Covid-19-Pandemie

Überschuss an Corona-Impfstoff: Soll Deutschland spenden?

Lesedauer: 6 Minuten
Jochen Gaugele und Beate Kranz
Scholz: Nichtgeimpfte sollen Tests künftig selbst zahlen

Scholz: Nichtgeimpfte sollen Tests künftig selbst zahlen

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz spricht sich in der Gesprächsreihe "Brigitte Live" für Tests für Reiserückkehrer aus. Dabei betont er auch, dass freiwillig Nichtgeimpfte ihre Tests "dann irgendwann selber zahlen müssen."

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Entwicklungsminister Müller will überschüssige Vakzine aus Deutschland an ärmere Länder spenden. Das könnte die Pandemie eindämmen.

Berlin. Als die Corona-Impfstoffe von Biontech, Moderna, Astrazeneca und Johnson & Johnson in Europa zugelassen wurden, war die Nachfrage riesig. Viele Menschen rissen sich im Frühjahr darum, so schnell wie möglich eine Dosis zu erhalten. Das Begehren war groß, aber die verfügbaren Vakzine produktionsbedingt noch so knapp, dass eine Impfreihenfolge nach Alter, Beruf und Vorerkrankungen eingeführt wurde.

Die Folge: Junge beneideten die Betagten, Ärzte und Ärztinnen sowie das Pflegepersonal, die zuerst an der Reihe waren. Ziel des Gesundheitsministeriums war es, zunächst die besonders gefährdeten Gruppen zu schützen, um schwere Krankheitsverläufe zu verhindern.

Obwohl diese Situation erst wenige Monate her ist, hat sich die Lage mittlerweile gedreht. 91,57 Millionen Impfungen wurden seit Jahresbeginn in Deutschland verabreicht. Aktuell sind laut Robert-Koch-Institut (RKI) 61,5 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal geimpft. Gut die Hälfte (51,5 Prozent) ist komplett geimpft, bei den über 60-Jährigen sind es sogar 79,1 Prozent. Doch die Nachfrage nach Corona-Impfungen lässt mehr und mehr nach.

Die Impfkampagne lahmt – Entwicklungsminister Müller will Dosen spenden

Angesichts des schleppenden Impftempos hat Entwicklungsminister Gerd Müller nun dazu aufgerufen, mehr Impfstoff an Entwicklungsländer abzugeben. „Die Abgabe von überschüssigen Impfdosen ist der schnellste Weg, die weltweite Impfkampagne voranzubringen“, sagte der CSU-Politiker unserer Redaktion.

Müller erinnert an die Zusage der Regierung, ärmeren Ländern bis Ende des Jahres mindestens 30 Millionen Dosen zur Verfügung zu stellen. „Diese Menge sollten wir schrittweise weiter aufstocken, weil inzwischen in Deutschland ausreichend Impfstoff verfügbar ist.“ Es wäre nicht nachvollziehbar, „wenn bei uns Impfdosen verfallen, die in anderen Ländern dringend gebraucht werden“.

In Afrika sind bisher weniger als zwei Prozent der Menschen vollständig geimpft

Einige Länder hätten sich bis zu acht Dosen pro Kopf gesichert, kritisierte der Minister. „Sie können ohne Probleme einen Teil davon abgeben, sodass alle Entwicklungsländer Zugang zu Impfstoffen haben.“ Müller warnte: „Die Welt darf nicht gespalten werden in Länder, die sich mit hohen Impfraten schnell wirtschaftlich erholen können, und solche, die dem Virus schutzlos ausgeliefert bleiben.“

In Afrika seien bislang weniger als zwei Prozent der Menschen vollständig gegen Covid-19 geimpft, führte Müller aus. „Hier ist jede zusätzliche Impfdosis wichtig.“ Drängend sei die Lage auch in Lateinamerika und in Asien. „Nur eine weltweite Impfkampagne“, so der Minister, „ist der Weg aus der Krise.“

Die Impfquote ist stark vom Wohlstand des jeweiligen Landes abhängig

Tatsächlich ist die Versorgungslage vielerorts desolat. Insbesondere in Entwicklungsländern herrsche eine „akute und alarmierende Knappheit“ an Vakzinen, warnten die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Welthandelsorganisation (WTO), der Internationale Währungsfonds (IWF) sowie die Weltbank in einem gemeinsamen Appell. Länder mit großen Impffortschritten sollten dringend Dosen für ärmere Länder freigeben.

Derzeit ist die Höhe der Impfquote stark vom jeweiligen Wohlstand der Länder abhängig. So wurden weltweit bisher mehr als vier Milliarden Corona-Impfungen verabreicht. Länder mit den höchsten Einkommen verfügen laut Weltbank im Schnitt über 98,2 Dosen pro 100 Einwohner, in den 29 ärmsten Ländern gibt es nur 1,6 Dosen je 100 Einwohner.

Bis Jahresende soll Deutschland mehr als 300 Millionen Impfdosen erhalten

Auch Deutschland hat – nach anfänglichen Lieferschwierigkeiten – üppig bestellt und erhalten. Bis Ende Juli wurden laut Bundesgesundheitsministerium mehr als 106 Millionen Dosen der in der EU zugelassenen Impfstoffe ausgeliefert.

Bis zum Jahresende soll die Bundesrepublik 276,4 Millionen Dosen der Impfstoffe Biontech, Moderna und Astrazeneca bekommen haben, für die jeweils zwei Impfungen notwendig sind. Hinzu kommen weitere 36,7 Millionen Dosen des Vakzins von Johnson & Johnson. Die Menge reicht damit nach jetzigem Stand rechnerisch für alle aus, um sogar eine dritte Impfung – falls notwendig – zu erhalten.

Die Vakzine drohen zu verfallen – erste Bundesländer geben Tausende Dosen zurück

Doch der Bestand ist nur wenig hilfreich, wenn die Bereitschaft zum Impfen nicht bei allen Bürgerinnen und Bürgern vorhanden ist. Obwohl man sich bundesweit in vielen Impfzentren mittlerweile ohne Anmeldung kostenlos eine Spritze abholen kann, sind diese nur noch selten voll ausgelastet und bleiben auf Impfdosen sitzen.

Die ersten Bundesländer können somit längst nicht mehr den bestellten Impfstoff komplett injizieren. Die wertvollen Stoffe drohen zu verfallen. Berlin, Hamburg, Hessen und Niedersachsen haben deshalb bereits angekündigt, Zehntausende Dosen zurückzugeben. Andere Länder wie Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein prüfen noch, wie viel sie wieder abtreten können.

Bund will künftig nur noch nach Bedarf an die Bundesländer liefern

Um einen Verfall zu verhindern, will der Bund die Impfstoffe ab Mitte August nur noch nach Bedarf an die Bundesländer liefern und nicht mehr nach einem festen Verteilungsschlüssel. Impfstoffdosen könnten an das zentrale Lager des Bundes zurückgegeben werden.

Voraussetzung für die Spenden ist laut Bundesgesundheitsministerium, dass diese noch mindestens zwei Monate haltbar sind. Gespendet werden sollten zudem nur Impfdosen aus Impfzentren, nicht jedoch aus Arztpraxen oder von Betriebsärzten. Als Erstes sollen Corona-Vakzine von Astrazeneca und Johnson & Johnson an den Bund zurückgehen, die in den Verteilzentren lagern und diese seit der Lieferung nicht verlassen haben.

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