 in Berlin. „Dem folgte der physische und psychische Zusammenbruch. Die spätere Depression hat wohl auch die Scheidung von meiner Frau ausgelöst“, erzählte Schenk nun.

Leichtathlet beklagt fehlende Unterstützung

Nirgends war er lange im Rennen, auch die Stiftung Deutsche Sporthilfe-Stiftung, für die er das Elite-Forum entwickelte, entzog ihm das Mandat. Zuletzt arbeitete Schenk fürs Stadtmarketing in Bergen auf Rügen, doch die befristete Stelle wurde im Frühjahr aus formalen Gründen nicht verlängert. Obwohl Schenk aus seiner prekären Lage kein Geheimnis machte, kamen aus dem Sport angeblich nie Unterstützungsangebote. Auch ein Hilferuf seines Sohnes Arvid soll nur zu einem einzigen, folgenlosen Rückruf vom Deutschen Leichtathletik-Verband geführt haben.

Nun darf sich Schenk auf Erlöse seines Buches freuen. Ist er doch noch immer einer der ersten Ost-Stars, dem ein Dopinggeständnis gelingt – und das macht ihn fast schon wieder zum Vorbild. Auch wenn selbst Ines Geipel sagt: „Eine Überraschung ist das bei 15 000 staatsgedopten DDR-Athleten allerdings nicht.“