Radsport

Schubsen, drängeln, triumphieren: Das ist die Tour de France

Peter Sagan aus der Slowakei mühte sich am Mittwoch die Alpenpässe hinauf.

Peter Sagan aus der Slowakei mühte sich am Mittwoch die Alpenpässe hinauf.

Foto: dpa

Die Tour de France ist nicht nur für Radprofis das härteste Rennen der Welt. Unser Reporter berichtet von Vorfreude auf Alpe d’Huez.

Annecy. Verdammt! Das war knapp. Ein Amateurradfahrer auf dem Anstieg nach La Rosière hat plötzlich ausgeschert. Für einen Moment dachte ich: Ich erwische ihn. „Man muss manchmal echt aufpassen, dass man nicht jemanden auf der Haube hat“, hat ein Kollege gesagt. Jetzt weiß ich, was er damit meint.

Donnerstag geht es hinauf nach Alpe d’Huez. Es ist die wohl legendärste Etappe der Tour de France, bei der es mit dem Col de Madeleine und dem Col de la Croix de Fer zwei über 20 Kilometer lange Anstiege vor der Ankunft in dem bekannten Wintersportort gibt.

Geschlafen wird im Auto

„Die Stimmung zum Alpe d’Huez ist genial“, sagt der deutsche Sunweb-Profi Nikias Arndt. „Das kann einen beflügeln, wenn man einen Durchhänger auf den letzten Kilometern hat.“ Tausende Menschen werden sich an den engen Bergstraßen drängeln. Einen ersten Vorgeschmack haben die Fahrer schon bei der Bergankunft am Tag zuvor bekommen. Stunden vor dem Start säumen Fans die Straße hinauf. Auch Rainer und Monika aus Bochum.

„Wir sind gestern Abend schon angereist und haben im Auto übernachtet“, sagt Rainer. Sie sitzen in Campingstühlen unter einem Sonnenchirm, der sie vor der Hitze schützt. Jedes Jahr pilgern sie zur Tour de France. Rainer, ehemaliger Radrennfahrer, sagt: „Die Hubschrauber über dem Feld, die Fahrer, die sich den Berg hochkämpfen – da ist viel Adrenalin dabei.“

Wir schauen uns wortlos an. Ich halte der alten Dame ein Papier unter die Nase, erkläre, dass ich ein Zimmer bei ihr gebucht habe. Sie versteht kein Wort. Sie sagt etwas auf Französisch. Ich hoffe, es heißt: dass ich eintreten darf. Sie zeigt mir das Zimmer, ich weiß überhaupt nicht, wo ich bin, irgendwo in der Nähe von Mur-de-Bretagne (Etappe 6), aber das Zimmer ist schön. Am nächsten Morgen gehe ich ins Wohnzimmer. Ein Mann sagt „Bonjour Monsieur“ und verschwindet in der Küche. Es gibt Orangensaft, Baguette und hausgemachte Marmelade. Aus der Küche tritt die Gastgeberin mit einer Kanne Kaffee. Ich verstehe „Journalist“ und „Tour de France“ und sage: „Oui!“

André Greipel sitzt mit tiefen Kratzern an Knie und Ellenbogen auf der Stufe des Teambusses. Es ist Sonntag, neunte Etappe, soeben hat John Degenkolb den Sieg über rumpelige 22 Kilometer Kopfsteinpflaster nach Roubaix geholt. Die Journalisten drängen sich um den Deutschen, schubsen einander weg, um das beste Bild zu bekommen. Einer hat es geschossen: Degenkolb, verschwitztes dreckiges Gesicht, zeigt mit dem Finger in den Himmel. Ein echter Held.

Greipel erklärt seinen Sturz

Aber was ist mit Greipel? Der Rotuinier aus Rostock erklärt den Journalisten seinen Sturz, erklärt, wie die nächsten Tage aussehen nach einer Woche ohne Sieg. Der Schweiß läuft seine Stirn hinunter. 156,5 Kilometer für nichts. Greipel, 35 Jahre, warum machst du das?

