Gesundheit

Eine gute Beziehung zum Arzt kann lebenswichtig sein

Dr. Yael Adler klärt über Tabuthemen auf.

Dr. Yael Adler klärt über Tabuthemen auf.

Foto: Duffe / Thomas Dufflé

In ihrem Buch „Wir müssen reden, Frau Doktor“ gibt Ärztin und Autorin Yael Adler Tipps, wie sich Arzt und Patient besser verstehen.

Berlin. Es gibt kaum eine intimere Beziehung zwischen zwei Menschen als die zwischen Arzt und Patient: Ärzte fassen ihre Patienten an jeder denkbaren Stelle an, inspizieren den kompletten Körper und hören sich ihre gesundheitlichen und privaten Probleme an.

Die Deutschen gehen im internationalen Vergleich besonders häufig zum Arzt – durchschnittlich 18 Mal pro Jahr. Wir verbringen also jede Menge Zeit mit den „Engeln in Weiß“ und bauen dabei eine Beziehung auf, die wortwörtlich lebenswichtig sein kann. Ist das Verhältnis zwischen Arzt und Patient gestört, steht es dem Heilungsprozess im Wege.

Yael Adler schreibt über Beziehungsprobleme zwischen Arzt und Patient

Yael Adler ist das Problem aus ihrer eigenen Praxis bekannt. Sie ist Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Berlin und hat gerade nach zwei Bestsellern ihr drittes Buch veröffentlich. In „Wir müssen reden, Frau Doktor!“ deckt Adler auf, warum eine gute Arzt-Patienten-Beziehung so wichtig ist – und was beide Seiten für ein optimales Verhältnis zueinander tun können.

In ihrem Buch berichtet Adler aus dem eigenen Alltag. Anhand wahrer Geschichten, die sie selbst erlebt oder erzählt bekommen hat, erklärt die 47-Jährige, wo die Beziehungsprobleme zwischen Arzt und Patient liegen können – und wie man sie am besten umgeht.

Der deutsche Arzt hat sieben Minuten pro Patient

Lange Wartezeiten, Personalmangel, hohe Kosten für teure Medizintechnik und ein großer Verwaltungsaufwand, dafür aber wenig Zeit für Gespräche mit den Patienten: Adler spricht von einer „fatalen Entwicklung“ des Gesundheitssystems in Deutschland und ist der Meinung, dass eine Reformierung dringend notwendig wäre. „Denn es knirscht an einigen Ecken und Enden.“

Laut einer Studie der Universität Harvard liegt die Bundesrepublik unter den reichen Industrieländern auf Platz vier bei den Gesundheitskosten, aber nur auf Platz zehn bei der Lebenserwartung. Und in kaum einem anderen Land sprechen Ärzte und Patienten so wenig miteinander.

Während ein Arzt in Schweden im Schnitt ganze 23 Minuten mit einem Kranken verbringt, bleiben einem deutschen Arzt gerade einmal sieben Minuten pro Patient. Der Zeitdruck in Deutschlands Praxen und Kliniken ist enorm.

Operationen werden viel besser bezahlt als Gespräche

Es handelt sich um ein strukturelles Problem, das Adler in ihrem Buch ausführlich erläutert. Hinzu kommen wirtschaftliche Zwänge: Technische Medizin und Operationen werden von den Krankenkassen deutlich besser bezahlt als Gespräche.

Um die eigene Praxis und die Angestellten finanzieren zu können, bieten Ärzte in der Regel lieber das an, was von den Kassen auch bezahlt wird und nicht das, wofür sie am Ende selbst drauf zahlen.

Adler fordert: „Auch für Ärzte sollte es sich wieder lohnen, mit Patienten ins Gespräch zu kommen.“ Im Verhältnis zur teuren Apparate- und Reparaturmedizin müsse die „sprechende Medizin“ weiter aufgewertet und besser honoriert werden.

Doch wer „Wir müssen reden, Frau Doktor!“ liest, dem wird schnell klar, wie unübersichtlich und schwer zu reformieren das Gesundheitssystem Deutschlands ist.

