Pandemie

Corona: Müssen die Schulen doch bald wieder schließen?

Schon hunderttausende Schüler in Quarantäne

Die Zahl der mit dem Coronavirus infizierten Schülerinnen und Schüler in Deutschland ist laut der einem Zeitungsbericht deutlich gestiegen.

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Immer mehr Schüler und Lehrer infizieren sich mit dem neuartigen Coronavirus. Was spricht gegen erneute Schulschließungen – was dafür?

Berlin. 
  • Im November sind wegen der Corona-Pandemie Restaurants, Cafés und Co. geschlossen – Schulen und Kitas sind jedoch weiterhin offen
  • Trotz Hygienevorschriften stecken sich allerdings auch immer mehr Schüler und Lehrkräfte an
  • Daher stellt sich die Frage: Wäre es besser, Schulen und Kitas doch wieder zu schließen?
  • Was für erneute Schulschließungen spricht – und was dagegen

Im Zuge des aktuellen Teil-Lockdowns wurden Gastronomie- und Kulturbetriebe erneut geschlossen – doch Schulen und Kindergärten bleiben geöffnet. Obwohl sich der Anstieg der Corona-Fallzahlen derzeit etwas abflacht, verzeichnete das Robert Koch-Institut (RKI) am Freitag erneut einen Infektions-Rekordwert.

Derweil steigt auch in Schulen die Zahl der Infizierten – sowohl beim Personal als auch bei den Schülerinnen und Schülern. Blick nach Berlin: Zwar sind auch hier trotz Pandemie alle Bildungseinrichtungen geöffnet. Allerdings sind derzeit 1022 Corona-Fälle bei Schülerinnen und Schülern und 341 bei Mitgliedern des Personals an öffentlichen allgemeinbildenden Schulen bekannt. Mehr zum Thema: Corona-Gipfel von Bund und Ländern – Das plant Bundeskanzlerin Merkel

Das belegen Daten, die die Senatsverwaltung für Bildung veröffentlicht hat. Damit sei die Zahl der Infizierten in der vergangenen Woche deutlich gestiegen. Nichtsdestotrotz drängen viele Expertinnen und Experten weiterhin darauf, Schulen nicht zu schließen. Andere warnen davor, dass der Präsenzunterricht den Verlauf der Pandemie zusätzlich befeuern könnte. Unter anderem SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnte im Interview mit unserer Redaktion vor den Auswirkungen, die offene Schulen auf den Verlauf der Pandemie in Deutschland haben können.

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Eltern üben Kritik am Corona-Infektionsschutz an Schulen

Auch Elternvertreter üben Kritik am Infektionsschutz an Schulen. Darunter die niedersächsische Vorsitzende des Landeselternrats, Cindy-Patricia Heine: „Bisher wird in der Schule der geringstmögliche Gesundheitsschutz angewandt, das ist nicht nachvollziehbar“, sagte diese der Deutschen Presse-Agentur.

Sie fordert etwa das Aufstellen von Plexiglaswänden, damit im Unterricht auf Masken verzichtet werden könne. Lesen Sie auch:

Auch durch die vielerorts überlasteten Gesundheitsämter könne derzeit kein Gesundheitsschutz gewährleistet werden. Für den Elternrat sei es zwar unstrittig, dass alle Präsenzunterricht wollen, aber natürlich immer unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln , sagte Heine.

Unterricht in der Pandemie: Präsenz-, Distanz- oder Hybridunterricht?

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert angesichts der hohen Zahl von Corona-Erkrankungen ebenfalls einen besseren Infektionsschutz in Schulen – und einen Wechsel zwischen Heim- und Präsenzunterricht . „Bildungseinrichtungen offen zu lassen bedeutet nicht, den Regelbetrieb und den Präsenzunterricht an allen Orten und jederzeit unter allen Bedingungen aufrechtzuerhalten“, teilte die GEW mit. Lesen Sie auch: Corona-Gipfel in Berlin – Wann tritt Merkel vor die Presse?

Claudia Pick, Vorsitzende des Landeselternbeirats Gymnasien Schleswig-Holstein, sprach sich gar für sogenannten Hybridunterricht aus. Dabei wird ein Teil der Klasse direkt von der Lehrerin oder dem Lehrer unterrichtet, während andere Schüler übers Internet von zu Hause zugeschaltet sind. Diese muss allerdings frühzeitig geübt werden, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur.