Ein Junge fragte das Michael Matthews, der später wegen Magenproblemen aufgeben musste. Warum machen Sie das? Er meinte: Warum der Australier nach hunderten Kilometern vor dem Teambus auf seinem Rad weiter strampelt. „Damit meine Muskeln nicht hart werden.“ Um Matthews tobte die Menge, Journalisten und Fans rannten von Bus zu Bus im Zielbereich.

800 Kilometer bis Annecy. War klar, dass das an einem Abend nicht zu schaffen ist. Ich halte nach Mitternacht an einem Hotel in Dijon an, der Tacho zeigt etwas mehr als 3000 gefahrene Kilometer. Ich stehe im Zimmer und schaue auf die Straße. Die erste Nacht, als ich ebenso lang fahren musste, habe ich im Auto auf einem Raststättenparkplatz geschlafen. Hinter mir hielt ein Lieferwagen, nachts um drei. Ich musste an die Leute denken, die auf Raststätten überfallen werden. Jetzt habe ich ein sicheres Hotelzimmer. Man lernt mit der Zeit. Schlafen kann ich deswegen nicht. Draußen läuft der Motor eines Kühlwagens.

Ihm gehe es nicht so gut, sagt Tony Martin, als er aus dem Röntgenwagen in Amiens kommt. Sein Rücken ist voller Schrammen, seine Lippe musste genäht werden.

Tränen bei Craddock

Später wird er erfahren, dass die Tour für ihn beendet ist. Wirbelbruch. Ein Dutzend Fahrer mussten bereits aufgeben. Lawson Craddock fährt mit einem gebrochenen Schulterblatt weiter. Der US-Profi hat geweint, nicht wegen der Schmerzen, sondern weil er die Tour womöglich aufgeben muss.

Die Verletzungen machen das größte Radrennen der Welt anekdotenreich. Aus den Geschichten werden Mythen, und manches wird übertrieben. Aber die Verletzungen sind echt. Ebenso wie die Toten. Der berühmteste Fall ist der des Briten Tom Simpson, der 1967 entkräftet und von Drogen vergiftet auf dem Mont Ventoux zusammenbrach.

Im französischen Film „Elf Uhr nachts“ blickt Jean-Paul Belmondo in einer Szene in den Rückspiegel und sagt: „Ich sehe einen Mann, der mit 120 Sachen in den Abgrund rast.“ Seine Filmpartnerin Anna Karina erwidert, sie sehe eine Frau, die in einen solchen Mann verliebt sei. Bei der Tour de France trifft beides zu. Fahrer scheinen die Gefahr zu akzeptierten. Die Fans lieben sie.

Zuerst ertönte der Schrei, dann das dumpfe Geräusch eines aufschlagenden Körpers. Es ist kurz vor Rennende, vor der heißen Phase, wo es gilt, die letzten Informationen zusammenzusuchen, bevor es rausgeht, zu den Fahrern und den Bussen, bevor der Text in kürzester Zeit geschrieben werden muss. Eine Reihe hinter mir ist ein älterer Kollege zusammengebrochen, er fiel bewusstlos vom Stuhl. Andere Journalisten helfen ihm hoch. Er blutet an der Nase. Sanitäter kommen.

Es gibt zwei Momente, wo alle, wirklich alle Journalisten im Pressezentrum gebannt auf den TV-Bildschirm starren: Auf den letzten Metern eines Massensprint, wenn die Nerven vibrieren, wenn sich ein Peter Sagan mit animalischer Energie nach vorne schiebt, wenn sein Rad unter der enormen Kraft der Beine des Slowaken zu zerbrechen scheint und er wie ein Motorrad über die Ziellinie rauscht. Alle rennen los, um eine Stimme oder ein Bild zu ergattern. Zwei Etappen hat Sagan schon gewonnen.

Profis beißen Zähne aufeinander

Der andere Moment dauert wesentlich länger und lässt den Pegel der Anspannung langsamer steigen. Es passiert auf dem Anstieg des letzten Berges. Vor den Fahrern öffnet sich mit jedem Tritt das Zuschauermeer, die Radprofis beißen die Zähne aufeinander. Sie scheinen kaum voran zu kommen, treten und treten immer weiter, den nicht enden wollenden Berg hinauf. Sie wissen: Oben gewinnt nur einer