Tour de France

Zuschauer schubsen Froome fast vom Rad – Thomas ist sauer

Thomas fährt vor Froome. Dicht an der Seite: die Zuschauer.

Thomas fährt vor Froome. Dicht an der Seite: die Zuschauer.

Foto: Reuters

Hexenkessel Alpe d'Huez: Vorjahressieger Froome wird von einem Zuschauer bedrängt, Etappensieger Thomas ausgebuht.

Alpe d'Huez. Romain Bardet kämpfte sich den Berg hoch, durch Nebelschwaden, vorbei an Wohnmobilen, Grillpartys und den zehntausenden frenetischen Fans in den 21 Kehren nach Alpe d’Huez. Der Franzose schüttelte die verrückten Fans ab, die mit Fahnen neben ihm herrannten, er schüttelte die Verkleideten ab und die fast Nackten. Aber einen konnte der 27-jährige Radprofi vom Team AG2R nicht loswerden: Geraint Thomas. Der Sky-Profi holte erst Bardet ein, stach dann im Sprint Sunweb-Fahrer Tom Dumoulin aus und verteidigte das Gelbe Trikot.

Auch deutsche Fans hatten sich Tage vorher einen Platz gesichert. Am Donnerstag flatterten zwischen holländischer, französischer und belgischer Dominanz etliche schwarz-rot-goldene Fahnen im warmen Wind, bereit, die deutschen Fahrer auf dem brutalen 13,8 Kilometer langen Aufstieg nach oben zu treiben. Sogar der Fanklub „EFC Bieber“ hatte sich ins Massiv geschlagen. Aber André Greipel, Marcel Sieberg und Rick Zabel sollten das Transparent der Eintracht-Frankfurt-Fans nicht zu Gesicht bekommen.

Nicht nur Greipel streicht die Segel

Lange vor dem legendären Anstieg mussten Greipel und der gebürtige Castrop-Rauxeler Sieberg die Segel streichen. Auf der 29 Kilometer langen Rampe zum Col de la Croix de Fer gaben die Lotto-Soudal-Profis ebenso auf wie Rick Zabel. Für den Katusha-Teamkollegen von Marcel Kittel, der schon am Vortag ausgeschieden war, waren die knüppelharten Alpen zu viel. Schämen muss sich das Trio nicht: Auch die je zweimaligen Etappensieger Fernando Gaviria (Quick-Step) und Dylan Groenwegen (Lotto-NL-Jumbo) stiegen in den Besenwagen ein. „Es tut mir leid für die Sprinter“, sagte Peter Sagan von Bora-hansgrohe. „Aber es war auch für mich hart.“ Greipel fuhr sofort ins Teamhotel zurück. Sein Tank sei leer, ließ Lotto-Soudal-Sprecher Arne Houtekie wissen. „Es ist völlig klar, dass diese drei Alpenetappen zu extrem waren. Der Veranstalter muss sich da etwas überlegen.“

Nach dem Aus von Tony Martin (Wirbelbruch) auf der achten Etappe nach Amiens sind von elf deutschen Profis nur noch sechs im Feld: der Kölner Nils Politt (Katusha), Paul Martens (Lotto NL-Jumbo), Nikias Arndt und Simon Geschke (Sunweb), Marcus Burghardt (Bora) sowie John Degenkolb. Auf dem 29-jährigen Geraer von Trek-Segafredo ruhen nun die Hoffnungen. An diesem Freitag könnte er theoretisch seinem Etappen-Sieg in Roubaix einen weiteren folgen lassen. Ob für einen Sprint auf der 169,5 Kilometer langen Etappe von Bourg d’Oisans nach Valence noch genug Kraft in den Beinen ist, bleibt nach dem Alpen-Martyrium fraglich.

"Buht und pfeift ruhig, Aber packt uns nicht an, spuckt uns nicht an"

Einziger deutscher Gewinner in Alpe d’Huez war Simon Geschke. Der Berliner lieferte wie auf den vorangegangenen Alpen-Etappen eine starke Leistung ab und unterstützte seinen Kapitän Tom Dumoulin. Bis zum „Berg der Holländer“ hielt der bestplatzierte Deutsche im Gesamtklasement eindrucksvoll mit der Favoriten-Gruppe mit. Im Ziel machte der 32-Jährige schnell kehrt und rollte den Berg zurück. Kraft schonen für die nächsten Aufgaben, für Dumoulin, dessen Hoffnung auf den ersten Sieg weiterlebt.

Es ist nur eine Hoffnung. Denn wie auf der zweiten Alpen-Etappe präsentierte sich Geraint Thomas in Topform. Im Ziel wurde der Waliser wie Froome ausgepfiffen, Froome wurde auf dem Anstieg sogar geschubst. Das Publikum nimmt dem viermaligen Champion die Asthmamittel-Affäre übel. „Wenn ihr Sky nicht mögt, okay. Buht und pfeift ruhig, das ist in Ordnung. Aber packt uns nicht an, spuckt uns nicht an", warnte Thomas. Froome, der als Vierter ins Ziel kam, wird sich mit den Reaktionen weniger beschäftigen, als damit, wie er seinen eigenen Mannschaftskollegen schlagen kann.