Denn Schulen seien dafür sehr unterschiedlich aufgestellt. So gebe es praktische Probleme wie unzureichendes WLAN in Schulen, mangelndes technisches Wissen bei Lehrerinnen und Lehrern, Datenschutz-Aspekte und auch pädagogische Probleme.

Bildungsforscher fordert kleinere Klassen und größere Abstände

Ohne die Bereitschaft zu Abstrichen bei den Bildungsinhalten, ohne weiteres pädagogisches Personal, ohne zusätzliche räumliche Kapazitäten, ohne Erweiterungen beim Schülertransport und konsequentere Hygienemaßnahmen wird sich das Versprechen geöffneter Einrichtungen nicht durchgängig halten lassen, mahnt GEW-Chefin Uschi Kruse.

Der Kieler Bildungsforscher Olaf Köller warb in der Debatte dafür, zumindest ältere Schüler digital von zu Hause zu unterrichten. Diese könnten mit dem Distanzlernen über mehrere Wochen hinweg besser umgehen als jüngere. Zum anderen müssten sie nicht von den Eltern betreut werden.

Programme für den Distanzunterricht sollten dabei langfristig bis Ende März angelegt werden und nicht nur bis Weihnachten, sagte Köller der Deutschen Presse-Agentur. Der Psychologe hat an mehreren Stellungnahmen der Nationalen Akademie der Wissenschaften, Leopoldina, zur Corona-Pandemie mitgeschrieben.

Angesichts der aktuellen Lage rät dieser, jüngere Klassen zudem wieder zu verkleinern und Abstände untereinander zu vergrößern. „So lange wir keine Massenimpfungen haben und es kalt und winterlich ist, wird das Infektionsgeschehen problematisch bleiben“, so Köller.

Die Hoffnungen, dass Schüler weniger infektiös seien, habe sich nicht erfüllt. Vielmehr gebe es gerade bei jungen Menschen eine hohe Dunkelziffer , weil sie infiziert seien, ohne Krankheitssymptome zu zeigen. Lesen Sie mehr: Corona, Grippe oder Erkältung? Symptome richtig deuten

Diskussion über Sinn und Unsinn verlängerter Weihnachtsferien

Im Interview mit der „Bild am Sonntag“ schlug Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier indes Schulunterricht in geschlossenen Gaststätten und Hotels vor. So könnten die Abstandsregeln besser eingehalten werden, was in Klassenräumen oft schwer sei. „Ich würde es begrüßen, wenn der Unterricht deshalb auch zum Beispiel in Gemeindezentren, Kulturhäusern oder in den ungenutzten Räumen von Gaststätten und Hotels stattfinden würde“, sagte der CDU-Politiker.

GEW-Chefin Kruse sprach sich außerdem für ein Vorverlegen der Weihnachtsferien auf den 18. Dezember aus. Über den Sinn längerer Weihnachtsferien wird in der Politik ebenfalls heftig diskutiert. Ein Streitpunkt ist dabei unter anderem, wie die Notbetreuung für Schülerinnen und Schüler an den zusätzlichen Ferientagen sicherstellt werden kann.

Vor der Schaltkonferenz der Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) rückt die Debatte über den Umgang mit Schulen in der aktuellen Phase der Pandemie nun erneut in den Fokus. So könnte es wegen der steigenden Zahl von Corona-Fällen und Quarantäne-Anordnungen bei Lehrkräften und Schülern in der Beratung der Regierungschefs auch darum gehen, wie die Schulen offen gehalten werden können.

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Karl Lauterbach warnt vor Fortsetzung des bisherigen Schulbetriebs

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sprach sich gegenüber unserer Redaktion dafür aus, die Schulen auf jeden Fall offen zu halten, warnte aber vor einer Fortsetzung des bisherigen Schulbetriebs. „Wir kommen in eine Situation hinein, wo der Schulbetrieb für Kinder, Lehrer, Eltern und Großeltern zu einem hohen Risiko wird.“

Lauterbach rät, die Schulklassen aufzuteilen und „im Winter durchgehend mit Maske“ zu unterrichten. Denn: Kinder im Alter von zehn bis 19 seien genauso ansteckend wie Erwachsene. Er gehe dvon aus, dass der aktuelle Teil-Lockdown verlängert werden müsste. „Neben den Schulen ist eine zu geringe Beschränkung privater Kontakte wahrscheinliche Ursache.“

Gegen eine erneute Schließung von Schulen wie im März dieses Jahres sprach sich auch die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Stefanie Hubig (SPD), aus. In einem Interview sagte sie, dass das Recht auf Bildung so lange wie möglich in Schule und Kita verwirklicht werden soll. (elik/dpa)