Corona-Pandemie

Wo in Europa die Delta-Variante auf dem Vormarsch ist

| Lesedauer: 10 Minuten
Gudrun Büscher und Julia Emmrich
Diese Regeln gelten bei der Einreise nach Deutschland

Diese Regeln gelten bei der Einreise nach Deutschland

Wegen der sich vielerorts ausbreitenden Delta-Variante des Coronavirus wird über schärfere Einreiseregeln diskutiert. Schon heute hat Deutschland aber die wohl strengsten Bestimmungen in Europa.

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Die hoch ansteckende Delta-Virusvariante breitet sich in Europa aus. An vielen beliebten Reisezielen steigt der Anteil nun deutlich.

Berlin. 
  • In vielen Ländern in Europa sorgt die Delta-Variante für steigende Corona-Zahlen
  • Welche Länder sind von der Ausbreitung am stärksten betroffen?
  • Wo die Zahlen derzeit stark steigen, lesen Sie hier

In den ersten Bundesländern beginnen in diesen Tagen die Sommerferien, Millionen Familien machen sich auf den Weg in den Urlaub. Es ist eine Reise ins Ungewisse. In Deutschland und vielen anderen Ländern wächst die Sorge: Wie schnell wird sich die hoch ansteckende Delta-Variante des Coronavirus in Europa verbreiten? Welche Folgen hat das für den ungeimpften Teil der Bevölkerung? Ein Lagebericht – zu Beginn der Sommerreisezeit. Lesen Sie hier: Urlaub wegen Delta-Variante in Gefahr? So ist Lage in Kroatien, Spanien, Griechenland

Delta: Welche Länder sind von der Variante betroffen?

  • Der Anteil der hochinfektiösen Variante lag in der dritten Juniwoche bundesweit bereits bei 36 Prozent, sagte RKI-Chef Lothar Wieler nach Informationen unserer Redaktion bei der Konferenz der Gesundheitsminister der Länder am Montag.
  • Da die Daten am Montag allerdings schon einige Tage alt gewesen seien, sei der Delta-Anteil mittlerweile sogar auf rund 50 Prozent zu schätzen. Das RKI veröffentlicht seine Berichte zu den Virusvarianten jeden Mittwochabend.
  • Experten zufolge könnte die Delta-Variante schon Anfang Juli auch in Deutschland dominieren.

"Wir müssen damit rechnen, dass Anfang Juli in Deutschland auch die Meldezahlen wieder hochgehen", folgert deshalb Virologe Christian Drosten. Das sei aber derzeit nur eine Hypothese. Deutschland habe noch Chancen, den Wettlauf gegen Delta zu gewinnen, wenn die Inzidenz in den nächsten Wochen weiter sinke. Das Robert-Koch-Institut und Bundesregierung rechnen in jedem Fall damit, dass Delta früher oder später die dominierende Variante sein wird.

Portugal gilt für zwei Wochen als Virusvariantengebiet
Portugal gilt für zwei Wochen als Virusvariantengebiet

Die Bundesärztekammer warnt deshalb dringend vor risikohaftem Verhalten. "Auf Reisen in Regionen, die von der Delta-Variante besonders betroffen sind, sollte verzichtet werden", sagte Ärztepräsident Klaus Reinhardt unserer Redaktion. Wenn Vorsicht und Verantwortung gewahrt seien, spreche dagegen nichts gegen Urlaubsreisen. Für viele Menschen sei der Urlaub nach den Belastungen der letzten Monate wichtig für das seelische Gleichgewicht. "Notwendig ist aber die Einhaltung der Hygieneregeln auch im Urlaubsort", mahnte Reinhardt. In der Politik werden die Rufe nach schärferen Regeln für Reiserückkehrer lauter.

Allein schon mit Blick auf einen geregelten Schulbetrieb nach den Sommerferien müsse man "alles dafür tun, einen starken Wiederanstieg der Infektionszahlen, wie derzeit in Großbritannien, zu verhindern", so Reinhardt. Alle Erwachsenen sollten deswegen die Impfangebote wahrnehmen und auch fristgerecht die notwendigen Zweitimpfungen vornehmen lassen.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) warnte trotz der einstelligen Werte bei den Corona-Inzidenzen vor Übermut. Man müsse "das richtige Maß an Freiheit und Vorsicht finden." Am Freitag hatte die Kanzlerin mit Blick auf die EU gemahnt: Es gebe eine verbesserte, aber noch keine perfekte Koordinierung bei den unterschiedlichen Einreiseregeln in der EU. Deutschland habe sehr strikte Regeln, andere Länder weniger strikte.