Arzt und Patient müssen selbst für eine bessere Beziehung sorgen

Viele Experten setzen deshalb auf die Digitalisierung, auf das intelligente Krankenhaus der Zukunft. Smart Hospitals sollen Pflegekräfte und Ärzte durch Volldigitalisierung und künstliche Intelligenz entlasten und so mehr Zeit für die Arbeit am und mit dem Patienten ermöglichen.

Doch bis es soweit ist, können Jahre, wenn nicht Jahrzehnte vergehen. Bis dahin müssen Ärzte und Patienten wohl oder übel eigene Wege finden, um aus eigener Kraft für eine bessere Beziehung zueinander zu sorgen.

Was der guten Arzt-Patienten-Beziehung im Weg steht

Denn auch auf menschlicher Ebene kommt es immer wieder zu Fehlverhalten und Missverständnissen, die einer guten Arzt-Patient-Beziehung im Wege stehen. Wie in der Liebe wachsen Nähe und Vertrauen nur, wenn beide Partner im Dialog sind und wie in einer Liebesbeziehung auch, ist Kommunikation dabei der Schlüssel.

Im Druck des Alltags geht das aber gerne mal unter. Der Patient motzt die Krankenschwester an, die Ärztin nimmt sich keine Zeit für die Diagnose – kleine Momente, die leicht vermeidbar sind. „Es ist immer Zeit für eine freundliche Geste“, meint Adler.

Zum Gesundwerden gehört ein Gefühl der Geborgenheit

Selbst in der Notaufnahme – wo Zeit absolute Mangelware ist – könne und müsse man einander mit Respekt begegnen. Ein Lächeln kostet weder Zeit noch Geld und jeder weiß, dass zum Gesundwerden immer auch ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit gehört.

Durch eine angemessene Kommunikation schaffen Ärzte Vertrauen, das letztlich lebenswichtig sein kann. Wenn Patienten Angst haben, dass sie vom Arzt belehrt oder gar abgelehnt werden – wenn also zu wenig Vertrauen besteht – dann werden sie vermutlich all die Dinge verheimlichen, die ihnen Missbilligung einbringen könnten.

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Schwindelt der Patient, kann es gefährlich werden

Einer aktuellen Studie aus den USA zufolge haben 60 bis 80 Prozent der Patienten schon mindestens einmal ihren Arzt angeschwindelt. Eine erstaunlich hohe Zahl, wenn man bedenkt, was diese vermeintlich kleinen Lügen nach sich ziehen können. Zum Beispiel, wenn vor einer Operation der Konsum von Drogen verneint wird und das dann während des Eingriffs zu Komplikationen führt.

Auch ein empathieloser Arzt, der dem Kranken die lebensverändernde Diagnose zwischen Tür und Angel mitteilt, oder eine Ärztin, die die Probleme des Patienten nicht ernst nimmt, kann traumatisierende und schwerwiegende Folgen haben.

Yael Adler gibt Tipps für die Suche nach dem richtigen Arzt

Was also können wir tun? „Patienten müssen Verantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen“, sagt Adler. Deshalb gibt sie in ihrem Buch Tipps, wie man den richtigen Arzt für sich selbst findet, wie man sich auf einen Arzttermin vorbereiten kann und was zu tun ist, wenn es zu Problemen im Krankenhaus oder der Praxis kommt.

„Sie dürfen und sollten Pfleger und Ärzte darauf hinweisen, wenn Sie sich in Ihren Rechten missachtet fühlen“, schreibt Adler. Das könne für alle hilfreich sein. „Es rüttelt wach, es öffnet die Augen bei Betriebsblindheit und kann ein Umdenken auslösen.“

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„Ärzte sollten mit allen Patiententypen zurechtkommen“

Von ihren Kolleginnen und Kollegen fordert sie mehr Empathie, die man – nach Meinung der Expertin – durchaus erlernen kann. Oft würde es aber auch einfach schon reichen, sich der Bedeutung von richtiger Kommunikation bewusst zu werden und diese im stressigen Arbeitsalltag nicht gleich wieder zu vergessen.

„Es wäre wünschenswert, wenn Ärzte mit allen Patiententypen zurecht kämen“, sagt Adler. Nur so können sie Mut machen, Hoffnung geben und ihre Patienten auf den mitunter schwierigen Wegen der Genesung begleiten.