Die Sequenzierung der Virusproben, die zur Untersuchung von Corona-Mutationen nötig ist, läuft von Land zu Land sehr unterschiedlich ab. Daher sind die Delta-Zahlen einzelner Nationen nicht ideal miteinander vergleichbar.

Delta hat Großbritannien fest im Griff – Regierung reagiert mit Impf-Offensive

In Großbritannien macht Delta inzwischen über 90 Prozent aller Neuinfektionen aus. Die Infektionszahlen steigen rasant an. Auch in den Krankenhäusern liegen wieder mehr Covid-19-Patienten. Die landesweite Sieben-Tage-Inzidenz liegt aktuell bei 182.

Die Delta-Variante greift im ganzen Land um sich, es gibt zudem manche Hotspots mit Inzidenzen von über 500. Die Gesundheitsbehörden haben in diesen Gebieten bei der Impfkampagne einen Gang höher geschaltet. Mehrere Londoner Fußballstadien wurden am Wochenende zu Massen-Impfzentren umfunktioniert, der Andrang war riesig. Das Turbo-Impfprogramm scheint bereits einen Unterschied zu machen: In manchen Hotspots verlangsame sich die Zahl der Neuinfektionen, sagte Susan Hopkins von Public Health England.

Trotz der noch immer hohen Fallzahlen finden in Großbritannien EM-Spiele mit Tausenden Zuschauern statt. Für das Halbfinale und das Endspiel hat die Europäische Fußball-Union Uefa die Kapazität auf 60.000 Fans festgesetzt. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat sich erneut für eine Verlegung der entscheidenden Spiele bei der Fußball-EM und zudem weniger Zuschauer beim Duell von Deutschland gegen England im Wembley-Stadion ausgesprochen.

Corona-Mutation: Das sind die Symptome der Delta-Variante
Corona-Mutation: Das sind die Symptome der Delta-Variante

Delta in Portugal: In der Algarve schnellen die Infektionszahlen in die Höhe

Portugals Hauptstadt musste wegen der Ausbreitung der Delta-Variante wieder in den Lockdown. Vier Tage lang war der Großraum Lissabon abgeriegelt. Auch an den kommenden Wochenenden wird die Stadt immer wieder in den Lockdown gehen. Eine Ausweitung der Restriktionen ist nicht ausgeschlossen.

Die landesweite Sieben-Tage-Inzidenz in Portugal kletterte auf 101,7. Der Delta-Anteil ist auf 56,2 Prozent gestiegen - in Lissabon mache die Corona-Mutation sogar mehr als 60 Prozent aller Fälle aus, teilten Portugals Gesundheitsbehörden mit. Der Virologe Pedro Simas warnte, Delta könne bald einen Anteil von 90 Prozent erreichen.

Das RKI teilte vergangene Woche mit, dass Portugal wegen der Ausbreitung der besonders ansteckenden Delta-Variante des Virus als Virusvariantengebiet eingestuft wird - zunächst für zwei Wochen. Dies bedeutet ein umfangreiches Beförderungsverbot für Fluggesellschaften, Bus- und Bahnunternehmen. Zahlreiche Deutsche brachen ihren Portugal-Urlaub ab. Für diejenigen, die nach Deutschland einreisen dürfen, gilt eine 14-tägige Quarantänepflicht. Sie kann nicht durch einen Test verkürzt werden und gilt auch für vollständig Geimpfte und Genesene.

Auch an der portugiesischen Urlaubsküste Algarve steigen die Infektionsfälle bedenklich. Aus der Algarve-Region wurde eine Sieben-Tage-Inzidenz von 224,2 gemeldet. Dort liegt nach Behördenangaben der Delta-Anteil bereits bei über 70 Prozent. In Portugal vermutet man, Delta könnte von Touristen aus Großbritannien mitgebracht worden sein. Auch Reisende aus Indien trugen nach Angaben der portugiesischen Behörden zur Verbreitung bei.

Virenforscher Simas bezweifelte, dass sich die Ausbreitung von Delta mit Abriegelungen aufhalten lasse. Der beste Schutz sei die laufende Impfkampagne – etwa 25 Prozent der Portugiesen haben bisher den kompletten Impfschutz.

Spanien: Auf Mallorca verbreitet sich die Delta-Variante

Auch im Nachbarland Spanien breitet sich die Variante schnell aus. Auf Mallorca ist sie nach Angaben der lokalen Behörden bereits für zehn Prozent aller Fälle verantwortlich. In der Mittelmeerregion Katalonien mit der populären Urlaubsküste Costa Brava wird jede fünfte Ansteckung durch Delta verursacht. Landesweit liegt der Delta-Anteil bei über 20 Prozent.

Russland: Virusvariantengebiet aufgrund von Delta-Mutation

Zum Delta-Hotspot hat sich auch Russland, vor allem Moskau entwickelt. In der russischen Hauptstadt traten wegen des dramatischen Anstiegs der Corona-Infektionen mit der Delta-Variante am Montag (28. Juni) verschärfte Pandemie-Bestimmungen in Kraft. Unternehmen müssen die Anzahl ihrer Mitarbeiter im Büro um 30 Prozent reduzieren. Geimpfte Mitarbeiter sind ausgenommen. Zudem müssen alle Arbeitnehmer im Alter von über 65 Jahren sowie jene mit Vorerkrankungen von zu Hause aus arbeiten. Die Stadt führte außerdem einen "Anti-Covid-Pass" für das Ausgehen ein.

Delta-Variante: Corona-Zahlen in Russland steigen rasant
Delta-Variante: Corona-Zahlen in Russland steigen rasant

In Moskau werden nach Angaben von Bürgermeister Sergej Sobjanin derzeit täglich fast 2000 Infizierte in die Krankenhäuser eingeliefert. Sobjanin zufolge macht die Delta-Variante 89 Prozent der Neuinfektionen aus. Aber schon seit Monaten warnen Experten vor einer dritten Welle, weil es an konsequenten Schutzmaßnahmen mangelt und sich zu wenige Russen impfen lassen. Es gibt kaum Einschränkungen. Auch die Fußball-EM läuft weiter. In Sankt Petersburg stehen noch zwei Spiele mit je bis zu 35.000 Zuschauern an. Es gilt Maskenpflicht, aber die Gaststätten schließen erst um 2 Uhr nachts.

Und auch was Reisen angeht, will man sich keinen Zwang antun. Russlands Fluglinien fliegen wieder die Türkei an, das Lieblingsland der russischen Urlauber. Das Robert Koch-Institut teilte mit, dass auch Russland als Virusvariantengebiet eingestuft wird, was ein weitreichendes Beförderungsverbot und strikte Quarantäneregeln für Einreisende zur Folge hat.

Frankreich und Belgien: Delta-Anteil steigt schnell

Auch in Frankreich ist ein Anstieg der Delta-Variante zu beobachten. Präsident Macron zufolge stand der Wert vergangene Woche bei "neun bis zehn Prozent". Nur eine Woche zuvor hatte er von lediglich sechs Prozent gesprochen.

Ähnlich schnell steigt der Delta-Wert in Belgien. Die Mutation ist den Gesundheitsbehörden zufolge auch hier auf dem Vormarsch - was wiederum auf den Tourismus zurückgeführt wird. Demzufolge ist seit Samstag, 26. Juni die Einreise ins Land für Reisende aus insgesamt 24 Ländern bis auf wenige Ausnahmen untersagt. Das Einreiseverbot gilt unter anderem für das Vereinigte Königreich sowie Länder aus Südamerika und Afrika.

Österreich lockert weiter: Die Clubs sollen aufmachen

In Italien und Österreich hält sich die Ausbreitung der Delta-Mutante noch in Grenzen. In Italien macht sie etwa fünf Prozent der Infektionen aus. Angesichts insgesamt sinkender Corona-Fallzahlen ist in Italien die Maskenpflicht im Freien aufgehoben worden. Auch die letzte noch geltende regionale Ausgangssperre fiel weg. Auch für Touristen aus der Europäischen Union, Großbritannien, den USA, Kanada und Japan ist die Einreise wieder ohne Quarantäne möglich - wenn sie geimpft sind oder einen negativen Test vorweisen können.

In Österreich warnen Virologen, Delta werde sich zur dominierenden Variante entwickeln. Dem österreichischen Gesundheitsministerium zufolge macht die Delta-Variante derzeit etwa ein Viertel der Infektionen aus. Dennoch kündigte Kanzler Sebastian Kurz das Ende der Maskenpflicht an und will die Clubs wieder öffnen.

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